RAUMFAHRT Schräge Sonne
Minutiös hatten die Europäer ihren Einstieg in die bemannte Raumfahrt vorbereitet. Sieben Jahre lang, von 1974 bis 1981, planten und werkelten zehn europäische Nationen an der bislang aufwendigsten Forschungsplattform für den Weltraum.
Jeder Niet und jede Schraube, jeder Schalter und jedes Kabel für das wiederverwendbare Weltraum-Labor »Spacelab« wurden nach strengen Normen gefertigt und penibel geprüft. Auf den 506 550 Seiten der Bau-Dokumentation ist auch noch das letzte Detail des etwa sieben Meter langen und vier Meter dicken Metallzylinders aufgeführt. Sogar »Erdbeben, Streiks und technische Probleme« wurden in der Bremer Spacelab-Werkstatt vorausbedacht, um den nahezu sieben Tonnen schweren Koloß nur ja termingerecht fertigzustellen.
Nun läuft - um fast drei Jahre verspätet - endlich der Countdown für das europäische Renommierstück. Im Bauch der amerikanischen Raumfähre »Columbia« wartet das aus einem Experimentier- und Versorgungstrakt sowie einer Instrumentenplattform bestehende Raumlabor auf seinen Ersteinsatz. Anfang nächster Woche sollen erstmals zwei Raumfahrer an Bord des Spacelab arbeiten, während der mit 2,8 Tonnen Experimentiergut befrachtete Zylinder in der Ladebucht der Space Shuttle um die Erde kreist. Jüngster von der Nasa vorgesehener Starttermin: 28. November, 17.00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit.
Wieder und wieder hatte sich der Spacelab-Start verzögert. Anfangs brachten Probleme beim Shuttle-Bau das euro-amerikanische Gemeinschaftsunternehmen in Verzug, später erzwangen unvorhergesehene Startrisiken immer neuen Aufschub.
Im Sommer 1983 mißlang der Versuch, einen für die Spacelab-Mission wichtigen Satelliten auf die vorgesehene Umlaufbahn zu hieven. Im September bemerkten die Nasa-Techniker gefährlichen Abbrand an der Flammenaustrittsdüse einer der Shuttle-Hilfsraketen - der für den 28. Oktober geplante Start wurde wiederum vertagt.
Sinnvoll wäre Technikern und Weltraumforschern eine Verschiebung der Spacelab-Mission auf Februar 1984 erschienen - doch die Planer der in der Esa zusammengeschlossenen europäischen Raumfahrtnationen hielten eine solche neuerliche Verzögerung, wegen des ausgereizten Esa-Budgets, für untragbar.
So blieb den Europäern nur der 28. November - den die Fachleute für eine Art Not-Termin halten: Er dürfte die wissenschaftliche Ausbeute des bislang aufwendigsten Shuttle-Fluges schmälern, und er bringt technische Probleme.
Eine etwa erforderliche Notlandung des Spacelab-Shuttle-Tandems auf dem Flughafen im spanischen Saragossa ist nur bei Tageslicht möglich. Deshalb stehen den Nasa-Technikern am 28. November nur 14 Minuten als sogenanntes Startfenster zur Verfügung, um die Mission von der Rampe weg und auf den Weg zu bringen.
Schon jetzt aber zeichnet sich ab, daß der Countdown nochmals unterbrochen werden muß: Noch ist die Übertragungskapazität des »TDR«-Nachrichtensatelliten beeinträchtigt. Verzögert dies den Start, so verengt sich das Startfenster mit jedem weiteren Tag um zusätzliche eineinhalb Minuten.
Dabei gilt die - nach Nasa-Zählung »STS-9/SL-1« getaufte - Mission als eine der technisch anspruchsvollsten seit Beginn der bemannten Raumfahrt: *___Erstmals trägt ein Raumfahrzeug sechs Raumfahrer ins ____All, darunter zwei nicht als Astronauten ausgebildete ____Nutzlastspezialisten. Einer von ihnen ist der ____westdeutsche Weltraum-Aspirant Ulf Merbold (SPIEGEL 39/ ____1983). *___Erstmals wird ein Satelliten-System, das »Tracking and ____Data Relay Satellite System« (TDRSS), einbezogen, um ____den Datenwust zwischen All und Erde zu bewältigen. *___Zum erstenmal wird eine Weltraum-Mission von zwei ____Bodenstationen gemeinsam gesteuert.
Die Regie des Raumfluges obliegt, wie bei allen früheren Shuttle-Missionen, den Flugleitern im Mission Control Center in Houston, Texas. Doch diesmal sollen, ebenfalls in Haus 30 des Johnson Space Center, ein Stockwerk unter Mission Control, Wissenschaftler im »Payload Operations Control Center« rund um die Uhr Kontakt zu den Nutzlastspezialisten im Raumlabor halten.
Insgesamt drei Nachrichtenleitungen - zwei werden über den TDR-Satelliten, eine direkt vom Boden zur Raumfähre geschaltet - stehen bereit, die Informationsflut zu kanalisieren. Die Satelliten-Leitungen erlauben es, die Daten der etwa 70 Experimente an Bord des Raumlabors unmittelbar auf der Erde zu empfangen. Sollte es von den Wissenschaftlern gewünscht werden, kann vom Boden sogar via Satellit in den Ablauf der Versuche eingegriffen werden.
Allerdings werden nicht alle der von Forschern aus 14 Nationen ausgeheckten Versuche den erhofften wissenschaftlichen Ertrag bringen.
