MUSIK Schlagende Wetter im Pantheon
Zum Auftakt seiner Amtszeit, im Spätsommer 2002, will der Dirigent Sir Simon Rattle die Berliner Philharmonie in ein Tollhaus verwandeln.
Dann, wenn Her Majesty's geadelter Lockenkopf offiziell Deutschlands nobelsten Klangkörper übernimmt, werden zunächst ein paar Kuhglocken bimmeln: lustig und friedlich, wie auf der grünen Wiese. Danach tönt, zu hohem Bläsergezirp, schwärmerisch ein Horn, die Streicher kuscheln, und schon dürfte sich das Publikum auf der geliebten Ohrenweide fühlen. Bravo, der Neue schmeichelt sich ein!
Irrtum. Plötzlich werden Trompeten losschmettern, Posaunen röhren, das Schlagzeug rumsen, und minutenlang wird es scheppern, als mache Strawinski auf Techno. Dann, genauso unerwartet, bimmeln wieder die Glocken: Friede auf Erden.
So doppelbödig wie die Tonsprache, so - absichtsvoll - doppeldeutig ist der Name des Werkes, das der künftige Berliner Philharmoniker-Chef für sein Entree in der Hauptstadt ausgewählt hat. Denn »Asyla«, wie das Opus 17 des britischen Neutöners Thomas Adès, 29, betitelt ist, meint zugleich Zufluchtsorte und Irrenanstalten, und genauso klingt es: ein brillant instrumentiertes Poem, dessen Schalmeien in einer kakophonischen Klapsmühle durchdrehen.
Noch ist »Asyla« Berliner Zukunftsmusik, genau wie Leonard Bernsteins flittriges Musical »Wonderful Town« oder die düstere, von einem Gemälde Francis Bacons angeregte Suite »Blood on the Floor«, in der der britische Komponist Mark Anthony Turnage den Herointod seines Bruders ausgemalt hat. Noch thront die Philharmonie hoch über dem Broadway-Glamour und Fixer-Schmuddel nach Rattles Geschmack.
Aber eins ist sicher, bevor Sir Simon im Musik-Berlin mit dem Taktstock auch die Macht übernimmt: Das Berliner Philharmonische Orchester steht vor der radikalsten Wende seiner Geschichte.
Unter dem Chefdirigenten Rattle werden die Philharmoniker nicht länger als Gralshüter romantischer Hochkultur aufspielen, und unter dem Hausmeister Rattle dürfte Scharouns famose Konzertschachtel als Pantheon der Nation ausgedient haben. Britanniens fähigster und pfiffigster Stabführer will die symphonische Pflegestation nämlich gründlich umrüsten - zur tönenden Villa Kunterbunt.
Die Gelegenheit scheint günstig. Dieses Orchester, so hat der kesse Reformer Rattle seine Absichten jüngst skizziert, sei »im Moment« nicht gerade »ein gut organisierter Dampfer«. Es spiele »wundervoll«, aber vieles sei auch »reichlich chaotisch«.
Im Klartext: Rattle wird Remedur schaffen, in Ton und Stil. Es wird bei ihm weniger Bruckner, Tschaikowski und ähnlich dicke Schinken geben, stattdessen, »für die Gesundheit des Orchesters wichtig«, mehr Haydn, Mozart, französische und Barock-Musik, und das mit kleinerer Besetzung und in historischer Spielpraxis.
Entgeistert stellte der künftige Philharmoniker-Chef fest, dass die Berliner »noch nichts von John Adams gespielt« hatten, einem der amerikanischen Tonangeber, »und fast nichts von Ligeti«, dem klangtüftelnden Kosmopoliten.
»Zu Claudios Zeit«, wie Rattle die philharmonische Gegenwart unter dem Kollegen Abbado nicht ohne Süffisanz umschreibt, sei, gewiss doch, »mehr neue Musik« ins Repertoire gekommen. Aber es klafften immer noch »große, gähnende Lücken«. Schon hat er, als Füllmaterial, bei dem Frankfurter Avantgardisten Heiner Goebbels ein Werk für Holzbläser, Schlagzeug und Kontrabässe bestellt - kaum ein Filetstück aus der Wohlklangsküche.
