PSYCHOLOGIE Sanfte Helden
Es sei verhängnisvoll, »einfach nur ein Mann oder nur eine Frau zu sein«, schrieb die Schriftstellerin Virginia Woolf zu Beginn dieses Jahrhunderts. Der Mensch müsse beide Geschlechter in sich vereinen.
Was die englische Dichterin in den Salons der nachviktorianischen Epoche vertrat, fordert neuerdings die Wissenschaft: Männer und Frauen, meinen Psychologen, müßten heraus aus ihren Rollenstereotypen, mußten sich sowohl »typisch weiblich« als auch »typisch männlich« verhalten können. Wer in der traditionellen Geschlechterrolle steckenbleibe, werde es immer schwerer haben in der sich wandelnden Welt.
Unter der amerikanischen Studentenjugend hat es jeder dritte schon geschafft -- behauptet US-Psychologin Sandra Lipsitz Bem, die jetzt erstmals sogenanntes androgynes Verhalten genauer erforscht hat*.
Die Psychologin startete ihre Untersuchungen mit einer Fragebogen-Aktion. Rund 1500 Studentinnen und Studenten der kalifornischen Stanford University bekamen einen Bogen, auf dem sie 60 menschliche Eigenschaften als für sie selbst zutreffend abhaken mußten. Dabei hatten sie zu wählen zwischen je 20 traditionell-männlichen (ehrgeizig, draufgängerisch) und traditionell-weiblichen (sanft, verständnisvoll) sowie 20 neutralen Charakterzügen (gerecht, höflich)**.
Ergebnis: 35 Prozent der Befragten erwiesen sich als androgyn (sie hatten gleich viele »männliche« wie »weibliche« Wesensmerkmale angekreuzt). Rund 50 Prozent bewegten sich jeweils einseitig im Rollenklischee vom schwachen Weib und starken Mann. Der Rest war nicht klar einzuordnen.
In verschiedenen Tests wurde nun das Verhalten der drei Versuchsgruppen -- Supermänner, Weibchen und Androgyne -- untersucht: Um Fehlerquellen auszuschalten. wußten die Betroffenen nie. worum es eigentlich ging.
Zum Beispiel wurden sie in einen Raum geführt, in dem ein junges Kätzchen spielte -- oder in ein Zimmer, in dem ein sechs Monate altes Baby her-
* Androgyn: zusammengesetzt aus griech. aner = Mann, gyne = Weib.
** Wie beharrlich solche Rollen-Zuordnungen fortwirken, wird auch in deutschen Synonym-Wörterbüchern deutlich. So finden sich etwa in »Das treffende Wort«, neueste Auflage von 1973. für den Begriff »weiblich« Ausdrücke wie: »zimperlich«, »dämlich«, »schwach« Dagegen für »männlich": »reif«, »heldenhaft«, »kräftig«, »entschlossen«, »charakterfest«, »mutig«, »beherzt«, »willensstark«, »beharrlich«, »tapfer«, »tüchtig«, »rechtschaffen«.
umkrabbelte (vorher war ihnen gesagt worden, Untersuchungsgegenstand sei das Tier beziehungsweise die Reaktion des Kindes auf einen Fremden). Oder sie mußten unversehens Beichtvater spielen (in dem Glauben, es ginge um einen simplen Kontakt-Test).
Was Sandra Lipsitz Bem vermutet hatte, traf ein: Die Androgynen reagierten flexibler und wurden mit ungewöhnlichen Situationen besser fertig als die rollenfixierten Männer und Frauen. Je nachdem, wie die Situation es erforderte, verhielten sich die Androgynen mal »männlich« und mal »weiblich«; die Typisch-Männlichen und Typisch-Weiblichen hingegen versagten immer dann, wenn sie Aufgaben lösen sollten, die nicht zu ihrer herkömmlichen Rolle paßten.
Mit dem Baby zum Beispiel konnten die typisch-männlichen Versuchspersonen am wenigsten anfangen. Die femininen und die androgynen Frauen reagierten indes gleich positiv und auch insgesamt am besten auf das Kind: Sie lächelten es an, sprachen mit ihm, hoben es auf den Arm. Mit der Katze dagegen (Symboltier für Unabhängigkeit und Eigensinn) beschäftigten sich die typisch-weiblichen Frauen weniger intensiv als ihre androgynen Geschlechtsgenossinnen.
Besonders schlecht schnitten die »männlichen« Männer auch beim Beichtvater-Test ab: Nur 14 Prozent hatten ein offenes Ohr für die Probleme anderer, während 60 Prozent der übrigen Versuchspersonen Anteilnahme zeigten.
Bei diesem Test erreichten allerdings die typisch-weiblichen Studentinnen mehr Pluspunkte als ihre androgynen, also modern denkenden Kommilitoninnen.
Mutmaßung: Der neue Frauentyp, der bereit ist, ein Stück Männerrolle zu übernehmen, setzt seine karitativen Eigenschaften nicht mehr so bedingungslos ein wie die auf Weibchen dressierten Schwestern.