SCHALLPLATTEN / NEU IN DEUTSCHLAND Ruht wohl
Fünf Aufnahmen der Johannes-Passion sind schon auf dem Markt. In Kürze offeriert Electrola die sechste:
Zu Karl Forsters philharmonischer Gewalt und Günther Ramins nüchternem Kantorenfleiß, zu Eugen Jochums frömmelndem Pathos, Karl Richters empfindsamer Pseudowissenschaftlichkeit und Hans Gillesbergers historisch-kritischer Sachlichkeit kommt nun Wolfgang Gönnenweins Leidensgeschichte. Sie klingt wie ein Querschnitt aus all dem Vorhandenen.
Während das Consortium musicum in kleiner Besetzung mit gutem Erfolg sich um verschämt gefühlsbetonte Klänge und saubere Solo-Begleitungen müht, quält sich der Süddeutsche Madrigalchor mit unüberbietbarer Schwerfälligkeit durch die Choräle und Massenchöre. Während Elly Ameling in klaren Tönen ihrem Herrn »mit freudigen Schritten« folgt und ihr Herze »in Fluten der Zähren« zerfließen läßt, näselt Kurt Equiluz, vom Orchester ständig überrannt, atemlos: »Ach, mein Seel, wo willst du endlich hin.«
Während Franz Crass verhalten-objektiv die Worte Christi verkündigt, setzt Evangelist Theo Altmeyer alles daran, in expressiver Gefühligkelt die Syntax des Johannes wie die des Johann Sebastian in subjektiv-hermeneutischer Breite abzuändern. Selbst den Freunden technischer Dramatisierungstricks wird entsprochen: Die Stimmen der »im Freien« verhandelnden Magd und des Petrus werden über Hall verfremdet.
Bis dahin wird der Hörer vermutlich gar nicht kommen. Schon vorher hat er der Aufforderung des Schlußchores entsprochen: »Ruht wohl!«