ARTHUR RUBINSTEIN
Mit vier Jahren zerbrach der geniale Knirps ein elterliches Geschenk, eine Geige, und verlangte dickschädelig ein Klavier.
Mit Mozart debütierte er, zwölfjährig, in Berlin; und als er, knapp 90, seine letzten Konzerte gab, schrieb ehrfurchtsvoll ein Kritiker: »Die Klavierwelt verneigt sich vor ihrem alten König.«
Sie hatte ihm gehuldigt wie kaum einem Virtuosen dieses Jahrhunderts, seiner berauschenden Musikalität, dem betörenden Wohlklang seines Spiels, seinem impulsiven Temperament. Er war, wie Picasso bemerkte, »ein junger Gott«, der ebenso sensibel und vital musizierte, wie er das Leben genoß.
Arthur Rubinstein war 1887 im polnischen Lodz als siebentes, unerwünschtes Kind eines jüdischen Fabrikanten geboren worden. Die Eltern schickten den Hochbegabten nach Deutschland, in die Klavierlehre. Als Halbwüchsiger war er der gehätschelte Wunderknabe der europäischen Society. Kaviar und Champagner waren ihm wichtiger als Ackorde und Oktaven. Der frühreife Playboy Arthur interessierte sich »zu 90 Prozent für Frauen. Ich wollte jede haben«.
Faunisch durchstreifte er die Salons, vernachlässigte sträflich die Piano-Etüden. Er meinte, sich das leisten zu können: »Großzügiger Pedalgebrauch und meine angeborene Virtuosität überdeckten jeden musikalischen Mord.«
Er war damals »ein sehr böser, schlechter Junge, faul und alles mögliche«. Die Einsicht, daß zu Genie sich technisches Können gesellen muß, reifte spät in ihm, mit 45, als er eine polnische Dirigententochter ehelichte, sein »Leben in einem ruhigeren Schritt verlief«. In einem Einöddorf in Savoyen übte er sich in technischer Präzision und bekam die Karriere »in den notwendigen Griff«. Er spielte, mit rauschendem Erfolg nun auch bei skeptischen Kritikern, in aller Welt - Deutschland hatte er für ewig entsagt, seit die kaiserlichen »Folterknechte« 1914 in Frankreich einrückten; nach 1933 kamen »noch zwingendere Gründe dazu«.
Rubinstein beherrschte ein fast unübersehbares Repertoire. Er spielte Brahms, Schubert, auch Modernes, am liebsten, mit unvergleichlicher Eleganz, die Walzer, Nocturnes und Mazurken von Chopin. »Beethoven«, sagte er, »geht zu Herzen, ein paar Noten von Mozart, und man kann weinen. Bei Chopin erkennt jeder, was für ein Wunder das Klavier ist.« Und lächelnd fügte er hinzu: »Mit Chopin kommt man bei Damen weiter.«
Mitte der 70er Jahre gab Rubinstein, der grandiose Naive, der Leben und Luxus »leidenschaftlich, bedingungslos« liebte, seine Abschiedsvorstellungen, fast blind und taub. Er spielte, so die »Süddeutsche Zeitung«, »jeden Akkord wie ein Allerheiligstes«. Man kann, sagte der Greis, »überall glücklich sein, sogar auf dem Totenbett«.
Letzten Montag starb Rubinstein in seiner Genfer Wohnung an einem grippalen Infekt.