ÄRZTE Ruf wie Donnerhall
Im prunkvollen »Königsaal« des Münchner »Palais Montgelas«, Dependance des Prominenten-Hotels »Bayerischer Hof«, erklärte der furchtlose Einzelkämpfer seinen Widersachern den totalen Krieg. Vorbei, rief er am Dienstag letzter Woche, sei »die Zeit der verzettelten Kleinkriege«. Er, Professor Julius Hackethal, werde nunmehr »zur Großoffensive übergehen«.
Der Kampfansage im deutschen Süden -- ausgesprochen auf einem Presseempfang des Molden-Verlags, der soeben unter dem Titel »Nachoperation« Hackethals jüngstes Buch auf den Markt bringt -- ließ der Professor, im Norden der Republik, unverzüglich Taten folgen*.
Unter Schmähungen kündigte der Lauenburger Chirurg und Bestseller-Autor ("Auf Messers Schneide") seinen Vertrag mit der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein und verzichtete auch auf seine Bestallung als »Durchgangsarzt« und »Beratungsfacharzt« beim Landesverband Nordwestdeutschland der gewerblichen Berufsgenossenschaft: Im herrschenden »inhumanen Krankheits-Zwangs-Versicherungs-Verarztungs-System (KZVVS)«, so Hackethal, könne er guten Gewissens nicht länger mitwirken.
Zugleich aber gab er, Knalleffekt, in einer »Patienten-Information« bekannt, daß er in seiner Klinik dennoch auch künftig Kassenpatienten behandeln wolle. Den gesetzlichen Krankenversicherungen, die ihm dafür mit Sicherheit das Honorar verweigern werden, kündigte er schon jetzt einen »Musterprozeß« an -- was dem Versuch gleichkommt, das westdeutsche Gesundheitssystem im Alleingang aus den Angeln zu heben: High Noon in der Laufbahn des Medizin-Rebellen?
Daß Hackethal, tollkühn geworden, sich bei dem geplanten Kraftakt übernehmen könnte, schwante in der letzten Woche sogar einigen seiner Bewunderer, die ihn bei einer Telephon-Aktion der Münchner »Abendzeitung« um Rat baten, aber auch ermutigten.
Ob er, Hackethal, nicht vielleicht doch allmählich »zu einem Michael Kohlhaas« werde, wollte ein besorgter Berufskollege wissen -- Antwort: »Ich neige nicht zum Märtyrertum oder zum Kamikaze. Ich habe schon über alles gründlich nachgedacht.«
Zweifel sind erlaubt; denn schlechthin unbegreiflich bleibt, weshalb Hak-
* Julius Hackethal: »Nachoperation«. Verlag Fritz Molden. Wien; 276 Seiten; 19,80 Mark.
kethal nun ohne Not aufgibt, was er noch vor wenigen Monaten erbittert und erfolgreich verteidigt hatte -- seine Zulassung als Kassenarzt, die ihm damals wegen eines Bagatell-Vorwurfs entzogen werden sollte. In dem Plan, ihn als Kassenarzt auszubooten, sah er seinerzeit einen »Versuch, meine Existenz zu vernichten«.
Eher vage und willkürlich begründet Hackethal zudem sein vermeintliches Recht, auch weiterhin Kassenpatienten behandeln zu dürfen: Weil italienische oder belgische Mediziner in ihren Ländern ohne förmliche Kassenzulassung etwa deutsche Touristen verarzten und ihre Leistungen in der Bundesrepublik mit den gesetzlichen Krankenversicherungen abrechnen dürfen, müsse es ihm, meint Hackethal, erlaubt sein, ebenso zu verfahren -- eine offenbar wacklige Argumentation.
Inzwischen allerdings braust Hackethals ärztlicher Ruf wie Donnerhall durch deutsche Lande. Zumindest zwischen Hannover und Flensburg gilt seine Privatklinik als Hort humaner Krankenpflege und chirurgischer Qualitätsarbeit. Und mit seinem ersten Buch, einer Kampfschrift gegen ärztliche Behandlungsfehler, hat Hackethal den Bundesbürgern deutlich aus der Seele gesprochen.
Weit mehr als 600 Aktenpakete, gefüllt mit Leidensgeschichten, lagern derzeit unerledigt in seiner Praxis -- Material für Kunstfehler-Gutachten und, überdies, ein ständig wachsender Vertrauensbonus. Ihn will Hackethal für seinen Kampf gegen den maroden Medizinbetrieb nun einlösen: »Auf
* Bei der Vorstellung einer von ihm entworfenen Krankenhauskleidung.
meiner Seite«, glaubt er fest, »stehen die Patienten und die Medien.«
Seinen Kassenpatienten, die ihm gelegentlich in Zeitungsanzeigen ihre Solidarität bekundet haben, will Hackethal fortan außer dem Krankenschein eine Erklärung abverlangen, in der sie ihre Ansprüche auf Kostenerstattung an den Professor abtreten.
