SCHRECKLICHE MÄRCHENSTUNDE - DER SPIEGEL
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Jürgen Becker über Donald Barthelme: "Schneewittchen " SCHRECKLICHE MÄRCHENSTUNDE

Jürgen Becker, 36, ist Autor der Bücher »Felder« und »Ränder«. Er wurde 1967 mit dem Preis der »Gruppe 47«, im vergangenen Jahr mit dem Kölner Literaturpreis ausgezeichnet. -- Der amerikanische Autor Donald Barthelme, 37, ist in Deutschland bereits durch den Erzählungsband »Komm wieder, Dr. Caligari« bekannt geworden.
• aus DER SPIEGEL 6/1969
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Schneewittchen, das Grimmsche Märchen, gehört auf die Liste der jugendgefährdenden Schriften. Das muß verlangen, wer die zeitgenössische Fassung von Donald Barthelme kennt. Sie offenbart den Schwindel, der uns immer vorgelesen worden ist. In Wahrheit ist das ja der reine Sex und Crime.

Wir hätten es schon früher wissen können, aber erst der 37jährige New Yorker, der mit seinen vor drei Jahren hier erschienenen Geschichten das Comeback des Dr. Caligari veranstaltet hat, brachte Licht ins Dunkel der romantischen Verdrängungen. Die Wiederauferstehung der Zweiundzwanzigjährigen findet Mitte der sechziger Jahre statt, mitten unter enthemmten, frustrierten Zeitgenossen, von denen sieben ihre Liebhaber sind, einer ein Rocker, einer ein blaublütiger Frosch, einer der Boß einer Beatband und einer eine Dame namens Jane ist, die vor lauter Eifersucht dem schönen Kind einen vergifteten Gibson on the Rocks mixt.

Schneewittchen freilich lebt etwas außerhalb eines Zustandes, den das Märchen noch als Unschuld verklären konnte, indem es Schneewittchen bei sieben Zwergen schlafen ließ. Jedoch, bescheiden auch bleiben die Fähigkeiten der sieben Gebäudereiniger, mit denen es nunmehr zusammenlebt; denn selbst die Gruppenspiele im Duschraum ändern nichts daran, daß Schneewittchen unbeglückt bleibt. So wartet das Kind einer Epoche, die Prinzen, wenn in Funktion, dann nur in der von illustrierten Hochzeitern sieht, auf seinen Prinzen; so widersteht es dem dunklen Charme, den verchromten Ketten, der Motorradmontur des schönen Schlägers Hogo; so leidet, hofft und träumt die milchweiße, ebenholzschwarze Schöne, bis sie am Ende, wiederum geläutert, gen einen Astronautenhimmel auffährt.

So kommt es auch hier zu einer Art von Happy-End, aber dieses glückliche Ende meint in der aktuellen Version eine autoritär verfügte Ruhe und Ordnung, das glatte Funktionieren innerhalb eines Systems, das sich Anpassung durch latente, angedrohte oder vollzogene Gewalt erzwingt. Gewalt und ihre äußerste Konsequenz, der Terror, bestimmt auch die In-Group-Existenz dieser Gebäudereinigerkolonne, die auf ihre Weise das System des gesellschaftlichen Ganzen reproduziert. Seine Folgen werden erkennbar an vertrauten Verhaltensweisen; sie äußern sich in kleinen Tricks und großen Verstörungen, geträumten und praktizierten Grausamkeiten und Perversitäten.

Die Spielregeln werden stets dabei eingehalten, will sagen: Donald Barthelme reproduziert in seiner Erzählweise jenen perfiden Schein von Alltäglichkeit und Legitimität, den unsere Gesellschaft zu ihrer Rechtfertigung ausstrahlt. Freilich läßt Barthelme diesen Schein gleich in seiner ganzen Unglaubwürdigkeit entstehen; die Sprache entlarvt, was die Fakten und Vorgänge verschweigen.

Wer in diesem Buch spricht, führt Sprechblasen vor dem Mund, das heißt, ein jeder hat sich den Übereinkünften angepaßt, die unsere Denk- und Sprechweisen reglementieren. Daß selbst der unvermittelte Ausdruck darüber als Zitat erscheint, diese Einsicht hatte bereits die verbalen Fertig-Produkte des Caligari-Bandes bestimmt. Hier verwandelt sich unversehens zum Sprichwort, was der Zeitgeist den Sprechern an Gedanken eingibt.

Die von ungezählten Kino-Dialogen vorgestanzten Tauschworte der sogenannten zwischenmenschlichen Beziehungen, die Syntax-Stummel der Werbespots, das Comic-Chinesisch und der Verlautbarungs-Stil der öffentlichen Meinung, das ganze Repertoire der zeitgenössischen Zivilsprache hat im Bewußtsein Schneewittchens und seiner Umgebung eine solche Selbstverständlichkeit und Authentizität gewonnen, daß ihre hohlsten und banalsten Äußerungen wieder von schönster Natürlichkeit sind, einer zweiten Natürlichkeit, die den Schwund aller Individualität schon nicht mehr bemerkt.

So reden also Pop-Figuren, die an die Stelle der alten Märchen-Figuren getreten sind. Wo jene aber sich in einer Sprache äußern, die zur Erkenntnis ihrer Falschheit noch den Hohn mitgibt, die Persiflage und den Spott auf sich selbst, hecheln diese von reiner und heuer Welt. Wir wissen, wie die Grimmsche Fassung die allgemeine Ordnung bewahrt, bis hin zur Rache an der bösen Königin, für die am Ende die glühenden Pantoffeln bereitstehen. Gerechtigkeit, wie sie das Märchen versteht; ein Märchen, das zugleich den terroristischen Charakter von Ordnung und einer Gesellschaft, die zu ihrer Verteidigung der Ordnung bedarf, verinnerlicht und verdrängt. Barthelme entlarvt solche Verinnerlichung als faulen Zauber; Schneewittchens Comeback findet statt in eine Welt, die mit ihrer Entzauberung die Wahrheit über ihren Zustand offenbart.

Wenn Schneewittchen, das Grimmsche Märchen, nicht verboten wird, dann sollte es wenigstens das Gruseln lehren vor dem, was es romantisch verklärt. Donald Barthelme, in seiner amerikanischen und von Maria Sporleder glänzend eingedeutschten Fassung, hat die Schleier fallen lassen; seine Märchenstunde gibt die Lektion eines Schreckens auf, den kein Es war einmal wieder beschwichtigt.

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