Schlichte Morde - DER SPIEGEL
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NEU IN DEUTSCHLAND Schlichte Morde

• aus DER SPIEGEL 17/1969
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Michael Kohlhaas -- der Rebell (Deutschland, Farbe). Im schwarz-weißen Vorspann knüppeln japanische und deutsche Polizisten, plündern amerikanische Neger, revoltieren die Pariser Studenten wie einst im Mai, und der Mann im Parkett ahnt sogleich: Dieser Kohlhaas muß irgend etwas mit der Apo zu tun haben.

Da hat sich der Mann im Parkett aber gründlich getäuscht. Heinrich von Kleists Novellenheld aus dem Jahrhundert der Reformation, den »das Rechtgefühl zum Räuber und Mörder machte«, ist im dritten Film des deutschen Regisseurs Volker Schlöndorff absolut apolitisch -- ein einsamer Rächer und dabei so schlichten Gemüts wie Hopalong Cassidy.

Nein, um eine Aktualisierung der Geschichte vom rechtschaffenen Roßhändler (David Warner), der wegen zweier beschlagnahmter Pferde gegen alle Welt anrennt, war es Schlöndorff nicht zu tun, In seinen eleganten Farbräuschen wird nicht gedacht, sondern gehandelt -- wird gehurt, geschändet, gehenkt, mit Mistgabeln erstochen und mit Bellen erschlagen.

Eine Nonne entblößt ihre Brüste, auf den zarten Hals von Kohlhaasens Frau (Anna Karina) trampelt in Großaufnahme ein Pferdehuf. Und den Rebellen selbst trifft zum Schluß das schlimmste Los: Er bekommt die Gliedmaßen ausgerenkt und die Knochen einzeln zerschlagen, bevor ihn der Henker aufs Rad flicht.

Die Fabel vom »Mordbrenner aus Rechtsgefühl« mit seiner »terroristischen Weltverbesserungswut« zeige »mit verachtungsvoller Komik, in welche Verlegenheit eine Gesellschaft, die sich sonst den Teufel um die Vergewaltigung des Rechts gekümmert hätte, gesetzt wird durch einen, der sie sich nicht gefallen läßt« -- so schrieb Thomas Mann und meinte die Kleistsche Novelle.

Schlöndorffs Film zeigt nichts von alledem. Er präsentiert nur jenen blutigen Realismus, der sich so schön bezahlt macht.

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