»Dabei«, heißt es in dem Patienten-Revers, »gehe ich davon aus, daß er (Hackethal) wie jeder Arzt einen Anspruch auf eine angemessene Vergütung hat, für die aber die derzeitigen
Krankenkassen-Gebührenordnungen kein verbindlicher Maßstab sein können.« Obendrein verspricht der Patient, »den Arzt bei der Durchsetzung seiner Ansprüche zu unterstützen«.
Hackethal, beraten von dem Kölner Rechtsanwalt Dr. Georg Meinecke, einem Experten in Kunstfehler-Prozessen, glaubt bereits zu wissen, wie er seine Honoraransprüche zunächst einmal wird durchsetzen müssen: »Gegen die erste Kasse, die nicht zahlt, werde ich eine einstweilige Verfügung erwirken.«
Die Frage, ob das gelingen könnte, bereitet Hackethal selber »vorläufig noch kein Kopfzerbrechen«. Er ist davon überzeugt, daß ihn die Flucht aus dem Kassenarztsystem in ein ärztliches Reich der Freiheit führen werde -- eine geläuterte Medizin ohne »seelenlose Fließbandarbeit« und »Massenverarztung« und ohne die »Willkür und Schikanen der KZVVS-Funktionäre«.
Kein Zweifel, daß Hackethal weiß, wovon er spricht, wenn er die Skala schikanöser Belästigungen anprangert, die das System gegen Medizin-Dissidenten aufbietet: Drei Beamte, ausgestattet mit einem Durchsuchungsbefehl für Praxis, Privatwohnung und Auto, schickte ihm erst kürzlich die Staatsanwaltschaft Lübeck ins Haus, um die Krankenpapiere einer Abtreibungs-Patientin zu beschlagnahmen. Die Aktion, ausgelöst durch den Alarm der zuständigen Gesundheitsfunktionäre. ergab am Ende wieder mal, daß der Verdacht gegen Hackethal unbegründet war.
Dagegen spricht einiges für die Vermutung, daß Hackethal, trotz robuster Konstitution, nach einer Serie ähnlicher Anschläge nun doch Wirkung zeigt und zu Kurzschlußreaktionen neigt. So gleicht etwa sein neues Buch »Nachoperation« eher einem furiosen Rundschlag gegen die etablierte Medizin als einer klug kalkulierten »Großofffensive«.
Neben der Schilderung haarsträubender Behandlungsfehler oder berechtigter Kritik an »den vielfachen Folterungen moderner Intensivmedizin« bringt Hackethal diesmal auch eine Abrechnung mit der -- in der Bundesrepublik erst ansatzweise entwickelten -- Vorsorgemedizin.
In Bausch und Bogen verwirft er beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen gegen Prostata-Krebs mit der Begründung, diese Tumor-Art sei vergleichsweise ungefährlich, während jede Behandlung dem Patienten mehr Schaden als Nutzen bringe -- zwei Thesen, denen angesehene Fachleute, so etwa der Kölner Urologie-Professor Carl-Erich Alken, unterdessen scharf widersprochen haben.
Eine ähnliche holzschnittartige Kritik übt Hackethal auch an der gängigen Brustkrebsvorsorge und -behandlung, wobei er sich besonders heftig gegen die von ihm so genannte »Atomsprühfeuerdiagnostik« wendet. Mit dem modernen Bestrahlungsinstrumentarium, klagt er, würden viele Brustkrebskranke zu »Röntgenruinen« gemacht.
Zwar, daß Vorsorgeuntersuchungen, Gewebsentnahmen, Operationen und Strahlenkuren eine Krebserkrankung unter Umständen auch beschleunigen statt eindämmen könnten, diesen Gedanken formulierte fast gleichzeitig mit Hackethal der Kasseler Strahlenmediziner Professor Ernst Krokowski (SPIEGEL 23/1977) -- der allerdings erhielt dafür auf einem Kongreß den Beifall der Fachkollegen.
Doch Hackethal. der sich nun (nachträglich) auf Krokowski beruft, faßte dasselbe in die Form polternder Polemik und verscherzte sich damit erstmals die Gunst auch liberaler Medien: Die Hamburger »Zeit« zieh ihn der Verbreitung »fragwürdiger Theorien«.
Zweifel an seinem fachlichen Renommee aber könnten für Hackethal gefährlich werden. Riskant genug lebt er ohnehin. Mißlingt sein Kassen-Coup, so liegt die Brenndauer des Dynamikers aus Lauenburg nach eigener Einschätzung noch bei drei Monaten -- danach müßte er seine Klinik schließen.