FERNSEHEN / Telemann SATÜRE
Schier alles durfte sie in Bonn, die »Münchner Lach- und Schießgesellschaft": ihre Brettlkünste zeigen, gegen Abgeordnete Fußball spielen, Parteihäuptern die Hand schütteln, mit dem Bundeskanzler in Privataudienz plaudern - und damit sich der »neue Stil« der Ära Erhard auch in den Äther fortpflanze, lud das Zweite Fernsehen den L&S-Gesellen Dieter Hildebrandt, den Textdichter Klaus Peter Schreiner und den Kleinkunst-Promoter Sammy Drechsel zu einer Diskussion in sein Bonner Studio ("Ach, wie schießt ihr scharf!«, 3. Mai).
Ihnen gegenüber wurden in Stellung gebracht: Bundestagspräsident Gerstenmaier, der SPD-Fraktionsvorsitzende Erler, Vizekanzler Mende und CSU-Primus Strauß. Gesprächsthema: Das deutsche politische Kabarett.
Eugen Gerstenmaier definierte es als eine »Entkrampfungsanstalt«, für deren Bestehen er dankbar sei, sprach nicht ohne Emotion vom »Dienst an der Humanität« und nannte der Kabarettisten Tun eine »echte politische Leistung ... von der ich meine, daß man ihr auch das Ohr und das Auge leihen sollte«.
Erich Mende erklärte mit zierlichem Timbre, die »Satüre« sei »Bestandteil einer lebendigen, einer freien Demokratie«, und das Kabarett rufe eine stärkere politische Wirkung hervor, als die Kabarettisten ahnten. »Ich selbst habe an dem bösen Wort ,Umfall' heute noch zu leiden ... ich sage das ohne Zorn.«
Fritz Erler hielt eine ausführliche Laudatio auf die Unbotmäßigkeit. Franz-Josef Strauß legte mit Parzivalsmiene das »große Geständnis« ab: »Ich habe wenig Ahnung von dem, was über mich in Kabaretts bisher gespielt worden ist.« Einzig der antikommunistische Sketch eines »sehr schmissigen, spritzigen Wiener Kabaretts« haftete unverlierbar in seiner Erinnerung. Diskussionsleiter Appell: »Schade, Herr Doktor Strauß, daß Sie nur in Wien ins Kabarett gehen.«
Und ob ein Politiker darauf hinwies, »daß zumindest die Herren, die wir hier in der Lach- und Schießgesellschaft kennen, sich bisher genau an die Grenzen gehalten haben, die nötig sind, um Mißverständnisse und Mißdeutungen auszuschließen« (Mende) oder ob er »gutmütig gemeinte ironische Bedenken« anmeldete (Strauß), immer floß das ZDF-Studio über von Harmonie.
Als Sportreporter Sammy Drechsel, zum Wortführer der deutschen Kleinkunst entfremdet, den Lehrsatz prägte: »Kabarett muß destruktiv sein«, sprang Strauß in die Bresche. »Sie brauchen doch nicht destruktiv zu sein, Sie können kritisch sein, Sie können satirisch sein, Sie können ironisch sein, Sie können auch einmal mit ätzendem Witz eingreifen« - und schon prasselte es Vorschläge, wie der politische Kabarettist sich gebärden solle, damit er den Zielscheiben seines Spottes allzeit ein Herzenstrost sei:
»Ein bißchen Menschlichkeit im Umgang mit den Mitmenschen«, empfahl Fritz Erler und verwies humorig auf die »Verantwortung gegenüber dem Ganzen«.
»Vor allem, meine Herren«, mahnte der Bundestagspräsident vatermild, »bleiben Sie leicht, bleiben Sie beschwingt, bleiben Sie frisch, meinethalben auch frech, bis zu einer Grenze...«
Strauß, von kunstvoller Heiterkeit wie von einem bösen Fieber geschüttelt, hielt ein dunkelsinniges Privatissimum über die Relativität von spöttischen Urteilen sowie über die »Wirkung, die zum Beispiel das Fernsehen auf den Analphabeten in anderen Kontinenten ausüben muß«.
Mende brach eine Lanze für die »Soldatenwitze«, zu denen er auch Haseks »Braven Soldaten Schwejk« rechnet, und dozierte: »Das politische Kabarett ist dann gut in Funktion, wenn alle drei Parteien sich gleichermaßen freuen oder ärgern, wenn also Spott, Ironie und Kritik gleichermaßen auf alle verteilt werden...«
Und die Vertreter des Kabaretts, von so viel Wohlwollen überwältigt, nickten zu jedem Postulat mit den Köpfen.
»Würden Sie noch einmal nach Bonn fahren?« fragte Telemann nach der Sendung den Schießgesellschafter Hildebrandt.
»Ja«, kam die Antwort, »noch einmal, um die Scharte auszuwetzen - aber danach nie wieder!«
Merke: »Besser ein Feind, der den Degen zückt, als einer, der dich ans Herze drückt« (Alter Sinnspruch).
Mende
Erler
Strauß
Gerstenmeier