Salami gesucht - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 56 / 83

ENTFÜHRUNGEN Salami gesucht

Ganz Irland fahndete nach einem Pferd - dem bei Nacht und Nebel entführten Super-Hengst Shergar.
• aus DER SPIEGEL 8/1983
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jeden Morgen, punkt Viertel nach sieben, bringt eine Bedienstete Ihrer Britannischen Majestät den Tee. Fünf Minuten später stellt der Telephonist des Buckingham Palace die Queen zur Königin-Mutter durch mit den Worten: »Your Majesty - Her Majesty, Your Majesty.«

Seit zwei Wochen jedoch hält sich die Queen nicht mehr an diese seit über S.214 einem Jahrzehnt geübte Routine. Noch bevor sie ihren Early Morning Tea nimmt und den morgendlichen Plausch mit der Frau Mutter hält, hört sie Radio und blättert die Zeitungen durch - in der Hoffnung, etwas über die 250 000 Pfund Sterling (knapp eine Million Mark) zu erfahren, die ihr kürzlich abhanden gekommen sind.

Soviel haben die Königin und 33 weitere wohlbestallte Leute - darunter der griechische Reeder Niarchos, Baron Guy de Rothschild und der englische Lord Derby - für ihren Anteil an dem fünfjährigen irischen Superhengst Shergar bezahlt, der am Dienstag vorletzter Woche aus seinem Stall im Gestüt Ballymany nahe der irischen Stadt Newbridge (Grafschaft Kildare) entführt wurde. Dort mehrt der Aga Khan, indischer Fürst und millionenschweres Oberhaupt der Ismaeliten, seinen Reichtum durch Pferdezucht.

Mit gezückten Pistolen waren die Übeltäter in das Haus des Stallmeisters von Ballymany gestürmt, der gerade mit Frau und Kindern beim Dinner saß. »Führ uns zu Shergar«, drohten sie, »sonst passiert deiner Familie was.«

Die Diebe verluden den auffällig gezeichneten Hengst - große Blesse und an allen Fesseln weiße Socken - in einen Pferdetransporter, den Stallmeister warfen sie in einen Lieferwagen und kutschierten ihn drei Stunden in der Gegend umher.

50 Meilen vom Gestüt entfernt stießen sie den 58jährigen aus dem Auto: »Wenn ihr das Pferd in einem Stück wiederhaben wollt, müßt ihr zwei Millionen Pfund aushusten.«

Mit Shergar entschwand einer der gefragtesten und teuersten Zuchthengste der Welt: als Dreijähriger hatte er 1981 sechs der acht bedeutendsten Galopprennen gewonnen, darunter das Derby in Epsom mit dem Rekordvorsprung von zehn Längen.

Sein Stammbaum ist so makellos wie der von Königin Elizabeth, die Zeugungskraft des Pferde-Aristokraten hat biblisches Format: Von 44 Stuten, die ihm im letzten Jahr zugeführt wurden, brachte er 42 in die gewünschten Umstände - für umgerechnet 260 000 Mark pro Erfolgs-Sprung.

Vor über einem Jahr hatte der Aga Khan das derart einträgliche Tier nach der im Pferdehandel heute weithin üblichen Salamitaktik verscherbelt: Weil selbst die Superreichen Mühe haben, die während der letzten Jahre ins Absurde gestiegenen Preise für Top-Zuchthengste zu bezahlen, werden die Pferde gleichsam scheibchenweise an ein sogenanntes Syndikat veräußert - einen Zusammenschluß von Millionären, die jeder einen Anteil an dem Zucht- oder Rennpferd zeichnen (SPIEGEL 6/1983).

Nachdem der Aga Khan, dessen Großvater sich noch von seinen Untertanen in Gold hatte aufwiegen lassen, 34 Shergar-Anteile losgeschlagen hatte S.215 (sechs behielt er), war er um rund 32 Millionen Mark reicher - kein schlechtes Geschäft: Den Hengst hatte er in Ballymany selbst gezogen.

Mit der Entführung des Millionen-Gauls haben die Täter eine kriminelle Marktlücke aufgespürt. Derzeit rätseln britische Rechtsgelehrte, ob die Entführung eines Pferdes ("Horsenapping") überhaupt strafbar ist, falls das Tier wieder zurückkommt. Unklar auch, um welchen Tatbestand es sich handelte, würden die Entführer etwa dem Pferd einen Hoden abschneiden - Diebstahl, Sachbeschädigung? Unstrittig ist nur, daß sie wegen Erpressung belangt werden könnten.

Wer hinter dem Coup steckt, blieb bis Ende letzter Woche so nebelhaft wie das irische Wetter. Die Entführer hatten sich weder bei Vertretern des Aga Khan gemeldet noch bei der Polizei, wozu sie Chief Superintendent James Murphy, der örtliche Polizeichef, unablässig aufgefordert hatte.

Manche Pferde-Experten glauben, es handele sich bei der Entführung um eine Racheaktion verfeindeter Züchter-Cliquen, die auch sonst nicht eben zimperlich miteinander umspringen. Besonders der Aga Khan ist bei den Züchtern und Rennstallbesitzern nicht sonderlich gelitten.

Wahrscheinlicher jedoch ist, daß es gar nicht um das Lösegeld, sondern um den Samen des Hengstes geht: Irgendein Züchter - möglicherweise ein irisches Bäuerlein, vielleicht einer der Größeren im Gewerbe - wolle, so meinen viele Fachleute, seine Stuten zum Nulltarif belegen lassen. Für diese These spricht, daß Shergar gerade jetzt, zu Beginn der »Saison« verschwand - zwischen Mitte Februar und Ende Mai sollen die Stuten laut Zuchtreglement gedeckt werden.

Mit landesüblichem Humor beteiligte sich die irische Bevölkerung an der Suche nach dem Hengst: Meist nach Kneipenschluß klingelten in Polizeistationen und Zeitungsredaktionen der Insel die Telephone - viele Anrufer vermuteten das Tier im Stall des Nachbarn, manche hatten es auf einer entlegenen Weide gesichtet; einer sah es, irischer Whiskey hat 43 Prozent, sogar »durch die Luft fliegen«.

Hunderte von Spaßvögeln gaben sich am Telephon als Aga Khan aus und erklärten sich bereit, jedes verlangte Lösegeld zu bezahlen. Angebliche Geiselnehmer riefen an und ermäßigten großmütig das Lösegeld auf 100 000 oder 40 000 Pfund; andere hatten den Vollblüter im Nahen Osten entdeckt - irische Phantasie kennt keine Grenzen.

Mit dem Hinweis, die Entführer hätten sie zu Unterhändlern auserkoren, bestellte ein Anrufer die drei bekanntesten englischen Pferde-Reporter ausgerechnet nach Belfast; tagelang warteten die Herren, unter ihnen ein waschechter Lord, dann zogen sie unverrichteter Dinge wieder ab. »Eine sinnvolle detektivische Arbeit ist da nicht möglich«, konstatierte Polizeichef Murphy.

Ergebnislos blieb bis Ende letzter Woche auch die Suche nach Shergar: Einige Tausend Polizeibeamte hatten mit Hunden und Hubschraubern die Highlands und die Moore abgegrast. Alles, was sie fanden, war ein Dutzend illegaler Destillen. »Es ist«, so Murphy, »als sei das Pferd vom Erdboden verschwunden.«

Zur Ausgabe
Artikel 56 / 83