THEATER Schmerzensmann als Retter
König Richard der Zweite, so steht es im Lexikon, gilt als Erfinder des Taschentuchs. Vor seiner Zeit haben die Menschen, auch die besseren, offenbar in die hohle Hand geschnäuzt oder den Rotz mit dem Ärmel abgewischt. In William Shakespeares Drama über den unglücklichen Herrscher (1367 bis 1400) ist von dieser zivilisatorischen Pioniertat - auf einem Gebiet, wo sonst die Franzosen den guten Ton angaben - nicht die Rede. Doch auch Shakespeares Richard II. ist unbestritten ein Feingeist, ein Schöngeist.
Ihm gab ein Gott zu sagen, was er leidet, und da das, je später der Abend wird, umso mehr zunimmt, prunkt seine Rolle mit ein paar der schönsten, dichterisch reichsten, bewegendsten Tiraden, die Shakespeare (als Dreißigjähriger in der ersten vollen Blüte seines Genies) geschrieben hat. Knapp hinter Hamlet ist Richard II. sein redseligster Held, und da der sich, anders als Hamlet, nicht auch durch sportliche Bravournummern hervortut, könnte er auf Shakespeares Bühne dem Auftritt eines Star-Tenors vergleichbar gewirkt haben.
Im Berliner Theater am Schiffbauerdamm, wo jetzt Michael Maertens diesen Richard spielt, wird das Arienhafte mancher Momente durch Beleuchtungswechsel hervorgehoben, und gegen Ende möchte man danach manchmal von Herzen »da capo!« rufen. Claus Peymanns Inszenierung jedoch beginnt, bevor sie richtig beginnt, mit dem Tableau eines toten Soldaten, der unter wachsendem Schmeißfliegengesumm auf der leeren Bühne liegt: Gedenk-Moment für den gemeinen kleinen Mann, der in den Spielen der Mächtigen, von denen die Historienbücher und Dramen handeln, stets die Zeche zu zahlen hat; Gedenk-Moment auch für den mächtigen Hausgeist des Berliner Ensembles, Bertolt Brecht, dem der Fingerzeig auf diesen armen kleinen Mann immer so wichtig war. Damit ist das abgehakt.
Als das Stück dann richtig begonnen hat und Richard II. erstmals die Szene betritt, tut Michael Maertens das in weißem Sommeranzug und offenem Hemd auf eine sehr legere, geradezu unkönigliche Art, ein wenig schnöselig und mit ein wenig fahrigem Gefuchtel: eine Nummer zu harmlos. Immerhin geht es um eine Entscheidung auf Leben und Tod, um nicht weniger als ein Gottesurteil.
Richard nämlich nutzt in diesem Auftritt elegant die vielleicht einmalige Chance, seinen stärksten Gegner aus dem Spiel zu rempeln. Doch bei Peymann wird das mit so nervöser Hast abgewickelt, dass die Inszenierung selbst mit ihrem Auftakt in Gefahr scheint, alles in allem zu klein zu geraten. Dies ist, wie man hört, vor ein paar Monaten auf derselben Bühne einem »Hamlet« passiert, den Peymanns Bühnenbildner Achim Freyer inszeniert hat. »Richard II.« aber fasst bald Tritt, und mit ihm sein Star Maertens.
Peymanns umsichtige Sicherheit darin, eine solche Historie szenisch anschaulich zu erzählen, setzt sich durch, unterstützt von der raffenden Textfassung Thomas Braschs und einer Ausstattung (Bühne: Achim Freyer, Kostüme: Maria-Elena Amos), die auf Vereinfachung, Übersichtlichkeit, Symmetrie setzt, so entschieden, dass es eigentlich nur Schwarz und Weiß gibt, bis zum letzten Akt, wo, Weh über Weh, das Rot von frischem Blut hervorschießt.
Richard II. ist, darin ganz mittelalterlicher König, von seiner himmlischen Auserwähltheit, von seinem Gottesgnadentum zutiefst überzeugt; er prahlt damit, dass Gott eine Hand voll Schutzengel zu seiner persönlichen Sicherheit abgestellt habe - und dass dann, als es um die Wurst geht, »no show« ist, Fehlanzeige, gehört zu Shakespeares untergründigen Ironien.
Das Drama »Richard II.« hat zwei gleich komplexe, auch gleichaltrige und schauspielerisch gleichwertige Hauptfiguren, die allen Übrigen wenig Eigenraum lassen. Den großen Anderen für Richard II. stellt - da ja in Shakespeares Königsdramenwelt immer alles in der Familie bleibt - sein Vetter Bolingbroke dar (Veit Schubert), der ihm auch thronfolgemäßig knapp auf den Fersen ist. Dieser robuste, unsentimentale Tatmensch, der vom König im ersten Akt nach einem Streit über die Ermordung eines gemeinsamen Onkels des Landes verwiesen wird, kann den wohlriechenden, wohltönenden Richard naturgemäß nicht ausstehen, und nicht ohne Grund.
