Schlafender Löwe - DER SPIEGEL
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EROTIK Schlafender Löwe

Der Berliner Verlag Wagenbach präsentiert eine neue Übersetzung des legendären »Kamasutra« - eine strenge Unterweisung in der Kunst des Genusses.
• aus DER SPIEGEL 46/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Vorstellung, dass Sex Spaß machen soll, ist im Abendland weit verbreitet. Nur wenige Europäer sind so offenherzig wie der Kulturphilosoph Egon Friedell, der das Gerücht, er sei homosexuell, mit der Bemerkung pariert haben soll, das Normale sei doch schon unangenehm genug.

Zur Belebung und Befestigung dieser Vorstellung bedienen wir uns gern bei anderen Kulturen, denn hier zu Lande hat man es in der Propaganda nicht weit gebracht: Die Porno-Industrie gibt sich redlich Mühe, will aber den Schweißgeruch der harten Arbeit nicht verlieren. Allenthalben hört man von extravaganten Vergnügungen, die - wie die Tätigkeit der Dominas - weit verbreitet sein sollen, aber nie trifft man einen, der das aus Erfahrung bestätigen kann. De Sade gilt inzwischen als scharfer Philosoph der Aufklärung, seine Schriften allerdings lösen mehr Langeweile aus als ein Interview mit Guido Westerwelle. Was schließlich die kulturelle Anerkennung betrifft, steht das Lebenswerk von Wolfram Siebeck oder Udo Walz deutlich höher als das von Beate Uhse. Der sexuelle Genuss, zu dessen Beschwörung sich das von der christlichen Moral befreite Europa so beherzt entschlossen hat, will keine schöne Gestalt annehmen.

Da ist es wieder mal an der Zeit, einen schlafenden Löwen zu wecken: Das indische »Kamasutra«, seit viktorianischen Zeiten bekannt als ein Nachschlagewerk des erlesen Verruchten, liegt nun in einer neuen deutschen Übersetzung vor*. Die hohe Schule der Liebe, entstanden in den Jahren, als im alten Rom die plebejische Vergnügungsindustrie auf höchsten Touren lief, wurde 1883 erstmals, aber unvollständig ins Englische übertragen; der Titel avancierte schnell zum Synonym für sexuellen Einfallsreichtum, asiatische Ausdauer wie zügellose Leidenschaft. Und siehe: Auch dieser Löwe gähnt aus vollem Hals.

So wird es sich jedenfalls für all jene verhalten, die von der Lektüre Stimulanz

erwarten. Es ist so, in der Tat, dass das berühmte zweite Buch des siebenteiligen Werkes sich ausschließlich den Techniken des Beischlafs widmet: Von der »Typologie nach Größe, Ausdauer und Temperament«, der »Vielfalt der sexuellen Stellungen« und den verschiedenen »Arten des Beißens« ("Tupfen«, »geschwollener« Biss und »Ebernagen") kann vermutlich sogar der erfahrene Liebhaber noch etwas

lernen. Auch wird mancher Mann dankbar sein für den Hinweis im Kommentar des klassischen Textes, dass es für den Umfang seines Geschlechtsteils, selbst wenn es »klein wie das eines Hasen« ist, doch »keine feste Regel« gibt.

Allerdings sind die Tipps und Tricks dieses berühmten Lehrkapitels in Bemerkungen eingelassen, die sich zum Interessanten verhalten wie der Aspik zum Fleisch. Wer will, denkt er über das Beißen als Maßnahme des Lustgewinns nach, mit Dentistenweisheit traktiert sein? »Zähne schlechter Qualität sind stumpf, von Linien gezeichnet, rau, uneben, weich, breit und durch Lücken getrennt.« Wer das gelesen hat, wird mit dem nächsten Kuss etwas warten wollen.

Und das ist ganz im Sinne der Sache. Denn das »Kamasutra« ist, seinem Ruhm entgegen, keine Aufforderung zur Entfesselung. In sieben Akten entfaltet das Buch eine Unterweisung in der Kunst des Genusses, der den Pflichten gegen sich selbst keineswegs entkommt: Nicht Maßlosigkeit lautet die Devise, sondern Kalkül, gute Planung, Technik.

