MODE / KNAUTSCH-LOOK Schneller Markt
Draufgänger lieben Knautschlack«, meint in einem Werbeslogan das Deutsche Schuh-Institut zu Frankfurt. Und ähnlich zielte das Hamburger Schuhhaus Görtz per Inserat auf kämpferische Eitelkeit: »Joe wird mit den Zähnen knirschen, wenn er deinen Knautschlack sieht.«
Doch auch ohne Werbung wurde das neue Material, dessen Besonderheit bis vor kurzem noch Anlaß für Reklamationen gewesen wäre, in dieser Herbstsaison zum modischen »Senkrechtstarter« (so das Schuhhaus Leiser in Berlin). Bekleidung von Kopf bis Fuß, teils hauteng, teils salopp, gefertigt aus dem künstlich verknüllten Glanzprodukt vom Tier und aus der Retorte des Chemikers, wurde zum aktuellen Gag bei Modebewußten beiderlei Geschlechts.
Kaum ein Geschäft an den Ladenstraßen bundesdeutscher Citys verzichtet in diesen Wochen darauf, die knautschige Attraktion zum Mittelpunkt der Auslagen zu machen. Verhutzelte Röcke, Hosen, Jacken und Mäntel aus Leder und Lederartigem, dazu passend Schuhwerk, Mützen und Taschen, gehen »wie blöd« (in der Münchner Boutique »Schwabinger Flohmarkt"), verkaufen sich »bombig« (bei Karstadt in Hamburg) oder sind »wahre Renner« (in der Münchner Drugstore-Boutique).
Etwa zehn Knautschjacken pro Tag verkauft die Hamburger Boutique »Coco-Moden«, etwa 100 faltig gewalkte Taschen werden täglich in den fünf Läden des Hamburger Lederhauses Klockmann umgesetzt, und der Chef der Pirmasenser Schuhfirma Rheinberger, Klaus Rheinberger, schätzt, daß bis zum nächsten Frühjahr 50 bis 70 Prozent allen modischen Schuhzeugs aus Knautschlack gefertigt sein werden.
Der plötzliche Boom hat die Industrie überrumpelt. »Im Frühjahr«, so berichtete Burkhardt Naaf, 25, Geschäftsführer der Hamburger Niederlassung des Herrenkonfektionärs Seibach, »redeten alle von Knautschlack« aber man konnte es noch nirgends kriegen.« Doch bei der letzten Offenbacher Lederwarenmesse Ende August schien es, als sei den Gerbern landauf, landab Mißgeschick widerfahren: Verschrumpeltes auf allen Ständen und Regalen.
Dennoch kann »die kolossale Nachfrage« (Rheinberger) nach Knautsch-Produkten kaum mehr befriedigt werden. Die Karstadt-Häuser beispielsweise rechnen schon mit Engpässen -- die Industrie hat Lieferfristen von sechs bis acht Wochen, eine lange Zeit für »den schnellen Markt Knautschlack« (so ein Sprecher des Verbands der Deutschen Lederindustrie). Boutiquen decken daher Ihren Bedarf an fashionabler Knüllware hauptsächlich in Frankreich, England und Italien.
Die plötzliche Sucht nach runzeligen Zweithäuten samt Zubehör erklärt ein hanseatischer Lederhändler damit, daß »in einer Überflußgesellschaft jede Neuheit mit Hurra begrüßt« werde. Ähnlich deutet Lola Taumann, Chefin der Hamburger »Coco«-Läden, den Boom. Gerade ihre »feinste« Kundschaft, sagt sie, habe »den geschniegelten Luxus satt«; begehrt sei »Gammel-Look«.
Mitunter mag unterschwelliges Begehren den Kaufimpuls verstärken. »Aus so 'nem perversen Leder« wünschte ein Berliner Boutiquen-Kunde für seine Freundin ein Gewand. Und, auch Jan Pivecka, der als Chef der Pirol-Schuhwerke in Langendiebach schon vom Knautsch-Look profitierte, argwöhnt: »Das ist keine Mode, sondern eine verschlissene Perversion.«
Knirschende Ledermonturen, wurden sie nicht betont stoffig wie Velours oder in edlem Schnitt feilgeboten, galten noch bis vor kurzem als Standes- und Strapazierkleid von Motorradfahrern und Rockern, Buben und Bayern. Oder auch als Reiz-Requisit extravagant Empfindender: Ein im vorletzten Jahr erschienener Bilderband der Berliner Pop-Photographin Ica Vilander, der vorwiegend oberschenkelhohe Lederstiefel mit ansonsten nichts als nackter Mädchenhaut lichtbildnerisch kombinierte, war noch als Pikanterie konzipiert.
Doch dann wurde der Leder-Dress modesalonfähig. Vom Fuß bis zur Taille reichende Super-Langschäfter, welche die italienische Modeschöpferin Mila Schön zum zünftigen Accessoire für seidige Pagenhemdchen wählte, sind inzwischen begehrte Artikel beispielsweise in New Yorker Exklusiv-Läden wie Bonwit Teller und Neiman-Marcus geworden.
Trendbewußte Rauchwarenhändler degradierten Felle zu Futter, indem sie die Häute nach außen kehrten und mit Lackglanz bespritzten. Der Franzose Ungaro verzierte seine jüngsten Wintermodelle mit üppigen Knautschlack-Applikationen, und die deutsche Lederwarenindustrie konkurrierte bis zum letzten Donnerstag auf der 20. Modewoche in München so heftig mit den Herstellern von lackigen »Phantasieledern«, daß die Münchner »Abendzeitung« resümierte: »Man kann heute so recht den Lackaffen spielen.«
Während Schuhwerk mit dem modischen Knitterglanz noch überwiegend aus Leder gefertigt wird. liefert die Synthetikindustrie das meiste Material für Boutiquenware und Handtaschen. Kunst-Knautsch ist billiger -- ein Quadratfuß kostet knapp über eine Mark, Knautschleder dagegen mehr als drei Mark. Dabei fällt selbst Experten -- bei unsichtbaren Nahtkanten und Unterflächen -- die Unterscheidung nicht leicht: Die Lederporen werden durch den Lack verdeckt, bei vielen Synthetiks wird der Mangel an markigem Lederduft mit Parfümierung ausgeglichen.
Unstimmigkeit herrscht freilich darüber, ob der Trend weitergeht oder als kurzlebiger Modefimmel zu betrachten ist. Der konservative Hanseaten-Laden »Hamburger Ledermoden A. Ramsauer« schätzte die mit Sicherheit gewinnbringende Neuheit so gering ein, daß er sie gar nicht erst anbot. Begründung: »Das ist ja doch Boutiquen-Stil.«
Die Berliner Selbach-Filiale will Knautschiges nun bald auslaufen lassen, well, so Geschäftsführer Peter Leonhardt, 28, »die Sachen inzwischen den Weg in die Kaufhäuser angetreten haben«.
Daß es ein langer, massenhafter Marsch auf Knautschlack werden könnte, vermuten die meisten Schuh-Hersteller, so die Schuhfabrik Servas in Rotalben bei Pirmasens: Sie will für das kommende Jahr 90 Prozent ihrer modischen Produkte im Knautsch-Look liefern.