Schauer von Luxus - DER SPIEGEL
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SCHUH-MODE Schauer von Luxus

Nun gibt es auch in der Schuhmode eine Edelkonfektion: Top-Designer mit hochmögender Kundschaft. Der neue Trend: flach, spitz und glitzernd.
• aus DER SPIEGEL 1/1981
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Die hohen Stöckelabsätze sind wieder einmal passe. Modebewußte Damen schleichen in flachen Pumps herum, mit schrägem, vier Zentimeter hohem Absatz und langgestreckter, mandelförmiger Spitze.

Und häufig schimmern die neuen Schuhe wie Goldkäfer. »Bronze und Kupfer«, prophezeit die Pariser Schuh-Stylistin Maud Frizon, »werden braune Schuhe ersetzen.« Die Käfer (Branchenjargon: »metallisiert") sollen nicht nur abends, sondern schon am Morgen -- mit undurchsichtigen farbigen Strümpfen -- ins Büro getragen werden.

Auch sonst glitzert es mächtig in den kleinen Trend-Schuhsalons rund um die Rue de Sevres in Paris, in den Seitengassen der Mailänder Via Monte Napoleone und der Madison Avenue in New York.

Goldperlen fassen Ausschnitte ein, Goldpaspeln trennen Farbstreifen, Gold flicht sich mit schwarzem Wildleder zu Schachbrettmustern. Viele Schuhe sind mit Goldleder abgefüttert. Und wenn nicht golden, so glänzen sie außen wenigstens von Schlangen- und Echsenhaut. »Diese neuen Schuhe«, schwelgt das amerikanische Modeblatt »W«, »lösen wahre Schauer von Luxus aus.« Der Schauer kostet pro Paar zwischen 300 und 500 Mark.

Ein knappes Dutzend Designer bildet die Edelriege der europäischen Schuhmode. Jeder von ihnen stellt pro Saison etwa 20 verschiedene Modelle in mehreren Farben her; verkauft wird in eigenen, eleganten Läden in den Mode-Metropolen. Da die Stückzahl selten 500 bis 2000 Paar pro Modell übersteigt, können die Schuhdesigner sich rasch der jeweiligen Kleidermode anpassen. Tonangebend sind die Pariser Maud Frizon und Sacha, der Schweizer Walter Steiger, der Neapolitaner Mario Valentino und der Londoner Manolo Blahnik.

Ihre Adressen sind einer neuen Sorte von Spezies, den Mode-Touristinnen, bestens bekannt. Diese Damen jetten jede Saison zum Einkaufs-Trip in die Hauptstädte der Mode, und neuerdings machen sie auch bei den Schuh-Boutiquen halt. »Sie wissen, sie können uns blind folgen«, weiß Walter Steiger, »und sind dann 'in'.« Die deutschen Läden notieren die Reisetätigkeit ihrer Kundinnen mit äußerstem Mißbehagen.

Meist schleppen die Damen bei ihren Shopping-Trips -- sehr zum Unmut deutscher Elite-Läden -- von einem Modell gleich drei Paar ab, in verschiedenen Farben; derzeit sind Taubengrau, Weinrot und Jadegrün en vogue. Die Zeiten jedenfalls, in denen eine gutgekleidete Frau mit vier Paar Schuhen (braun, schwarz, marine und weiß) das ganze Jahr auskam, sind vorbei. Vierzig Paar Schuhe im Schrank gelten nicht mehr als krankhaft. Die reiche Amerikanerin Mrs. Leonore Annenberg, Gattin des Ex-Botschafters Walter Annenberg, gab den Besitz von 700 Paaren zu.

Die Auswahl der neuesten Mode-Schuhe verlangt von der Käuferin kühnen Farbsinn. Denn auch die schlichte Regel, daß Schuhe zum Kleid passen müssen, gilt nicht mehr. »Ein schwarzes Kleid kann sehr wohl rosa Schuhe vertragen«, erläutert Walter Steiger, »die Wirkung muß nur angenehm fürs Auge sein.« Für den 52jährigen Mario Valentino ist Ton in Ton »das Schlimmste«. Maud Frizon will immerhin noch, »daß Schuhe ein Kleid ergänzen und zur Wirkung bringen«.

Ihr modisches Flair erwerben die Schuh-Designer, indem sie den textilen Mode-Zaren auf dem Fuße folgen. »Wir hängen alle vom Pret-a-porter ab«, gesteht Steiger. »Wir allein können keine Mode machen.« Am besten liegen denn auch jene Stylisten, die den großen Couturiers für ihre Shows die Schuhe liefern.

So arbeitet Walter Steiger, ein gelernter Schuster, für Karl Lagerfeld S.149 und Claude Montana, für den er den Stiefel-Hit mit den losen Fransen entwarf. Maud Frizon, 36, und mit einem italienischen Schuhfabrikanten verheiratet, versorgt Sonia Rykiel und das Maschen-Ehepaar Missoni; Schuh-Macher Sacha, bürgerlich Charles Kammer und von der Pike auf am Schusterleisten, liefert sein Lederwerk an Thierry Mugler. Hergestellt werden die Edelschuhe allesamt in Italien.

