Schlag auf den Hintern - DER SPIEGEL
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KUNST Schlag auf den Hintern

Eine Kasseler Ausstellung zeigt den frühen Rembrandt als erstaunlich widersprüchliches, wildes Jung-Genie.
Von Jürgen Hohmeyer
• aus DER SPIEGEL 45/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Leben des Malers Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606 bis 1669) liegt teilweise immer noch in jenem Halbdunkel, das auch seine Bilder so reizvoll beherrscht. Wann, zum Beispiel, ging der Müllerssohn aus dem holländischen Leiden in die Lehre? Der Amsterdamer Meister Pieter Lastman soll ihn »ungefähr sechs Monate« geschult haben, was einigen Werken des Schülers auch anzusehen ist. Ein bestimmtes, für ihn anregendes Lastman-Bild datierten Kunsthistoriker lange auf 1622, weil einer diese Jahreszahl von dem Gemälde hoch an der Wand im Dubliner Trinity College abgelesen hatte. Doch als es schließlich herunterkam, zeigte sich, dass da »1625« steht. War Rembrandt also erst 1625 bei Lastman und nicht deutlich früher, wie angenommen?

»Rätsel um seine Anfänge« ist kein schlechtes Motto für eine große Ausstellung, die systematisch wie nie zuvor den frühen Rembrandt bis hin zu seinen ersten Amsterdamer Karriereschritten ins Visier nimmt. Sie wird im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe gezeigt und spürt anhand von gut 80 Schaustücken dem Start einer einzigartigen Künstlerlaufbahn nach*.

Gesicherte Rembrandt-Gemälde, umstrittene und auch frisch rehabilitierte Werke hängen neben vergleichbaren Zeichnungen und Radierungen, neben mutmaßlichen Vor-Bildern sowie offenkundigen Werkstattrepliken. Der Katalog breitet viele neue Thesen und Argumente zum Thema aus.

Der junge Rembrandt hat sich bravourös in »allerhand Sorten« von Malerei hervorgetan. So zeigte sich 1750 der Kasseler Landgraf Wilhelm VIII. begeistert, als er eine frisch von ihm erworbene Bilderkollektion anschaute. Er konnte etwa an dem Porträt eines Mannes, der gerade seinen Gänsekiel anspitzt, Rembrandts »feine Manier« studieren, eine »raue« Spielart hingegen am Brustbild eines mit Goldkette ge-

schmückten struppigen Alten. Beide Bilder tragen das Monogramm des Künstlers und die Jahreszahl 1632.

Kann das stimmen? Nicht, wenn man dem Maler eine logisch-folgerichtige Stilentwicklung unterstellt. Auf dieser Basis hat das Amsterdamer »Rembrandt Research Project« (RRP) in seinen seit 1982 veröffentlichten »Corpus«-Bänden reihenweise Gemälde aussortiert, die vorher als Rembrandt-Originale angesehen wurden.

Dabei schnitt auch der Kasseler Greis mit seinen dick aufgetragenen Stirnrunzeln und Tränensäcken schlecht ab. Die Experten rügten diese vermeintlich »schwülstige Imitation eines rembrandtesken Sujets in einer völlig unrembrandtischen Art«. Mittlerweile gestehen sie dem ungebärdigen Genie eine »außerordentlich große künstlerische Bandbreite« zu, wie Ernst van de Wetering formuliert, damals als Jüngster im RRP dabei und heute dessen Chef. »Rembrandts Entwicklung«, sagt er, »war gar nicht logisch.«

So gilt denn nun ein bislang umstrittenes, relativ wildes Bild wie der »Lachende Soldat« als Rembrandt-Werk - das ist gesichert durch eine Reproduktion des Radierers Jan van Vliet mit eindeutiger Inschrift. Hatte man dieses Indiz früher zum Missverständnis erklärt, so nimmt man jetzt eine enge Zusammenarbeit beider Künstler an.

Neu bewertet wurde auch das (unsignierte) Genrebild »La main chaude« (Die heiße Hand). Es illustriert ein ziemlich grobes Gesellschafts-Lust-Spiel: Einer dreht sich um, lässt sich auf den Allerwertesten schlagen und muss dann raten, wer es wohl gewesen ist.

Dass der große Rembrandt dieses triviale »Schlag-auf-den-Hintern«-Vergnügen in Öl verewigt haben soll, hielt man bisher für unwahrscheinlich. Trotzdem ist ihm die Malerei zuzutrauen, wie genaue Stilvergleiche es plausibel machen.

JÜRGEN HOHMEYER

* Bis 27. Januar; später im Rembrandthaus, Amsterdam. Katalog(Edition Minerva); 416 Seiten; 58 (Buchhandelsausgabe 121,26) Mark.

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