Richard, der als Herrscher so edel zu posieren versteht, dass man ihn mit dem Sonnenkönig oder dem bayerischen Ludwig II. vergleichen möchte, ist ein falscher Strahlemann: Er zeigt null Interesse an der Aufklärung jenes Onkelmords, was ihn selbst höchst verdächtig erscheinen lässt, und er wünscht lauthals auch einem weiteren Onkel (ausgerechnet Bolingbrokes Vater) einen raschen Tod, um sich dessen Reichtümer unter den Nagel reißen zu können. Und so geschieht es.
Was schlimmer ist, da es nicht in der Familie bleibt: Richard wird von Volk wie Adel einer ruinösen Verschwendungssucht beschuldigt (wovon allerdings auf der kargen Bühne des Berliner Ensembles über ein paar Pullen Champagner hinaus nichts zu sehen ist), dazu auch (bei Shakespeare in dunklem Gemunkel) sexueller Eigensinnigkeiten, obwohl Richard doch seiner Frau, einer jungen französischen Prinzessin, sehr zärtlich zugetan erscheint.
Der Historienstoff in seinen Vertracktheiten ist unwiderstehlich, und so lässt sich der Theaterzuschauer - auch wenn ihm Hekuba Hekuba ist, das britische Königshaus auch, und er den lieben Gott sowieso einen guten Mann sein lassen möchte - jedes Mal wieder in Bann ziehen von Shakespeares Theatergeschichtenerzählkunst, die aus gedankenspielerisch leichtem Beginn heraus in Abgründe vorstößt: Es ist ja nicht nur eine Psychologie der Mächtigen, die Shakespeare aus dem Einzelfall so spannungsreich entfaltet, sondern eine Psychologie der Macht an sich, die etwas Ungeheuerliches ist und bleibt.
Richard II. als Theaterfigur ist so groß, weil ihn Shakespeare so schön gemacht hat, durch schöne Worte, und Peymann teilt diesen Sympathie-Überschwang durchaus. Dabei ist ja der Gegenspieler Bolingbroke kein übler Kerl, nur ganz ohne Charme oder Glamour, was keine Schande sein sollte. Doch Peymann hat ihn in einen schwarzen Anzug mit spießig steifem runden Hut gesteckt, der ihn auf den ersten Blick schon als Miesling gegen den sonnigen König abstinken lässt.
Der Trick dabei: Dieser vermeintliche Verlierertyp steht am Ende als Sieger da: Bolingbroke hat einen raschen Bürgerkrieg angezettelt, den König geschlagen, zu einem demütigenden Kronverzicht gezwungen und eingekerkert. Und während Bolingbroke nun als Heinrich IV. triumphiert und seinen Untertanen schmeichelt, indem er sie »Mitbürger« nennt (was eine platte Erfindung von Thomas Brasch ist), beschmeißen diese Mitbürger den entmachteten Richard so heftig mit Kot und Müll, dass sich die Bühne des Berliner Ensembles in einen rechten Saustall verwandelt.
Veit Schubert, kraftvoll und scharf und immer betont breitbeinig auftretend, weil eigentlich etwas zu kurz für einen Helden, ist ein glänzender Bolingbroke. Im letzten Drittel des Dramas macht Peymann entschlossen Druck und treibt die Gegenspieler drastisch auseinander: Während Richard im Kerker sich sensibel lamentierend zum Schmerzensmann und spirituellen Sieger läutert, bis er ermordet wird, gewinnt sein Gegner, der nun augenrollend wütet, Züge des legendär monströsen Theaterkönigs Ubu. Doch Heinrich IV. bleibt eine Shakespeare-Figur, tragischerweise, denn er glaubt so tief wie der, den er gestürzt hat, an das Gottesgnadentum des Herrschers und fühlt sich deshalb durch seine Königsmörder-Schuldgefühle sein ganzes schönes Königsleben lang gestraft.
Das Berliner Theaterleben stellt sich, alles in allem, derzeit nicht als berauschend dar, und am Berliner Ensemble schon gar nicht. Das Erfolgsstück, das nun schon im sechsten Jahr (und über manche Krisen weg) den Laden durchschleppt, ist noch immer Brechts »Arturo Ui": Höchste Zeit, dass er Ruhe geben darf. Mit »Richard II.« beginnt noch keine neue Ära, doch Peymann ist am Ende eines Jahres mühsamsten Strampelns in Berlin endlich groß herausgekommen. URS JENNY