KUNST Schnürende Schnitte
Im Partyplausch abendländischer Zivilisation behauptet sich die bildende Kunst nur mühsam. Zu drängenden Lebensfragen wie Sozialismus oder Midlife crisis, von denen Filme und Romane so geläufig handeln können, hat sie wenig vorzubringen. Selbst wo sie über Gattungsstränge schlägt und literarisch wird, wirkt sie meist eher verschlüsselt als mitteilsam. Doch weithin ist, mit einer verbindlichen Bildwelt, ja dem Bild überhaupt, jedes Sujet von außen abhanden gekommen. Die pure Malerei oder Skulptur wird sich narzißtisch selbst zum Thema.
Daß derlei nackte Kunst, ohne die Überredungskraft einer aus dem Leben gegriffenen Problematik, das Publikum nicht eben magisch anzieht, liegt auf der Hand. Nur auf eigenen Wunsch, zum Lohn für gezielte Anstrengung, wird der Betrachter in die Bannmeile dieser Glasperlenspiele eingelassen. Und was sich ihm da bietet, ist im Kern: Sensitivity training fürs Auge. Lohnt das?
Die Behauptung, es lohne, läßt sich nur von Fall zu Fall rechtfertigen. Ein solcher Fall ist das Werk des Bildhauers Ulrich Rückriem.
Der Name ist vorerst kein Bildungsgut, kein Newsmaker für Boulevardzeitungen. Aber unter engagierten Beobachtern gibt es durchaus einen
Konsens darüber, daß Rückriem, 38, neben dem auffälligeren Joseph Beuys derzeit das Wesentliche zur aktuellen Plastik in Deutschland beiträgt.
Rückriem selbst, seit 1976 Professor an der Hamburger Kunsthochschule, ist seiner Sache und Position mittlerweile so sicher, daß er eine Einladung zur Biennale nach Säo Paulo ausgeschlagen hat (weil ihm die politische Lage in Brasilien Unbehagen schaffen würde) und mit seiner Teilnahme an der nächsten Documenta zögert (weil ihm das Konzept nicht einleuchtet). Er findet, auch international, genug Ausstellungsraum in den Hochburgen der Avantgarde, so letztes Frühjahr im Oxforder Museum of Modern Art. gegenwärtig im Van-Abbe-Museum im niederländischen Eindhoven*.
Auf den ersten, uneingeübten Blick muß diese Ausstellung karg, ja ärmlich wirken. In sechs Sälen sind nicht mehr als zwölf Skulpturen aufgebaut, und daß dies Skulpturen sind, wird nicht jedem gleich einleuchten: Bandeisen mal gestreckt und mal zum Kreis geschmiedet; zum Einfachst-Puzzlespiel addierte Stahlplatten; Steinbrocken, nur partienweise glattgesägt; zerteilte und wieder zusammengefügte Platten.
Das ist nun wirklich das Minimum dessen, was ein Bildhauer seinem Material antun kann. Aber gerade der Lakonismus bringt den Werkstoff und seine Form frappant zur Geltung.
Rückriem spaltet etwa massige Dolomitquader durch Keile und Hammer horizontal entzwei, vielmehr: Er läßt diese in Steinbrüchen alltägliche Prozedur dort von Arbeitern ausführen und die Teilstücke wieder unverschiebbar auf einanderlegen.
Wer je eine zerbrochene Tasse gekittet hat, kennt die Art von sinnlicher Befriedigung, wenn die Scherben zusammenpassen. In der Museums-Aura wird solches Wohlgefallen an der unübertrefflich genauen Entsprechung, die durch planvolle Flächenbearbeitung etwa mit dem Meißel niemals zu erreichen wäre, noch intensiver -- zumal wenn ein Stück der Bruchfläche demonstrativ freigelegt ist.
Durchaus lehrhaft und mit System wendet sich der Künstler Rückriem an sein Publikum. Meist wird ein Motiv in Varianten durchgespielt, das Seh-Vermögen des Betrachters Schritt für Schritt geübt und auf das Haupt- und Leitthema solcher Kunst-Arbeit hingelenkt: auf den Dialog zwischen rohem Material und Künstler-Eingriff.
Während etwa eine traditionelle Marmor-Statue die Erinnerung an den Steinblock, aus dem sie gemacht ist, nach Kräften überspielt, bleibt bei Rückriem-Werken jener Ausgangszustand stets rekonstruierbar-gegenwärtig~ die vorgefundene (Natur-)Form trotzt auch Spaltungen und Schnitten. Andererseits ist der Arbeitsgang, der das Material zur Kunst erhebt, übersichtlich und plausibel. Er zielt meist auf klare Geometrie, als wäre die eine reinere, höhere Wirklichkeit.
Unregelmäßigen Rest-Stahlplatten, die er auf Schrottplätzen findet, paßt der Bildhauer »Ergänzungs«-Stücke an, um sie zur jeweils präzisen Figur zu vervollständigen. Er schneidet aus bizarr umgrenzten Steinen den größtmöglichen Quader aus (und läßt ein angrenzendes Vergleichsstück unbearbeitet). Die elementare, von Michelangelo so formulierte Bildhauer-Idee, daß die Gestalt im unförmigen Stein ver-
* Bis 6. Februar. Katalog 104 Seiten 15 Gulden.
borgen sei, ist damit cool und rational auf ihre knappste Formel gebracht.
Was sich in Worten mager ausnehmen muß, hat in Stahl und Stein seine Überzeugungskraft. Sieht man sich ein, so erschließt sich ein ausdrucksvolles Spiel der Kontraste, und man entdeckt das optische Paradox, daß Zäsuren und Hohlräume als Zusammenfassung wirken können: Ein durchgehender Kreuzschnitt verschnürt zwei Platten aufeinander wie der Bindfaden das Postpaket, und zwei flache Blöcke. aus denen ein gemeinsames Rechteck herausgefräst ist, erscheinen dadurch wie mit Magnetkraft aneinander fixiert.
In neuesten Rückriem-Arbeiten ist solcher Zusammenhalt gelegentlich gelockert, sind Steine vergleichsweise beliebig zueinander geordnet: eine Tendenz mit Chancen und Gefahren. Das höhere Maß an bildnerischer Freiheit wird durch ein Minus an Genauigkeit erkauft.
Ein schönes, unprätentiöses Monumental-Werk dieser Richtung, eine zur Mauer gefügte Reihe keilförmiger Dolomitblöcke, hat Rückriem letzten Herbst gegenüber einer Kirchenwand in Münster aufgerichtet und gleich den Beleg für die Vermittlungsschwierigkeiten (und die Watschenmann-Funktion) zeitgenössischer Kunst kassiert: Studentischen Narrenhänden bot die Skulptur sich an, bei Nacht mit universitätspolitischen Lokalparolen ("Weg mit dem Rektoratserlaß!") besprüht zu werden.