Und nicht die Selbstvergessenheit des sexuellen Höhepunktes ist Ziel der Unterweisung, sondern jene kultivierte Aufmerksamkeit sich und dem anderen gegenüber, in der die Ekstase Teil einer höheren Anstrengung ist. »Während der ersten drei Nächte, nachdem sie vereint sind«, empfiehlt das »Kamasutra« den frisch Vermählten, »schlafe das Paar auf dem Boden, bleibe sexuell enthaltsam und esse ohne Salz und Gewürze. Dann nehme es, an sieben Tagen, ein zeremonielles Bad zum Klang von Musikinstrumenten, kleide sich fein, esse gemeinsam, sehe sich Vorstellungen an und ehre seine Verwandten ...«

Dem Disziplinierten verspricht der Ratgeber ein zeitlos schönes Leben, wie es ein reicher Erbe auch heutzutage noch führen kann, will er nicht gerade als Kunstsammler berühmt werden: Er richte sein Haus standesgemäß ein (erstes Buch des »Kamasutra"), vervollkommne sich in der Liebe (das erwähnte zweite Buch, der berühmte Auszug), er werbe um eine Jungfrau (drittes Buch) und führe mit ihr eine glückliche Ehe (viertes Buch), er verführe die Gattinnen anderer Herren (fünftes Buch), widme sich schließlich den Kurtisanen (sechstes Buch) - und wenn er auch dessen müde geworden sein wird, schule er sich in Potenzhilfen mancherlei Art und erforsche die »Methoden zur Vergrößerung des männlichen Geschlechtsteils« (siebtes Buch) - das vollkommene Glück wird ihm sicher sein.

Allein dieses letzte Kapitel weckt nur noch antiquarisches Interesse: Seit es Via- gra gibt, wird auch der reiche Hindu davon Abstand nehmen, aus den Blättern des Windmühlenjasmin, Kostwurz und der indischen Pflaume, mit Myrobalanöl vermischt, eine Salbe in einem menschlichen Schädel zuzubereiten, um sein Glück in der Liebe zu steigern. Und möglicher-weise

entscheidet sich die heutige Frau, die das Begehren ihres Mannes töten will, nicht mehr dafür, in Büffelbuttermilch, vermischt mit einem Pulver aus Mistkäfern, Minze und Ameisen, zu baden, sondern das Baden überhaupt zu lassen.

Kann man das Buch also, wenn schon nicht der Hausapotheke, dann immerhin dem Regalbrett zuordnen, wo allerhand Länder, Sitten und Gebräuche fröhlich nebeneinander existieren? Wo Negerfrauen mit giraffenlangen Hälsen, Chinesen mit Opiumpfeifen, kretische Amazonen und Ruinen der Inka-Kultur uns belehren, wie mannigfaltig die Welt ist und wie vergesslich die Geschichte? Wo man kindlich im Fremden versinkt und über dem Staunen das Fragen vergisst?

Da gehört es zweifellos hin - und die gelehrte und gewitzte Einführung der beiden Herausgeber zielt vor allem auf dieses Interesse. Doch hat es auch der um kulturgeschichtliche Aufklärung bemühte Leser mit einer Belehrung zu tun, deren Stil dem eines Lexikons ermüdend nahe kommt. Die gute Ehefrau, erfahren wir, »lässt Beete für Kräuter und grünes Gemüse anlegen, für Zuckerrohrschüssel und für Kümmel, Senf, Petersilie, Sojabohnen und Lorbeersträucher; für Moschusrosen, Stachelbeeren, weißblütigen indischen Jasmin, spanischen Jasmin, Amarant, arabischen Jasmin, Windmühlenjasmin, Kreppjasmin, Chinarosen und andere Blumen sowie für andere Pflanzen, die etwas hermachen, wie Zitronengras, Vetivergras und Kokkelstrauch«. Hoffentlich wurde hier kein Kraut vergessen!

Wo das »Kamasutra« Empfehlungen ausspricht, erreicht es jene Weltklugheit, mit der Männermagazine ihre Whiskyanzeigen und Bauch-weg-Programme garnieren: »Die Gründe für Affären mit den Ehefrauen anderer Männer wurden bereits erörtert. Ein Mann muss, von Anfang an, erwägen, ob solche Frauen ohne Desaster gewonnen werden können und ob sie für Sex in Betracht kommen, welches ihre Zukunftsaussichten sind und wie sie sich benehmen.«

Eine Geliebte ist eine feine Sache - das gilt für Pataliputra im dritten Jahrhundert wie für das Kaiserslautern von heute -, aber man muss doch aufpassen, dass man nicht an eine gerät, die den Ehebruch allzu ernst nimmt! Die Liebe als Sprengkraft der Verhältnisse ist in der romantischen Dichtung Europas ein beliebtes Thema, ordnungspolitisch hat sie schon immer Missfallen erregt.

So findet sich der Leser des »Kamasutra« in einem Universum wieder, das trotz mancher Fremdheit en détail wie am bekannten Schnürchen läuft. »Eine Frau von fünfzig ist alt, ein Mann erst mit siebzig«, heißt es im Anmerkungsapparat: En gros hat sich nicht viel geändert im Patriarchat. ELKE SCHMITTER

* Vatsyayana: »Kamasutra«. Neu übersetzt und kommentiert vonWendy Doniger und Sudhir Kakar. Aus dem Englischen ins Deutscheübertragen von Robin Cackett. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 320Seiten; 32 Euro.

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