Rustikaler Protest - DER SPIEGEL
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Rustikaler Protest

• aus DER SPIEGEL 32/1979
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Ein Dörfchen von 4000 Einwohnern, in dem (während der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts) pro Jahr sechs Morde begangen wurden: Dieser »Rekord« hat dem Hirtenort Orgosolo, einem der unwirtlichsten im Hochland Sardiniens, zu trübem Ruhm in Kriminalstatistiken verholfen.

Für die Festland-Italiener, denen die Sarden immer unheimlich geblieben sind, galt Orgosolo seit je als Heimat aller Banditen, als Räubernest schlechthin, und man fragte kaum, warum wohl gerade diese schwerbititigen Schafhirten so rasch mit dem Gewehr bei der Hand waren, gegeneinander oder gegen die als Urfeind empfundene Polizei.

Offenbar erleben die sardischen Gebirgler auch den modernen italienischen Staat als eine Kolonialmacht, gegen deren Polizeiordnung sie selbstmörderisch störrisch an den Vergeltungsprinzipien ihrer Sippenjustiz samt Blutrache festhalten.

Orgosolo ist unter den sardinischen Bergdörfern durch besonders langwierige und blutige Familienfehden berühmt, aber ebenso durch besonders massiven und solidarischen Widerstand gegen Eingriffe von außen. Ihren letzten Sieg haben die Orgosolesen 1969 errungen, als sie zwei voll gerüstete Armeedivisionen zurückschlugen, die Gebirgsweiden als Nato-Übungsplatz in Besitz nehmen sollten.

In den Jahren seither haben Zorn und Protest einen überraschend neuen Ausdruck gefunden: Von einem jungen Lehrer angeregt, begannen die Orgosolesen ihre geduckten grauen Häuser zu bemalen -mit Bekenntnissen, mit Parolen, mit farbkräftigen, großflächigen Agitationsbildern.

Diese Verwandlung eines finsteren Banditennestes ins Bunte haben nun Ben Granzer und Bernd Schütze in einem aufregenden Photoband dokumentiert: »Corazzu, Bilder des Widerstands an den Mauern Orgosolos« (Prometh Verlag, Köln). Alltagsszenen stehen da neben knalligen Allegorien, die für die Frauenemanzipation werben oder gegen die kapitalfreundliche Landwirtschaftspolitik protestieren, dazu vielgestaltiger Protest gegen Nato-Basen und -Schießplätze -- und der Malstil verquickt unbekümmert Picasso Polit-Graphik und die Naivität von Votivtafeln. Die häufig wiederkehrende Parole »Sardegna Colunia« faßt zusammen, wie die Orgosolesen sich sehen: als Kolonisierte, als Stück Dritter Welt inmitten der ersten.

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