MOTORRÄDER Saugender Sitz
Warum ist das Motorradfahren so gefährlich? Weil der Mann im Lederzeug trotz Nierengürtel und Sturzhelm beim Unfall kaum mehr als das eigene Nasenbein als Knautschzone hat.
Woran erkennt man den fröhlichen Motorradfahrer? An den Insektenleichen auf seinen Zähnen
Motorradhersteller und Verbandsmanager wollen offenbar tatkräftig dafür eintreten, daß solche Sprüche künftighin den Spaß ihrer Kunden am sausenden Fahrtwind nicht mehr mindern können. Auf der Internationalen Fahrrad- und Motorradausstellung in Köln (ab 18. September) gibt es das erste Motorrad der Welt mit Knautschzone zu sehen -- die neue BMW R 100 RS mit »Integral-Cockpit«, laut BMW »ein Optimum an Schutz und Sicherheit«.
Und jeder, der will, kann sich zusätzlich noch zurückziehen in die schmutzfreie Abgeschiedenheit neuartiger, gepolsterter Schutzhelme, die ihre Träger so total abkapseln, daß -- zwecks Sprechverkehrs mit der Sozia -- Bordfunkanlagen eingebaut wurden.
Knautschzonen und Super-Sturzhelme, neue Bremssysteme, Sicherheitsreifen mit optimaler Rutschfestigkeit, zweckmäßige, bei Sturztests geprüfte Kleidung in Signalfarben, Schaumstoff-Handschuhe mit eingebetteten, wärmeisolierenden Metallfolien und anderes Sicherheitszubehör« so hat der »Verband der Fahrrad- und Motorradindustrie« erkannt, zielen auf elementare Wünsche der Motorradfahrer ab: »nach erhöhter Sicherheit« und »nach komfortablerem Fahren«.
Nie zuvor war das Lenken eines Motorrads so gefahrenträchtig wie in diesem Jahr. Inmitten der blechernen Übermacht vierrädriger Motorfahrzeuge hatte sich der bundesdeutsche Bestand an Motorrädern über 50 Kubikzentimeter Hubraum, Kleinkrafträdern. Mopeds und Mofas im vergangenen Jahr mit 2 173 818 Exemplaren gegenüber 1971 um 50 Prozent erhöht.
Die Anzahl zu Schaden gekommener Motorradfahrer im gleichen Zeitraum nimmt sich zwar statistisch, im Vergleich zum Bestandszuwachs, noch günstig aus: Von 1971 (50 513 Verunglückte) bis 1975 war eine Steigerung auf 72 639 (um 44 Prozent) . zu verzeichnen, doch allein 1975 nahm die Verlustziffer so erschreckend zu (1930 Motorradfahrer wurden getötet), daß der ADAC in der Motorradunfallstatistik mahnend »einen neuen Höhepunkt« registrierte.
Das Gewicht und die PS-Leistung des Unglücks-Motorrads scheint dabei kaum Einfluß auf die Schwere der Schäden (häufigste Verletzungen: Kopf 36,4 Prozent, Beine 34 Prozent, Arme 12,8 Prozent) zu haben. Aus einer Statistik von Heidelberger Unfall-Chirurgen wird sogar deutlich, daß bei verunglückten Mofa-Fahrern der höchste Anteil an gefährlichen Verletzungen auftrat.
In der Rangfolge der Unfallursachen liegen zwei Fahrer-Schwächen vorn: mangelhafte Erfahrung und Leichtsinn. Offenbar versuchen sich zu viele Anfänger in der -- erst nach dreijähriger Fahrpraxis beherrschbaren -- Schräglage von 30 bis 40 Grad bei schneller Kurvenfahrt, statt sich mit der einem Neuling gemäßen Schräglage von etwa 17 Grad zu bescheiden.
Immer häufiger hat die Polizei überdies in den letzten Jahren ermittelt, daß vornehmlich jugendliche Motorrad-Unfäller angetrunken ins Unglück gerast waren. Ein West-Berliner Honda-Fahrer über die Praktiken bei Motorradfahrer-Treffs: »Es gilt als schick. auch besoffen zu fahren.«
Ähnlich beängstigend mutet an, was das Gesetz erlaubt: Ein Motorradführerschein-Inhaber darf ohne besondere Schulung oder zusätzliche Prüfung von einer 5,4 PS starken Vespa (Höchstgeschwindigkeit: 80 km/h) nahtlos umsteigen auf die neue, 85 PS starke »Kawasaki Z 1000« (Höchstgeschwindigkeit: 202 km/h), die von null auf 100 km/h in kaum mehr als drei Sekunden beschleunigt.
Unter den technischen Sicherheitshilfen. die auf der Messe vorgeführt werden, halten Fachleute vor allem neuartige »Integral-Helme« für bedeutend -- erstmals sogar mit auswechselbarem, splitterfreiem Glas anstatt einer sichtbehindernden Plastikscheibe.
Damit der Sturzhelm auch richtig sitzt (grundsätzliche Empfehlung des »Deutschen Kraftfahrzeug-Überwachungs-Vereins": »Beim Kauf auf saugenden Sitz achten"), hat ein Hersteller seinen Helm mit aufblasbaren Luftkissen ausstaffiert.
Doch vor zwei Übeln schützt kein Helm: vor dem Genickbruch bei zu starkem Aufprall und vor dem Übereifer eines Unfallhelfers -- beim Versuch, den Integralhelm eines verunglückten Motorradfahrers gewaltsam abzuziehen, drohen gefährliche Folgeverletzungen.