GRÜNDUNG Schells Geschoß
Berlin ist die Hauptstadt der Welt. Was in Berlin gesagt wird, wird der Welt gesagt. Ich würde der Uno vorschlagen, hier ihr Hauptquartier zu beziehen« - mit Lobhudeleien solcher Art, die offenbar den Geltungshunger der um ihre Hauptstädterrolle betrogenen Berliner stillen sollen, versuchte sich der 31jährige Schweizer Schauspieler Carl Schell in Berlin beliebt zu machen. Er ist auf die Gunst der Berliner angewiesen: Schell eröffnete Mitte vergangener Woche in Berlin ein neues Theater, das er »Kammerspiele« nannte.
Als Raum wurde ihm der 392 Plätze fassende Theatersaal im unteren Geschoß der »Kongreßhalle« zur Verfügung gestellt, die der Stadt Berlin im vergangenen Jahr aus Anlaß ihrer »Internationalen Bauausstellung« von den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik geschenkt worden war. Die Kongreßhalle - ihr Hauptsaal hat 1200 Plätze - ist nach den Plänen des amerikanischen Architekten Hugh A. Stubbins im Berliner Tiergarten auf 500 in den Boden gerammten Stahlbetonpfählen, die eine etwa 96 mal 92 Meter große Plattform tragen, in modisch asymmetrischer Bauweise unter einem geschwungenen Hängedach errichtet worden. Berliner Lokaljournalisten tauften das Gebäude, seiner ungewöhnlichen Form wegen, »schwangere Auster« oder »Babywaage« und verbreiteten diese Namen als Produkte des schlagfertigen Berliner Volksmundes.
Nach einer Erklärung des stadteigenen Betriebs »Berliner Ausstellungen«, dem die Verwaltung, übertragen wurde, soll die Kongreßhalle Raum bieten für »vornehmlich die ernste Auseinandersetzung frei denkender und schöpferischer Menschen«. Der hohe Anspruch führte aber bald zu gewissen Schwierigkeiten, weil offenbar nicht immer genug Auseinandersetzungen schöpferischer Menschen schwelten, andererseits aber das Gebäude von riskanten Veranstaltungen radaufreudiger Teennager frei bleiben soll. Anfang des Jahres wurde ein Gastspiel des inzwischen fast 70jährigen, unermüdlichen Chansonsängers Maurice Chevalier für die Kongreßhalle nicht akzeptiert; ein Direktor der »Berliner Ausstellungen« erläuterte aber später, der eigentliche Ablehnungsgrund sei gewesen, daß sich zwei Gastspieldirektionen nicht darüber hätten einigen können, wem die Honorare aus dieser Veranstaltung zuständen. Ein »besinnlich närrisches-politisches Kabarett« mit einer Elferrats-Karnevals-Imitation wurde denn auch in der Kongreßhalle zugelassen.
Auch Carl Schell gelang es, sich für seine »Kammerspiele« das Wohnrecht im Theatersaal der Kongreßhalle zu sichern - zunächst auf ein halbes Jahr. Die Erfahrungen, die Schell für seine Rolle als Theaterunternehmer mitbringt, basieren unter anderem darauf, daß er bereits einmal, in Südamerika, einen Theaterklub gegründet hatte und daß er zur Theaterfamilie der Schells zählt, als deren populärstes Mitglied seine ältere Schwester Maria gelten darf. Der Vater, Hermann Ferdinand Schell, ist dem Schweizer Publikum als Schwank-Autor hinreichend bekannt, Mutter Margarethe Schell leitet eine Schauspielschule. Zwei weitere der insgesamt vier Geschwister, Maximilian Schell und - unter dem Künstlernamen Editha Nordberg - Immy Schell, sind ebenfalls Schauspieler.
Mit zunächst kleinen Rollen in Theatern und -Filmateliers hatte auch Carl Schell sein Berufsleben begonnen, »also noch vor Maria«, wie er sagt. Carl ging dann zu einer Filmfirma nach Rio de Janeiro, »obwohl ich eine bessere Karriere beim deutschen Film hätte machen können«.
Nachdem die brasilianische Firma in Konkurs geraten war, gründete Carl Schell in Sao Paulo einen Theaterklub, dem er eine Schauspielschule, ein Werbefilmunternehmen, eine Künstleragentur und eine Bar angliederte - eine Kette von Unternehmen, von denen sich nur eines rentierte, die Bar,, der später ein Restaurationsbetrieb angeschlossen wurde. »Ich machte damit eine Million Mark«, behauptet Carl Schell.
