BÜCHER Schrecklich, schrecklich
Niemand konnte erwarten, daß »Goldie«, kaum in Pension, der Weltöffentlichkeit ungehemmt darbieten würde, was man auf dem weiten Weg aus dem Getto in Pinsk über den Milchladen in Milwaukee bis ins Premierminister-Büro zu Jerusalem, und vor allem dortselbst, erleben kann. Schon gar nicht standen Blicke in das Labyrinth der israelischen Innenpolitik zu erwarten. Das hieße denn doch, die Solidarität und das Sendungsbewußtsein der israelischen Pioniergeneration zu unterschätzen. Diskretion ist unter Patriarchen immer noch ein Grundsatz.
Aber daß sich eine Vision wie die von der Staatsgründung Israels offenbar nur verwirklichen läßt, wenn die Visionäre dermaßen simplistisch, glatt und selbstgerecht sind, wie sich Golda Meir nun offenbart, diese Lektion lernt man in ihrem Buch gründlich. Und daß die einzige Frau, die im männerbeherrschten Nahost-Konflikt höchste Entscheidungsbefugnis hatte, so wenig mitzuteilen weiß, ist -- Jahr der Frau hin, Jahr der Frau her -- eine arge Enttäuschung.
Kein persönlicher oder politischer Konflikt -- sei es mit ihrem Mann Morris, mit Ben-Gurion oder Kreisky -- ficht sie an, ihr Kompaß stimmt immer. Und wenn schon ein israelischer Kondottiere wie General Scharon, der 1973 immerhin den Suezkanal überquerte, nicht mal mit Namen vorkommt, wen wundert's da noch, daß hier jeder ernsthafte Versuch unterbleibt, über arabische Positionen zu reflektieren oder sie gar zu begreifen.
Nichts, so scheint es, kann die biblische Unerbittlichkeit und Unerschütterlichkeit anrühren, mit der das himmlische Jerusalem gepredigt wird. Da gedeiht kein Zweifelchen, und Reue schleicht sich nur ein einzig Mal ein: »Ich werde nie mehr der Mensch sein, der ich vor dem Jom-Kippur-Krieg gewesen bin.«
Ja, ja, doch beileibe nicht etwa, weil mit diesem Krieg die auch von Golda Meir zu vertretende israelische Araberpolitik ihre Katastrophe erlitt, sondern weil die Regierungschefin entgegen den »Warnungen meines Herzens« die Mobilmachung nicht frühzeitig genug befohlen hatte. Man versteht: Die anderen, die Berater, waren schuld.
Dennoch ist dies das bewegendste Kapitel. Die Araber schossen mit »schrecklichen Waffen«, Golda hatte »schreckliche Gespräche« und sah die »schrecklichsten Aspekte«. Aber auch jetzt noch sind die Sentiments auf Sieg gestimmt: Als die erste US-Galaxy mit Nachschub landete, weinte die Regierungschefin bezeichnenderweise »zum ersten Mal seit Kriegsausbruch -- allerdings nicht zum letzten Mal«. Dieter Wild