Die nahe Wintersonnenwende (22. Dezember) beschert den Spacelab-Wissenschaftlern ungünstig einfallendes Sonnenlicht. Zudem wird wolkenreiches Winterwetter über Nordeuropa einige der physikalischen und astronomischen Messungen behindern. Betroffen sind
Untersuchungen der Erdatmosphäre, Photovermessungen Nordeuropas und Sternbeobachtungen.
Doch bleiben den im Schichtbetrieb arbeitenden Astronauten - jeweils drei betreuen Labor, Cockpit und Versorgungseinrichtungen, während die übrigen drei ruhen - genügend biologische, medizinische und materialwissenschaftliche Experimente, um dem euro-amerikanischen Shuttle-Unternehmen Glanz zu verleihen. Die über Jahre auf ihren Weltraumjob gedrillten Experimentatoren, der Materialforscher Merbold und der Bio-Ingenieur Byron Lichtenberg, aber auch der Kommandant des Fluges, John Young, bürgen für die Erledigung der wissenschaftlichen Aufgaben.
Mit dem 53jährigen Young stellte die Nasa den Erfahrensten ihrer Astronauten-Crew für den Spacelab-Ersteinsatz zur Verfügung. Young hatte 1965 und 1966 »Gemini«-Kapseln um die Erde gesteuert, hatte mit »Apollo 10« im Mai 1969 den Mond umkreist und war, als Kommandant von »Apollo 16«, im April 1972 auf dem Erdtrabanten gelandet. Als erster Raumflieger düste der Karriere-Astronaut gar zum fünften Mal ins All - im April 1981, beim Jungfernflug der Space Shuttle »Columbia«.
Auch auf seiner sechsten Mission, wiederum als Kommandant der »Columbia«, soll Amerikas Raum-Heros der Nasa Ruhm und Steuergelder einfliegen. Verläuft die neuntägige Columbia-Spacelab-Reise erfolgreich, so werde das, hofft die Nasa, dem Wunsch nach einer bemannten Raumstation neuen Auftrieb geben.
Erfahrungen für eine ständig bemannte Arbeitsplattform im All können die Amerikaner mit dem etwa fünfzigmal wiederverwendbaren Euro-Labor wohl sammeln. Es steht ihnen, nach nur einem Shuttle-Freiflug für die europäischen Partner, bei allen weiteren Flügen kostenlos zur Verfügung.
Zu diesem von der Nasa als »äußerst großzügig« gelobten Abkommen war es gekommen, als die amerikanischen Raumfahrtplaner den Europäern 1969 anboten, sich an »Apollo«-Nachfolgeprogrammen zu beteiligen. Den europäischen Weltraum-Greenhorns, die selbst keinen Großtransporter fürs All bauen wollen, schien die Gelegenheit günstig, sich bei den Amerikanern als Lieferanten hochwertiger Weltraum-Technologie zu empfehlen.
So unterzeichneten die Esa-Nationen 1973 den Liefervertrag über das - für die US-Raumfähre maßgeschneiderte - Weltraumlabor. Verlangt es die Europäer nach einem weiteren Flug mit ihrem technischen Meisterstück, so müssen sie an die Amerikaner mehr als 100 Millionen Mark Startgeld entrichten.
Doch weder der Weltraum-Schnupperpreis von zweieinhalb Milliarden Mark - soviel kostet Europas Raumlabor - noch die Abhängigkeit von amerikanischem Goodwill vermochten bislang den Optimismus der Esa zu brechen.
Auch für künftige Vorhaben, etwa eine von Amerikanern und Europäern gemeinsam zu bauende Raumstation, machen sich die Esa-Planer Hoffnung. Dabei bauen sie auf die mit dem Raumlabor errungene technologische Leistungsfähigkeit und eine euro-günstige Klausel des Abkommens, wonach es den Amerikanern untersagt ist, die »unabhängige Entwicklung eines Raumlabors« zu betreiben, das »im wesentlichen dem ersten Spacelab entspricht«.
Die Aussicht auf eine gedeihliche euro-amerikanische Zusammenarbeit aber stößt sich hart mit den Interessen eines anderen Nasa-Partners: Über die Einsätze der Space Shuttle und die künftige amerikanische Raumfahrtpolitik entscheidet nicht zuletzt die U.S. Air Force. Bewilligt Präsident Ronald Reagan, wie zu erwarten, acht Milliarden Dollar für eine Raumstation, so werden die Generäle darauf dringen, daß die Station auch militärisch genutzt werden kann.
Daß Amerika wichtige Teile einer solchen Station in Europa bauen ließe, scheint kaum vorstellbar. Den Europäern, so spekulierte das »Handelsblatt«, drohe das Schicksal, als Lieferant »unbedeutender Komponenten abgespeist zu werden«.
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EINTRITTSKARTE ZUM WELTRAUM-KLUB US-Raumfähre mit europäischem Raumlabor »Spacelab« (schematische Darstellung) SPACELAB INSTRUMENTEN-PLATTFORM 7 Meter 3 Meter Schleuse für Außenbordexperimente Allwetter-Radar für Erdbeobachtung Photofenster Isolationsmatten Steuerkonsolen für Einrichtungen der Laderäume Verbindungstunnel zum Spacelab Labor- und Kontrolleinrichtungen für Experimente Instrumente zur Stern- und Atmosphärenbeobachtung Vorderer Teil (Datenverarbeitung und Versorgung) Hinterer Teil (wissenschaftliche Experimente)
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