Er verkaufte sein Unternehmen aber und kehrte ohne die Million nach Europa zurück, übernahm wiederum kleine Filmrollen und wirkte in einigen Theateraufführungen mit, schließlich begleitete er seine Mutter nach Berlin: Margarethe Schell durfte bei den »Vaganten« - einer laienhaft wirkenden Berliner Schauspieltruppe, die sich vornehmlich um ein Theater christlicher Prägung bemüht - eine Inszenierung übernehmen.
In Berlin entwickelte Schell seinen Plan, mit einem Kapital von einer halben Million, zu dem er selbst 50 000 Mark beisteuern wollte, ein Theaterunternehmen zu gründen. Carl Werckshagen, Regierungsdirektor und Theaterfachmann beim Berliner Senator für Volksbildung, machte bei dieser Gelegenheit den unternehmungslustigen Carl Schell, dessen bei Filmbesuchern populärer Familienname offenbar Erfolgsgarantien bot, auf den meist leerstehenden Theatersaal in der Kongreßhalle aufmerksam.
Carl Schell nahm das Angebot gern an: Die Kongreßhalle ist modern, elegant und im Vergleich zu üblichen Theaterbauten besonders komfortabel eingerichtet, zudem wurden ihm bedeutende finanzielle Erleichterungen gewährt. Normalerweise wird Benutzern der Kongreßhalle ein Mietbetrag von einer Mark pro Tag und Platz berechnet. Schell dagegen konnte erreichen, daß er pro Tag und Platz nur 50 Pfennig zu erlegen braucht, obendrein nur für von ihm verkaufte Plätze. Als Gegenleistung muß Schell seinen Theaterraum an allen Tagen zur Verfügung stellen, an denen die »Berliner Ausstellungen« den Saal an andere Interessenten vermieten können, was nach Schätzung etwa zwei bis dreimal im Monat gelingt. »Ich könnte einen ganzen Monat ohne einen einzigen Zuschauer durchhalten«, erläutert Schell.
Das künstlerische Personal, das Schell für sein Unternehmen verpflichtete, besteht nach den Worten des Regisseurs Alexander Welbat aus Leuten, die es »finanziell nicht nötig haben, aber spielen wollen«; das sind unter anderen Synchronsprecher, Empfänger von Arbeitslosenunterstützung, zum Teil auch ehemalige Mitglieder eines Theaterklubs, dem es bis vor einiger Zeit erlaubt war, in einem Raum des Berliner »British Centre« zu spielen. Ein Lokalreporter der Tageszeitung »Die Welt nannte das, Schell habe »inzwischen ein gutes Team von ebenso kompromißlosen Schauspielern, Regisseuren, und jungen Dramatikern um sich geschart«.
Allen Mitwirkenden wird eine Mindestgage von 20 Mark pro Vorstellung garantiert, etwa bereits populäre Mitglieder des Ensembles sollen Sonderverträge erhalten. Nach welchen Gesichtspunkten Schell allerdings die Popularität von Schauspielern beurteilt, bleibt bisher unklar. Dem 78jährigen Berliner Schauspieler Robert Taube, der seit Jahrzehnten auf Berliner Bühnen zum Teil bedeutende Rollen gespielt und sich aus Freundlichkeit bereit erklärt hatte, bei dem jungen Unternehmen mitzuwirken, schickte Schell jedenfalls eine gleichlautend an Schauspielschüler versandte Aufforderung, bei ihm zum Vorsprechen zu erscheinen.
Am vergangenen Mittwoch eröffnete Schell seine »Kammerspiele« mit dem von ihm selbst inszenierten Schauspiel »Sobald fünf Jahre vergehen« von Federico Garcia Lorca, einige Tage darauf präsentierte er die Komödie »Iwan und die Schreckliche«. die der Disc-Jockey der RIAS-Sendung »Schlager der Woche«, der sich Fred Ignor nennt, unter dem Pseudonym Akim Leonoff verfaßte. Vorgesehen sind Aufführungen des Goldoni-Stücks »Die Verliebten« und eines Schauspiels, das der Veit-Harlan-Sohn Thomas geschrieben hat. Inzwischen geht Carl Schell mit Plänen um, wie er die für Aufführungen recht flache Bühne des Kongreßhallen-Theatersaals erweitern möchte. »Man könnte später eine große Tür hinter der Bühne an der Nordseite der Halle zur Spree durchbrechen«, erläutert er. »Dieser Umbau ermöglichte Freilicht-Aufführungen wie in Venedig ..., und der Vorteil wäre noch, daß das Publikum in einem überdachten Parkett säße.« Carl Schell stellt sich vor, daß die Schauspieler dann auf einem Floß auftreten sollen, das in der Spree verankert wird.