Sanfte Schatten - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 77 / 90

Presse Sanfte Schatten

»Viva«, ein neues Frauenmagazin, kam auf den amerikanischen Markt. Herausgeber ist Bob Guccione, schärfster Konkurrent des »Playboy«-Königs Hefner.
• aus DER SPIEGEL 43/1973
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sehnsüchtig niedergeschlagene Augenlider, leicht geblähte Nasenflügel, hochgeworfene Oberlippe, kleine Schneidezähne über kurzer Zungenspitze -- alles weich, wie durch einen seidenen Vorhang photographiert-, so liegt sie, millionenfach, seit Mitte letzten Monats an Zeitungskiosken in den USA: »Viva«, 156 Seiten stark, 481 Gramm schwer -- das neueste Ein-Dollar Hochglanzprodukt auf dem amerikanischen Zeitschriftenmarkt.

»Viva« soll ihrem Herausgeber, dem Italo-Amerikaner Bob Guccione, Zugang zu einem besonders lukrativen Zweig des Pressegeschäfts verschaffen: dem der Frauenmagazine. Guccione, dessen Herrenmagazin »Penthouse« innerhalb weniger Jahre zum gefährlichen »Playboy«-Konkurrenten wurde, will die Frauenzeitschriften nicht länger den Frauen überlassen. »Viva«-Werbeslogan: »Gemacht von Männern, die Frauen lieben -- für Frauen, die Männer lieben.« Die Zielgruppe für das neue Erzeugnis ist knusprig bis würzig: Großstadt-Frauen von 18 bis 34.

Mit seinem Einbruch in die Sphäre der »frommen Pornographen« -- wie der US-Schriftsteller William Iversen die herkömmlichen US-Journale ("Cosmopolitan«, »Redbook«, »Ladies Home Journal") wegen ihrer meist sehr drastischen, aber moralingefärbten Darstellung sexueller Themen nannte -- hofft Guccione seinen Erfolg auf dem Markt der Männermagazine zu wiederholen. In knapp vier Jahren hat »Penthouse« mit seinen Anti-»Playboy«-Mädchen ("Pets") eine 4,5-Millionen-Auflage erwirtschaftet ("Playboy": 6,7 Millionen). Vorletzten Monat konnte »Penthouse« erstmals mehr Anzeigen kassieren als Hugh Hefners Konkurrenzblatt. Das New Yorker Porno-Magazin »Screw« weiß auch, warum: »1492 entdeckte Columbus Amerika, 1972 entdeckte Guccione die Schamhaare.«

Gucciones Karriere begann mit Pinsel und Palette und mit einer Odyssee: In Brooklyn geboren, ging er als junger, aber erfolgloser Maler nach London, dann nach Italien, Deutschland und Tanger. In London, 1965, griff der selbstbewußte Frauenfreund ("Mein Schwanz ist außergewöhnlich") zur Kamera und beschloß, »Tabus wie Kegel purzeln zu lassen. Er gründete das europäische »Penthouse«, mit dem er vier Jahre später die Attacke in Hugh Hefners eigenem Land, den USA, wagte.

Der Newcomer kämpfte mit offenem Visier: Wo Hefners »Häschen« immer noch schamhaft ihre Schamhaare verbargen und eine Art von Marzipanschweinchen-Sex darboten, da gaben die Guccione-Mädchen in lustvollem Exhibitionismus den Blick aufs Letzte frei. Allerdings suchte Guccione durchweg nach Modellen, die sich zuvor noch nie vor einer Kamera entblößt hatten. Und er umgab die Mädchen mit altmodischen Accessoires, mit Messingmöbeln und Stechpalmen, hängte ihnen Ketten um, gab ihnen Federn zum Fächeln und zog ihnen Strümpfe an. Weichfilter vor der Linse und sanfter Schattenwurf dienten als letzte Hülle.

Auch im Textteil ist Guccione nicht gerade zimperlich. Beiträge in den letzten Heften: »Der Millionen-Dollar-Arsch«, »Geständnisse einer Pornographin«, »Die Kunst des Kuschelns« oder »Das befreite Callgirl«. Im »Penthouse= Forum« werden Sadismus und Masochismus und »Der kleine Unterschied« diskutiert.

Guccione, mittlerweile 42 und zweimal geschieden, liebt Frauen ("Ich glaube, ich hatte jede Hure der Via Veneto, aber nie für Geld -- ich hatte sie alle aus Freundschaft"). Und als er herausfand, daß mehr als 30 Prozent der »Penthouse«-Leser weiblich sind, beschloß er, nun auch ein Frauenmagazin herauszubringen.

»Aus der Rippe van Penthouse gemacht« -- so wirbt er für sein neues Magazin »Viva«, und er verspricht, »die geistigen wie die körperlichen Bedürfnisse« der Leserinnen zu befriedigen (auch der Leser offensichtlich): beispielsweise in einem 15-Seiten-Pictorial«, einer Art Ficknick im Grünen, nicht ohne Humor. Auch Politik kommt vor in »Viva« -- die Vietcong-Sympathisantin Jane Fonda wird arg gezaust. Und über 15 Textspalten druckte Guccione ein Gespräch über Frauen und Ehe -- mit dem 50jährigen Norman Mailer, 19 Bücher, vier Ehen, sieben Kinder.

Mauer ist wie ein Markenzeichen: Auch in »Viva« behalten die Männer die Hosen an. Kein Penis weit und breit, und die Männer haben nicht nur das erste (im Editorial von Guccione), sondern auch das letzte Wort ("New York Times«-Kolumnist Tom Wieker als Polit-Kommentator),

Das Vokabular der Damen-und-Herren-Magaziniers bleibt dabei deftig -- ganz so wie auf jener Party bei Bernie Cornfeld, als sich Papst und Gegenpapst des amerikanischen Sexblatt-Marktes trafen.

Guccione zu Hefner: »Deinem »Playboy' gebe ich nur noch zwei Jahre.« Hefners Antwort: »Fuck you.«

Zur Ausgabe
Artikel 77 / 90

Mehr lesen über