Aber das Wiederkäuen abgehangener Oldies hat Rattle ohnehin satt. In den 18 Jahren als Chefdirigent in Birmingham hat er nicht nur das dortige Orchester vom Provinz- zum Weltklasse-Ensemble geliftet, sondern vor Ort auch die Programmpolitik radikal umgekrempelt und das träge Konzertritual rigoros aufgebrochen. Seine zehnjährige, im vergangenen März abgeschlossene Werkschau »Towards the Millennium« gilt mit Recht als beispielhafte Bestandsaufnahme der zeitgenössischen Tonkunst zur Jahrtausendwende und hat, kaum zu glauben, dem Darling Rattle nur noch mehr Applaus beschert. Nun wird er versuchen, aus Berlin ein zweites Birmingham zu machen.
»Die Vorstellung«, so Rattles erste Erfahrungen in der Bundesrepublik, »dass der Dirigent auf alles Einfluss nimmt, was das Orchester tut und was in seinen Sälen stattfindet«, sei für ihn »völlig normal«, in Deutschland dagegen »absolut neu«. Genau: Kaum hatte er in der »New York Times« seine künftige Doppelrolle als Chefdirigent ("Ein Job für drei") und Chefplaner angedeutet, wurde in Berlin kolportiert, nun wolle er auch noch Orchesterintendant werden - eine abwegige Unterstellung. Allerdings - bloß den Maestro spielen wird er auch nicht: »Ich möchte gern überall einbezogen werden.«
So wird der künftige Philharmoniker-Boss seiner Mannschaft nicht nur häufiger neue Noten aufs Pult stellen und durch die Spaltung des Tutti neuartige Aufführungsformen erproben, sondern auch sämtliche Räume der Philharmonie, vor allem deren kühn geklüftetes Foyer, für einen zeitgemäßen Konzertbetrieb öffnen.
Damit Rattle seine Neuerungen durchsetzen kann, wird allerdings nicht nur das Orchester, sondern auch die öffentliche Hand mitspielen müssen. Die fuchtelt indes immer noch fahrig in der hauptstädtischen Kulturszene herum und hat dabei jüngst sogar den - jahrzehntelang sakrosankten - Status des Philharmonischen Orchesters angetastet.
Auf einer Liste von sieben Berlin-Objekten, die der Bund demnächst in seine alleinige finanzielle Obhut nehmen könnte, hat Kulturstaatsminister Michael Naumann auch die philharmonische Preziose benannt und damit den Verdacht genährt, der Hauptstadt das mit 24 Millionen Mark Jahressubvention vergleichsweise kostengünstige Flaggschiff »abschwatzen« und »sich das zutiefst in und mit Berlin verwurzelte Institut unter den Bundesnagel reißen« ("Tagesspiegel") zu wollen.
Auftritt der amtlichen Schöngeister. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) will den philharmonischen Besitzstand opfern; den parteilosen Kultursenator Christoph Stölzl quält dagegen ein möglicher Bruch der »Gefühlsbindung« zwischen Stadt und Musikern; selbst der scheidende Orchesterintendant Elmar Weingarten, den Gelüsten des Bundes sonst zugetan, malt ein bisschen schwarz: Das Orchester sei »insofern eine sehr spezifische Berliner Institution, als es einem Akt der Auflehnung gegen obrigkeitsstaatliches Handeln seine Existenz« verdanke: »Als Staatsorchester im pejorativen Sinn eignet es sich nicht.«
Unter den Philharmonikern selbst ist die Trägerschaft kaum Thema. Sie spielen, und das ist Spitze, rund die Hälfte ihres Etats selber ein; wer den Rest zuschießt - Bund, Senat oder, wie bislang, beide -, ist ihnen schnuppe. »Wir würden uns auch von einem Geldsack auf den Bahamas bezahlen lassen«, kommentiert ein Musiker.
Bislang versucht Rattle zu Berlins kulturpolitischem Eiertanz die diplomatische Grätsche: Ein Staatsorchester sei »keine schlechte Idee«, sagte er der »Zeit«; doch »auch wenn die Berliner Philharmoniker ein Nationalorchester wären: Das Herz schlägt in der Stadt«.
