POPMUSIK Sanfte Schecks
Sie ist, sagt der Frankfurter Kritiker Ulrich Olshausen, die »Königin des Folksong«. Doch in Deutschland blieb die Amerikanerin Judy Collins. 32, bislang so gut wie unbekannt.
Denn jedesmal wenn Olshausen. Musikredakteur beim Hessischen Rundfunk, den Star von zwölf Langspielplatten und von stets ausverkauften Gala-Recitals in London und New York zu einem Konzert an den Main holen wollte, hatte der jüdische, aus Deutschland emigrierte Collins Manager Harold Leventhal abschlägigen Bescheid erteilt: »We don"t like Germany.«
Nun aber scheint die Abneigung überwunden und auch die Sorge um Verständigungsschwierigkeiten ausgeräumt: Am Montag dieser Woche singt Judy Collins zum erstenmal in der Bundesrepublik. Sie kommt zu einem Funk-Konzert in die Höchster Jahrhunderthalle. Anschließend will sie auch noch in Hamburg musizieren, »weil durch das Deutschland-Gastspiel von James Taylor in diesem Jahr klargeworden ist, daß englischer Gesang von den Deutschen verstanden wird«.
Auf das Verständnis ihrer Texte nämlich kommt es den angelsächsischen Song-Interpreten besonders an -- weit mehr als etwa den Beatgruppen, die hauptsächlich durch Fertigkeit am Instrument überzeugen. Und vor allem Judy Collins, die unter anderem Lyrik von Leonard Cohen, Jacques Brel und Bert Brecht vorträgt, hat auf poetische Verse »stets den größten Wert gelegt.
In den Liedern von »beiden Seiten des Lebens« ("Both Sides Now« war ihr größter Schallplatten-Erfolg) erzählt sie von »Glocken, dem Wind und den Träumen«, von »Walen und Nachtigallen«, von »Eiskrem-Schlössern« und von einem »Prinzen, der übers Meer oder über das Gebirge kommt«.
Mit den Idyllen verabreicht Judy Collins nicht selten auch sanfte Schocks: beispielsweise im Song »Come Away Melinda« über die schönen Dinge in einem alten Bilderbuch, die es nicht mehr gibt, »weil der Krieg sie kaputtgemacht bat«. Im »Patriot Garne« will ein sechzehnjähriger Ire den Helden der illegalen Republikanischen Armee nacheifern und wird von den Engländern kläglich zusammenkartätscht.
Früher hatte Judy Collins fast ausschließlich solche Protestgesänge intoniert. Die Tochter eines blinden Radioansagers aus Denver in Colorado, die schon zwölfjährig als Klaviersolistin mit dem lokalen Symphonieorchester auftrat, agitierte seit 1962 in den amerikanischen Südstaaten gegen die Rassendiskriminierung, gab mehr als tausend Wohltätigkeitskonzerte für Neger und Pazifisten und verfluchte den Vietnam-Krieg.
Ruhm als militante Bürgerrechtskämpferin, wie ihre Kollegin Joan Baez, erlangte sie dennoch nicht. Für ihr Publikum blieb sie -- nach überstandener Kinderlähmung, auskurierter Tuberkulose und einer gescheiterten Ehe -- das sensible, verletzliche Sorgenkind, die »Maid of Constant Sorrow«, als die sie sich 1961 auf einer Langspielplatte vorgestellt hatte.
Doch je mehr sie ihr Repertoire mit Kunstliedern aus dem 14. Jahrhundert, mit französischen Chansons, Theatersongs von Kurt Weil! und eigenen Melodien anreicherte, je häufiger sie sich von Folk-Rock-Ensembles und opulenten Studio-Orchestern begleiten ließ, desto mehr wurde sie für ihre Anhänger überdies zu einem »Inbegriff des Ästhetischen in der Popmusik«.
»Judy Collins«, urteilte der Kritiker Reginald Rudorf, »beherrscht fast mit dem Overdrive eines Glamour-Stars ihre Rolle von der schönen Stimme.« Und diese Alt-Stimme mit dem kleinen Vibrate und der makellosen Intonation wird nun auch von den Rock-Fans immer häufiger gehört. Zurück aus dem Underground, ernüchtert von Revolutionsillusionen und psychedelischen Räuschen, läßt sich die Beat-Generation nur allzugern von den Kindheitserinnerungen und Love-Storys einer Popmusik-Fee trösten.
»Vielleicht«, sagt Olshausen, »war es sogar gut, daß Judy Collins bisher nicht nach Deutschland gekommen ist. Das Publikum war für sie noch nie so aufnahmebereit wie im Augenblick.«