Einzig der fesche Londoner Manolo Blahnik entwirft seine federleichten Pagenschuhe -- blau mit Lachs gepaspelt, smaragdgrün mit ziegelroten Absätzen -- freihändig, ohne nach den Kleidermachern zu schielen.

Auf Blahniks silbergrauen Daunensofas in Chelsea kuscheln sich Paloma Picasso und Bianca Jagger. Wie Meißner Porzellan stehen die Schuh-Modelle auf Wandkonsolen, ein frohes Ölbild von David Hockney schmückt eine Wand des Ladens.

Den Goldrausch hat Blahnik schon vor zwei Saisons abgehakt. Die Branche kann sich seinen Mode-Spürsinn nur damit erklären, daß er eben selber ein Jet-Setter ist. Manolo bastelte seine ersten Schühchen aus Seidenbändern schon als Neunjähriger auf der väterlichen Bananenplantage auf den Kanarischen Inseln -- für sein Hündchen Diaghilew und sein Äffchen Nijinsky.

Die Entwerfer der großen Schuhfabrikanten neiden den exklusiven Einzelgängern ihren Schick und den Zugang zu den echten Modequellen, die ihnen verschlossen sind. Sie können dem Modegeist höchstens in den Wandelgängen von Kleidermessen nachjagen. So hinken sie oft hinter der Mode her oder preschen in die falsche Richtung.

Außerdem sind sie abhängig von den Einkäufern. Klagt ein Stylist von Bally: »Einkäufer wollen immer wieder nur die Waren, die sich gerade gut verkaufen. Mode kommt für die erst ins Gespräch, wenn sie auf ihrer Ware sitzenbleiben.«

Reinhold Bruns vom Schuhhaus Prange am Hamburger Jungfernstieg, der zu jeder Modewoche an die Isar eilt und auch kleine Kollektionen von Designer-Schuhen (etwa Andrea Pfitzer) aufnimmt, gibt zu: »Wir balancieren eben zwischen Kommerz und Design.«

Nicht zufällig rücken die neuen Schuh-Stylisten gerade jetzt mehr ins Licht: »Wenn Röcke und Hosen kurz sind«, frohlockt Sacha in Paris, »sind Schuhe wieder wichtig.« Mit Schrecken erinnert sich der Stylist an die langen Röcke, »die eine Katastrophe für uns waren.«

Hauptsächlich fußt der neue Trend auf den Absätzen: An ihnen, so Mario Valentino, erkenne man sofort, »ob ein Schuh vom Vorjahr ist«. Die neue Absatz-Mode schreibt vor: zwei Zentimeter hoch zu Bermudas, fünf Zentimeter bei kurzem Rock und acht Zentimeter für die Disco.

Daß da nicht etwa ein Hang zu größerer Bequemlichkeit die Schuhmode bestimmt hat, machen indes die Designer klar. »Bei Modeschuhen sind die Frauen stets überzeugt, daß sie prima darin laufen«, weiß Stylist Steiger. Und Sacha meint: »Alles, was Mode wird, ist den Frauen plötzlich auch bequem.«

Bei Höchst-Absätzen (zehn bis zwölf Zentimeter) will denn auch die Londoner Designerin Thea Cadabra bleiben. Die 28jährige Thea ("Sunday Times": »Ein außergewöhnliches Talent") fühlt sich nicht als Schuh-Macherin, sondern »als Künstlerin, die sich in Schuhen ausdrückt« (zu Preisen von 1000 Mark pro Paar). In ihrem kleinen Backsteinhaus am Londoner Tower bastelt Thea knallbunte Schuhe wie ein Puzzle, aus rund 150 Lederschnipseln, Korkplättchen, Aluminium, Stahl und Blattgold.

Ein Gewitterschuh ist mit Sturmwolken, Regenbogen und Regentropfen aus Straß bestückt. Bei einem Palmenschuh ist der Absatz als silberner Baumstamm geformt. Und silberne Datteln baumeln vorn über den Zehen. Für die zierliche Thea, soeben Mutter geworden, ist ein hoher Absatz »ein sexuelles Objekt«, und sie ist stolz auf ihre Käufer -- Designer, Sammler und Transvestiten.

In der Tat werden Schuhe nun auch schon als Kunstwerke geadelt. Modebewußte Besucher pilgern schon in die Schuh-Museen von Bally (Schweiz) und Charles Jourdan (Frankreich). Das New Yorker Metropolitan Museum ehrte den italienischen Schuhmacher Andre Perugia (1888 bis 1978), der nach Entwürfen von Georges Braque einen Pumps als schillernde blaue Forelle verkleidete. Und im Pariser Musee Galliera stellt jetzt der pensionierte Schuh-Designer Roger Vivier Satinschuhe aus, die er einst für Dior entworfen hat.

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