Dabei weiß das Schlitzohr Rattle genau, dass ihm die Wandlung in ein Bundesorchester durchweg Vorteile bringen würde. Während die Philharmoniker heute in der politischen Hierarchie der Hauptstadt immer noch als nachrangige Dienststelle des Kultursenators gelten, könnte die Absicherung durch den Bund das Orchester und dessen Vorturner auf zugleich festere und freiere Füße stellen.
Nach Gründung einer Stiftung beispielsweise wäre, so Intendant Weingarten, endlich Schluss mit den »größeren und kleineren Gängelungen durch die Verwaltung«, und das Orchester könnte »auch tariflich wieder auf den ihm angemessenen Stand« gehievt werden. Tatsächlich werden die Symphoniker des Bayerischen Rundfunks fast genauso entlohnt wie die berühmteren, fleißigeren und meist auch besseren Philharmoniker. Und das könnte denen schon passen: ein Gehaltsaufbesserer Rattle in den Spendierhosen des Bundes.
Doch inzwischen scheint, fast paradox, das Gegenteil wahrscheinlich. Denn wenn der Neue wahr macht, was er, noch sibyllinisch, angekündigt hat, dann brechen ärmere Zeiten an, und da hört - Sir Simon hin, Vorfreude her - aller Spaß auf.
Rattle empfindet es jedenfalls als »eine merkwürdige Situation«, dass die Philharmoniker »einerseits eine private Institution« bildeten und zugleich »Angestellte des Senats« seien: »Wir sind, glaube ich, alle davon überzeugt, dass es eine effizientere und organischere Form gibt, mit diesem Problem umzugehen.« Alle?
Das Problem für Rattle ist klar: Dieser Klangkörper mit Januskopf - das »Berliner Philharmonische Orchester« ist die subventionierte Institution des Senats, die personal-identischen »Berliner Philharmoniker« sind eine profitorientierte Gesellschaft bürgerlichen Rechts - scheint ihm unzeitgemäß. Was dem hochtourigen DJ Karajan seinerzeit recht war und seinem phlegmatischen Nachfolger Abbado heute Wurst ist, wird Rattle nicht schlucken: Dass sich das Orchester - freischaffend - auch für Tingel und Tangel verkauft und er, der Chef, bei der Geschäftemacherei machtlos zugucken muss.
Die Vorstellung, dass es nach dem bevorstehenden Hickhack zwischen Senat, Naumann, Rattle, Orchestervertretern und Intendant mit diesen selbständig und selbstherrlich agierenden Berliner Philharmonikern zu Ende sein könnte, hat jedenfalls in der Herbert-von-Karajan-Straße 1 heftige Turbulenzen ausgelöst: »Im Hause«, sagt ein Beobachter, »künden schlagende Wetter von drohendem Krach.«
Klar: Nur als autarker Club aus philharmonischen Koofmichs können die Philharmoniker weiter nebenbei ihre lukrativen Mediengeschäfte betreiben, einträgliche Sonderdienste verrichten, profitable Events arrangieren, beim Merchandising abkassieren und das alles, ohne ein Veto des Senats, des Intendanten oder des Chefdirigenten befürchten zu müssen. Und da, wo die Musik spielt, tritt Rattle nun als Spielverderber auf.
Nachdem die Berliner Philharmoniker am 14. Juni zur Einweihung des neuen Sony-Centers am Potsdamer Platz Beethovens schönen Götterfunken zünden und sich dabei dem Taktstock eines Amateurs, des Sony-Oberhaupts Norio Ohga, beugen werden, verbandeln sie sich, eine Woche später bei der Expo, mit der Hannoveraner Popband Scorpions, den Spezis des Bundeskanzlers.
»Es ist für mich absolut klar«, wetterte Rattle jetzt im »Daily Telegraph« über den Pakt zwischen den ungleichen Spielgefährten, »dass das eine grauenhafte Idee ist. Aber nun sollen sie es durchziehen und einsehen, dass es eine grauenhafte Idee ist. Und dann werden sie es wohl nicht noch mal machen.« Das walte Simon. KLAUS UMBACH