KUNST Sanfte Andacht, kühle Erotik
Erhebt eure Hände zum Himmel«, so feuerte der Aufklärer Denis Diderot seine Leser an, »und ruft: Erhabener Le Sueur! Göttlicher Le Sueur!« Später freilich kam das Werk des »französischen Raffael«, des Malers Eustache Le Sueur (1616 bis 1655), wegen »affektierter Lieblichkeit« schwer in Misskredit. Nun ist Zeit für historische Gerechtigkeit: Mit rund 50 Gemälden und ebenso vielen Zeichnungen stellt das Museum von Grenoble Stärken und Schwächen des barocken Erfolgskünstlers zur Debatte (19. März bis 2. Juli). Die Alpenstadt hat eine besondere, wenngleich indirekte Beziehung zu Le Sueur. Denn von 1645 an lieferte er dem Pariser Kartäuserkonvent 22 virtuose Bilder aus dem Leben des Ordensgründers Sankt Bruno, und Meister-Schüler kopierten sie bald auch für das Mutterkloster, die Grande Chartreuse nahe Grenoble. Dessen Museum durfte den Zyklus während der Französischen Revolution zeitweilig seinen Beständen einverleiben, musste ihn später aber wieder herausrücken. Nun präsentiert es Beispiele daraus als Klosterleihgaben. Über solcher Arbeit war Le Sueur keineswegs zum Mönch geworden, wie eine Legende behauptete, sondern er beschloss seine Tage als viel beschäftigter, vielseitiger Chef eines großen Ateliers in Paris. Neben frommen Sujets in klassischgroßen Linien und sanften Farben zeigt die Ausstellung viele mythologische Szenen - einschließlich solcher von kühl berechneter Erotik. Eine von Renaissance-Akten angeregte »Schlafende Venus« weist auch schon auf Haremsszenen des Klassizisten Ingres voraus.