FILM Schrecklich komisch
Kaum war, in einer Presse-Vorführung, der Film vorüber, mit strengem Faltenwurf, angestrengt inbrünstigem Pathos und statuarischen Figuren, denen höchstens der sizilianische Wind das Haar zauste, da wandte sich Jean-Marie Straub mit grimmigem Auflachen an die Anwesenden: »Ich hoffe, ihr habt herzlich über den armen Empedokles gelacht. »
Nun ist, soviel ist gewiß, Hölderlins »Empedokles« nicht zum Lachen und Straubs unnachsichtige Verfilmung (der zweiten Fassung des Dramas) erst recht nicht - der Film ist sozusagen der totale Antipode zu »Manche mögen''s heiß«. Sowohl das Lachen als auch die Publikums-Freundlichkeit betreffend.
Schroff, abweisend, sperrig, streng und auf seinen Geheimnissen entschlossen verharrend ist dieser Straub-Film. Und doch war die Einladung zum Lachen nicht nur der pure Sarkasmus des Filmemachers, der sich mit imponierender Konsequenz in die Rolle des (auch als Narren verhöhnten) Einzelgängers manövriert hat. Sondern der Film der Straubs provoziert wirklich auch das Lachen. Und er trifft sich dabei nicht nur mit Hölderlin und mit dessen Geschick sondern auch mit dem des Empedokles wie Hölderlin ihn auf die Bühne seiner Imagination gestellt hat.
Verspottet und geächtet tritt Empedokles auf, ähnlich wie Sokrates in Athen galt der Naturphilosoph als Verführer der Jugend von Agrigent im Sizilien der griechischen Antike.
Das Drama ist eine konsequent der Neuzeit abgetrotzte griechische Tragödie in einer ebenso konsequenten hohen Sprache, die, mitten im Schwaben an der Schwelle zum 19. Jahrhundert, das Griechische und das Deutsche mit harter Fügung zu vermählen sucht.
Empedokles, erst verstoßen und mit seinem Schüler verbannt, dann zur Rückkehr in die Gemeinde gebeten, entzieht sich der Welt, er stürzt sich in den Ätna - ein Art Sühne- und Opfertod (der _(Wladimir Baratta. Andreas von Rauch. )
in der zweiten Fassung allerdings nur erahnt werden kann).
Die Geschichte des Empedokles, wie sie Hölderlin vorträgt, kann auch als traurig abweisendes Beispiel vom Künstler und/oder Religionsstifter verstanden werden, der am feindseligen Banausentum, das ihn umgibt, scheitert, es im Tod überwindet.
Der Theatermann Klaus Michael Grüber hat in seiner Schaubühnen-Inszenierung und seiner Film-Novelle vom Empedokles mit dem Schauspieler Bruno Ganz Bedrohlichkeit und Einsamkeit des Künstlers akzentuiert.
Die Straubs setzen auf den (mißverstandenen) Sektierer Empedokles, den Glaubensstifter, der so in sich gefestigt ruht, daß er tatsächlich den Spott der Ungläubigen auf sich zieht. Es ist das Lachen über einen heiligen Narren. Und das irritierend Wunderbare an Straubs Film ist, daß er den Bürgern im Kinosessel wie den Bürgern Agrigents keinerlei Brücken zu dem Sektierer baut. (Um das nicht mißzuverstehen: Auch Christus für Hölderlin eine dem Empedokles verwandte Figur, war ja für Ungläubige ein Sektierer, den sie sich erst mit Spott, dann mit Gewalt vom Leibe hielten.)
So setzt Straub sich und seinen Film mit Konsequenz dem Spott und dem Unverständnis aus - es ist, als hätte »Empedokles« eine Regenhaut der Unnahbarkeit gegen die Zuschauer angelegt.
Da das Modische, das Zeitgenössische immer auch etwas Vermittelndes hat verweigert ihm Straub den Zugang zu seinem Film. Die schützende Hülle, die Kapsel, die er für seine Hölderlin-Griechen sucht, findet er in ihrer in sich ruhenden, zeitlich wie räumlich entlegenen Provinzialität.
Wie aus dem Provinztheater einer selig verflossenen Zeit wirken die griechischen Gewänder, bei denen jeder Faltenwurf scheinbar in Gips gehauen ist. Wie von der Neuzeit unberührt wirken die Gesichter von Straubs Laiendarstellern - so mögen Handwerker, Lehrer, kleine Beamte aussehen, die sich, in ihrer abgeschiedenen Gemeinde, mit lebensbewegenden Fragen auseinandersetzen.
Daß der Straub-Film Hölderlins Verse, die entschlackteste Sprache, zu der das Deutsche je geläutert wurde, zum Teil auch von Ausländern sprechen läßt, die nur mit äußerstem Schwung und pathetischem Anlauf über die Verse kommen, ohne zu holpern, befremdet. Und doch stellt sich auf diese Weise die große Ferne her - die Unberührtheit der Verse, die ja auch keine Kompromisse mit den Zeitgenossen suchten.
»Empedokles« ist kein Film, den man irgend jemandem empfehlen kann. Aber wer sich ihm aussetzt, wird sich ihm nicht entziehen können. Es sei denn, man versucht es mit Lachen. »Schrecklich komisch« ist ja auch eine irritierende Sprachfloskel. Hellmuth Karasek
Wladimir Baratta. Andreas von Rauch.