FILM Rundflug mit Jesus
Das sei »die größte elektrische Eisenbahn, die Jungs je zum Spielen hatten!«, rief Orson Welles aus, als er erstmals ein Hollywood-Studio betrat. Sein Regiekollege Bryan Singer durfte nun für weit über 200 Millionen Dollar Lokführer des teuersten Zuges sein, den Hollywood je auf Reisen schickte: »Superman Returns«. Und was machte er mit all dem Geld? Er kaufte sich eine Modelleisenbahn der Firma Märklin und ließ sie vor der Kamera kreisen. Ruhig gleiten die Züge durch Landschaften aus Pappmaché, da lassen Erschütterungen die Waggons entgleisen. Ein Mann erhebt
sich über das Chaos: Lex Luthor (Kevin Spacey) hat den Untergang der USA geprobt. Rührend altmodisch wirkt diese Simulation, doch Luthor ist noch ein echter Selfmade-Schurke, der sich heruntergeschuftet hat in die Niederungen der Moral und der schwäbische Wertarbeit schätzt. Wenn aber einer wie er das Nonplusultra an Niedertracht darstellt, das die Welt zu bieten hat, dann fragt sich die Starreporterin Lois Lane (Kate Bosworth) im Film zu Recht: Braucht die Menschheit Superman? Nun, die Menschheit vielleicht nicht, aber Hollywood. Knapp zwanzig Jahre nach seinen letzten Rettungsflügen auf der Leinwand erlebt der Comic-Held ein Comeback. Und doch wirkt »Superman Returns« oft wie ein Remake der ersten großen Verfilmung von 1978. Ähnlich betulich wie damals Richard Donner erzählt Singer vom Kampf des Helden gegen seinen Gegner Luthor, der die USA im Meer versinken lassen will. Der Regisseur ließ Marlon Brando, der im Original Supermans Vater spielt, digital wiederauferstehen und modellierte Hauptdarsteller Brandon Routh nach dem Ebenbild von Christopher Reeve, dem Star von vier Filmen. Eines jedoch fehlt in »Superman Returns": die Twin Towers, die er 1978 elegant umkurvte. Doch von modernem Terror will der Held nichts wissen. Da steigt er lieber mit seiner Flamme Lois Lane in Jesus-Pose gen Himmel und fliegt über ein zeitloses New York. Superman ist zwar wieder da, aber im neuen Jahrtausend noch nicht recht angekommen.