Run auf Mann - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN Run auf Mann

Mit ihrer »Buddenbrooks«-Serie hat die ARD sensationellen Publikumserfolg.
• aus DER SPIEGEL 48/1979
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Golo Mann empfindet »große Bewunderung« fur das Opus. Auch dem Bundespräsidenten hat es sehr behagt: »So ist der Bildungsauftrag des Fernsehens vorbildlich verwirklicht.«

Karl Carstens zum Hochgenuß zeigt der Hessische Rundfunk die teuerste, pompöseste Serie der deutschen TV-Geschichte, »Buddenbrooks«. Elfteilig, überwiegend in Danzig, hat Franz Peter Wirth den Thomas-Mann-Roman verfilmt; seit sechs Wochen beglückt das Festspiel die ARD-Kundschaft. Die Frankfurter Anstalt frohlockt über sensationelle Einschaltquoten, der Thomas-Mann-Verlag S. Fischer macht ein schönes Geschäft. Regisseur Wirth hatte es schon bei der Dreharbeit prophezeit: Mit den »Buddenbrooks« komme »etwas Kostbares« auf den Schirm.

Zwölfeinhalb Millionen Mark investierten die Hessen in das Schaustück und haben damit ARD-intern beträchtliches Prestige gewonnen. Zum Serientermin am Montag, diesem Stammplatz für Unterhaltungsplotten und phantasiekillende Belletristik-Verfilmungen' hat noch kein Sender ein ähnlich massenwirksames Werk herausgebracht.

Zur »Buddenbrooks«-Premiere, am 15. Oktober, waren 43 Prozent der TV-Geräte eingeschaltet; kontinuierlich stieg die Quote bis zur sechsten Folge, letzten Montag, auf spektakuläre 48 Prozent. Dem »Eisernen Gustav«, zum Vergleich, waren im Durchschnitt nur 40 Prozent vergönnt. 16,3 Millionen Zuschauer also scheinen die TV-,"Buddenbrooks« für »Unterhaltung im besten Sinn« (Wirth) zu halten.

Es hat nichts gefruchtet, daß Fernsehrezensenten das Wirthsche Werk eher als einen Akt von Dichterschändung schmähen oder bestenfalls als Sedativum fürchten. Die sterilen, leeren Tableaux, mit denen Wirth den Nieder-

* Cover-Photo: Ruth Leuwerik, Martin Benrath.

gang der lübschen Kaufherrenfamilie illustriert, nennt die Zürcher »Weltwoche« eine »Edel-Schmiere von tadelloser Perfektion«. Die Ironie des Romans, ächzt das »Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt«, »ist bei Wirth auf den Hund der Albernheit gekommen«; das »Filigran der Mannschen Prosa« sei »dahin«, das Ganze ein »luxuriöses Mißverständnis«.

Aber die Serie hat auch eine erfreuliche Nebenwirkung. Der Buchhandel meldet lebhafte Nachfrage, Sehnsucht nach dem gedruckten Mann. Zur TV-Sendung hatte der 5. Fischer Verlag 100 000 Exemplare einer gebundenen »Buddenbrooks«-Sonderausgabe aufgelegt, davon sind 90 000 ausgeliefert. Beim Taschenbuch rechnet der Verlag mit einer Auflage von »über 100 000«. Ähnlich erfolgreich war S. Fischer letztes Jahr mit dem ZDF-Vierteiler nach Geb Manns Wallenstein-Biographie; die 35 000 Hardcover-Sonderdrucke waren nach der dritten Folge vergriffen.

Der Run auf Mann verblüfft auch den Hessischen Rundfunk. HR-Redakteur und Drehbuch-Mitautor Bernt Rothert hatte die Sehbeteiigung auf 35 Prozent geschätzt und muß nun »einige verlorene Wetten« bezahlen. Die Zuschauer, meint er, haben wohl vor allem »die prächtigen Bilder«, die »Sorgfalt im Detail« fasziniert.

Bis zum 23. Dezember, wenn Hanne, der letzte Buddenbrook, zu Grabe getragen wird, mögen sie alle sich an dieser Fallstudie delektieren. Den anderen, den Verdrossenen, hat längst die Frau Konsulin aus der Seele gesprochen: »Assez! Das interessiert uns nicht.«

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