Scheuer Knabe - DER SPIEGEL
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Pop Scheuer Knabe

Die britische Plattenfirma Warp und ihr Star »Aphex Twin« haben eine neue Masche ausgetüftelt: Techno für Erwachsene.
• aus DER SPIEGEL 34/1994
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die drei korrekt gekleideten Herren, die gegen zwei Uhr morgens im Londoner »Astoria Club« vor ihren Biergläsern sitzen, wirken verstimmt. Ihre schlechte Laune hat nichts mit der ohrenbetäubenden Lautstärke der Musik zu tun, auch nichts mit den ekstatisch tanzenden Menschen rund um ihren Tisch, deren Bewegungswut den drei Herren schon mal das Bier aus den Gläsern schwappen läßt.

Das Männertrio ärgert, daß es bereits seit vier Stunden auf den Auftritt von »Aphex Twin«, 22, wartet, einen jungen Mann, den die Presse als »Techno-Mozart« feiert. Schließlich fragt einer der drei Klub-Besucher den langhaarigen Jungen, der die Platten auflegt, wann denn endlich Aphex Twin auftauche - und muß erfahren, daß es sich bei dem Diskjockey um Richard James, den Aphex Twin, handelt, dessen Auftritt mit dem Auslaufen der nächsten Platte beendet sein wird.

Erstaunen darüber, daß ein Popstar heutzutage weder Sänger noch Instrumentalist sein muß, kommt bei älteren Gästen häufiger vor. »Die meisten unserer reiferen Fans lieben die Musik, haben aber keinen Schimmer von der Szene, aus der sie kommt«, erklärt Steve Beckett, Miteigentümer der englischen Plattenfirma Warp. Und sie wissen nicht, daß James, der seine Platten aus natürlichen und elektronischen Klängen am Computer zusammenmixt, nicht live auf einer Konzertbühne, sondern als Diskjockey auftritt.

Beckett, 31, gehört in der Londoner Tanzszene selbst zu den Alten. Er und sein Partner Rob Mitchell veröffentlichen auf ihrem Warp-Label mit großem Erfolg elektronische Musik. Daß ihre CDs auch Väter von Techno-Kids begeistern, trug der Firma den Ruf ein, »Techno für Erwachsene« zu produzieren.

Die instrumentale Musik hört sich mal so an, als habe man Brian Enos Klangkunststücke mit den Pieptönen eines Gameboy kombiniert, mal, als seien alte Stücke der deutschen Elektronik-Pioniere Tangerine Dream durch einen Flipperautomaten geschickt worden. Dabei geht es nie darum, eine möglichst bizarre Geräuschsammlung anzulegen, sondern immer um eine alles verbindende Melodie.

»Wir haben mit Techno genausowenig zu tun wie mit Ambient«, behauptet Beckett. »Das sind zwei Mode-Etiketten, die für eine Menge Schrott verantwortlich sind. Trotzdem haben wir für elektronische Musik ein ganz neues Publikum gewonnen.« Dank dieser neuen Fans eroberte Aphex Twin mit seinem zweiten Album »Selected Ambient Works Volume 2« auf Anhieb einen Spitzenplatz in der britischen Hitparade.

Ein erstaunlicher Erfolg für ein zweieinhalb Stunden langes Doppel-CD-Paket, dessen 25 Stücke klingen, als hätte Captain Kirk eine Milchstraßen-Symphonie geschrieben und dabei den Rhythmus vergessen. Ufo-Klänge an der Spitze der Charts, zwischen Phil Collins, Mariah Carey und Take That. Steve Beckett gibt sich nicht überrascht: »Es ist eine natürliche Reaktion, daß immer mehr Menschen den üblichen Idioten-Pop nicht mehr hören wollen.«

Mit normaler Popmusik wollten die Warp-Betreiber noch nie zu tun haben. Als sie 1987 in der mittelenglischen Industriestadt Sheffield einen Plattenladen eröffneten, boten sie nur zum Kauf an, was ihrem Geschmack entsprach - anfangs waren das obskure englische Gitarren-Bands, später Dancefloor-Importe aus den USA.

Ein paar der Burschen, die sonst in den Plattenkisten wühlten, brachten irgendwann Kassetten mit Eigenproduktionen vorbei. Eine davon ließen Beckett und sein Kompagnon pressen. Nur so zum Spaß. Die Platte verkaufte sich 10 000mal. Also machten sie weiter. Von der Platte zweier Stammkunden, die sich L F O nannten, wurden 150 000 Exemplare verkauft. Das brachte Warp in die internationalen Charts, aber glücklich machte Beckett dieser Erfolg nicht. Der hedonistische Rave Boom, der den Siegeszug von Warp ermöglicht hatte, war ihm zuwider: »Wir mögen kein Techno-Geballer«, murrt Beckett.

Die beiden Warp-Tüftler isolierten sich in der Szene und stellten das Album »Artificial Intelligence« zusammen, eine Sammlung rätselhafter Kompositionen von Bastlern wie Richard James oder Alex Paterson, Kopf der Gruppe »The Orb«. Auf der Hülle war eine Wohnzimmereinrichtung zu sehen. Innen war zu lesen, daß es sich um »Musik für den Geist« handele, die weder »seelenlos noch rein maschinell« sei, sondern voller Leidenschaft.

»Weil Techno nicht dumm sein muß, haben wir unserer Musik einen klugen Namen gegeben«, sagt Beckett. Erwachsene Brian-Eno- und Erik-Satie-Verehrer wußten das zu schätzen. Wem das Schlagwort Ambient über die Lippen kommt, der bekommt von Beckett eine Lektion erteilt: »Was mein Schäferhund hinkriegt, wenn er seine Pfote auf eine Keyboardtaste drückt, ist ein endloser, einschläfernder Ton. Irgendwelche Hippies nennen das dann Ambient.«

Tag und Nacht verbringt Aphex Twin, der Popstar unter den Warp-Technikern, im Heimstudio, um seine Kompositionen auszubrüten. In Interviews erklärt der scheue Wunderknabe gern, daß er sich das Schlafen abgewöhnt habe.

Manche der älteren Fans schreiben Briefe, in denen sie berichten, zu James' Platten könne man hervorragend Tee trinken. Die Jüngeren schwärmen davon, wie sie drei Tage und Nächte lang ohne Schlaf nur mit Ecstasy und Aphex Twins neuer Platte zugebracht haben. Derlei Exzesse findet Steve Beckett durchaus verständlich: »Warp-Platten regen nun mal die Phantasie an und fördern ungewöhnliche Denkprozesse.« Y

Wie eine Milchstraßen-Symphonie ohne Rhythmus

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