FILM Schläfenlocken an Glatze
Sechs lange Filme hat Dani Levy, der von sich sagt, er sei »Skorpion, Schweizer und Jude«, bis jetzt gedreht, und immer war ihm »der letzte auch der wichtigste«. Beim siebten ist es nicht anders. »Nur diesmal«, behauptet Levy, »stimmt es wirklich.«
»Alles auf Zucker!« ist eine jüdische Komödie oder eine Komödie über Juden, die Levy, 1957 in Basel geboren, schon lange hatte machen wollen. Dazu sei es, sagt Levy, »die erste jüdische Komödie, seit ich weiß nicht mehr wann«, die in Deutschland mit deutschen Schauspielern gedreht wurde.
In den Kinos gab es jüdische Neurotiker wie Woody Allen, »The Producers« von Mel Brooks und den »Zug des Lebens« von Radu Mihaileanu, aber deutsche jüdische Komödien, die gab es nicht. »Hierzulande hatten Juden nur eine Rolle, die sie spielen durften«, sagt Levy, »die des Opfers. Mehr war ihnen nicht erlaubt.«
Nun darf gelacht werden, über Jaeckie Zucker (Henry Hübchen) und seinen Bruder Samuel (Udo Samel), über ihre Frauen Marlene und Golda, über ihre Kinder, die sich mehr lieben als unter nahen Verwandten üblich, und natürlich über den Plot: Jaeckie, ein (wie es im Film heißt) »gottloser Kommunist« und Ex-DDR-Sportreporter, und sein orthodoxer Bruder Samuel, der in Frankfurt lebt, haben einander seit über 40 Jahren nicht gesehen und nicht gesprochen, auch nach dem Fall der Mauer nicht. Erst der Tod der Mutter bringt sie wieder zusammen.
Die hat verfügt, dass sie nach jüdischem Ritus begraben werden möchte - und dass sich ihre Söhne versöhnen müssen, wenn sie erben wollen. Jaeckie, ein Zocker, steckt nach eigener Auskunft »bis zum Hals in der Scheiße, aber die Aussicht ist gut«, er hat so viele Schulden, dass sein eigener Sohn ihn in Schuldhaft nehmen lassen will. Samuel hat sich bei Geschäften verspekuliert, auch er kann sich nicht leisten, den letzten Wunsch der Mamme zu ignorieren.
Bester Stoff für eine flotte Komödie also: Streitigkeiten in der Familie sind immer komisch, besonders aber in jüdischen Familien, wo man Zusammengehörigkeit regelrecht zelebriert - und zugleich panische Angst hat, sich vor der gojischen (nichtjüdischen) Umwelt zu blamieren.
Jaeckie, der sein Judentum aufgegeben und seinen Namen von Zuckermann auf Zucker verkürzt hat, kennt weniger Hemmungen und hat weniger zu verlieren als sein bürgerlicher Bruder Samuel. Er ist Buchhalter in einem »Club für einsame Herzen«, dem die Schließung droht, seine Frau (Hannelore Elsner) hat ihn rausgeschmissen und will sich scheiden lassen.
Samuel, dessen Beruf unklar bleibt, hat eine schwer übergewichtige Frau, einen Sohn, der ganz nah bei Gott lebt, und eine Tochter, die im 22. Semester Jura studiert, als Beruf »Prinzessin« angibt und zum Zeitvertreib Prinzen sammelt.
Beim unvermeidlichen Clash of Civilizations zwischen den Zuckermanns aus Frankfurt und den Zuckers aus Berlin heißt es: West gegen Ost, gläubig gegen weltlich, richtig arm gegen scheinbar wohlhabend.
Der Film fängt furios an, mit Henry Hübchen als verzweifeltem Billardspieler und Hannelore Elsner als gefrusteter Ehefrau, die ihren Haushalt koscher macht und alles unternimmt, um »eine normale jüdische Familie zu sein«. Doch sobald die Rollen verteilt und die Fallen aufgestellt sind, verlieren die Pointen an Biss. Jaeckie, der Zocker, bekommt zu oft Herzkrämpfe, Samuel, der Gottesfürchtige, jiddelt zu viel.
Aber vielleicht muss das bei Ethno-Komödien so sein: Die Türken in »Gegen die Wand« waren sehr türkisch, die Juden in »Alles auf Zucker!« sind sehr jüdisch - das hat nichts mit Übertreibung, sondern mit notwendiger Typisierung zu tun. So zeigt der Film auch, wie einfach es ist, ein Jude zu werden. Man muss Udo Samel nur einen Bart ankleben und einen schwarzen Hut aufsetzen, und schon sieht er aus, als käme er aus dem tiefsten Brooklyn. Und wenn er das Wort »Schmock« ausspricht, klingt es so authentisch, wie eine echte jüdische Hühnersuppe fett ist.
Beim WDR, der den Film zusammen mit Arte und dem BR koproduziert hat, hatte man zwar Bedenken, ob Juden »quotentauglich« (Levy) seien und ob es angehe, dass über sie gelacht werde - aber man fühlte sich von Paul Spiegel, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, bestärkt. Der nämlich hatte sich von den Fernsehleuten gewünscht, »das jüdische Leben in Deutschland nicht immer nur aus historischen Blickwinkeln« zu zeigen, sondern auch mal »unkonventionell und nicht 100 Prozent politisch korrekt«.
Das klingt wie der Zuruf eines Showmasters an sein Publikum: »Seid spontan! Habt Spaß!« - und erklärt, warum die Vorbereitungen länger als üblich dauerten, obwohl der Film nur 1,5 Millionen Euro gekostet hat und in 24 Tagen gedreht wurde.
»Wenn man wenig Zeit und wenig Geld hat, wird man erfinderisch«, sagt Levy. Trotz der Auflagen des WDR und der Absegnung durch Paul Spiegel hat er eine schöne Komödie gedreht, die politisch nicht ganz so unkorrekt ist, wie sie sein möchte, aber etliche Schläfenlocken an Glatzen dreht - und somit unterhaltsamer ist als viele deutsche Filme, die unter dem Etikett »Komödie« vermarktet werden. Man lacht nicht über Juden, sondern mit ihnen. Das ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. HENRYK M. BRODER