FILM Schule des Überlebens
Indische Filme, soviel hat sich im Westen herumgesprochen, sind in der Regel knallbunte Melodramen, in denen ausdauernd gesungen wird und das Schicksal mächtig waltet, bis der fettige, stark geschminkte Prinz endlich die Prinzessin mit dem schönen Nabelgrübchen in die Arme schließt. Geküßt wird nicht.
Daß es auch ganz andere indische Filme gibt, ernsthafte also, hat sogar die Inderin Mira Nair erst in den USA erfahren; erst dort, als Harvard-Stipendiatin, hat sie die Werke des großen indischen Regisseurs Satyajit Ray kennengelernt. Eigentlich hatte sie in Harvard ihre in Indien begonnene Schauspiel-Ausbildung fortsetzen wollen (Kleopatra auf einer Studentenbühne in Neu-Delhi war ihre beste Rolle), doch Amerikas knallbunte Melodramen, die Musicals, waren nicht nach ihrem Geschmack, und so wandte sie sich dem Dokumentarfilmstudium zu.
In Indien ist Frauen manches erlaubt - sogar, daß sie Ministerpräsidentin werden - und vieles beinahe unmöglich. Vielleicht ist Mira Nair, 31, Indiens erste Filmregisseurin; die erste jedenfalls, die im Westen von sich reden macht, Festivalpreise gewinnt - deshalb gilt sie in ihrer Heimat als unartige Provokateurin: Sie tut nichts für die Verewigung der nationalen Schmalz-Kinoklischees.
Einer ihrer Dokumentarfilme attackierte am Beispiel von Strip-Tänzerinnen aus dem Prostituiertenviertel von Bombay die heuchlerische Sexualmoral des Landes; ein anderer griff die Praxis an, daß indische Frauen den Schwangerschaftstest mit Geschlechtsbestimmung vor allem dazu benutzen, weibliche Föten dann gleich abtreiben zu lassen. Solche Dokumentationen sind nicht mit indischem Geld finanziert worden.
Auch für ihren ersten Spielfilm »Salaam Bombay!« mußte Mira Nair, die ihren Hauptwohnsitz an der New Yorker Bowery hat, das Produktionskapital hauptsächlich in Europa auftreiben - insgesamt knapp eine Million Dollar ("So hoch ist bei Hollywood-Produktionen das Kokain-Budget«, sagt sie). Bei indischen Profis erntete sie nur Kopfschütteln mit ihrem Projekt: Sie wollte nach Dokumentarfilm-Manier mit Originalton im Gewühl der grellen, überfüllten Straßen Bombays drehen, in Bordellen, Hinterhäusern, Erziehungsanstalten, sie wollte von Prostitution, Drogenhandel und Jugendkriminalität erzählen, und ihre Hauptdarsteller sollten authentische Straßenkinder sein, die weder lesen noch schreiben konnten.
Wohlmeinende Warnungen haben Mira Nair nicht von dem Konzept abbringen können. Sie hat ihren Film durchgeboxt, wie sie ihn wollte, immer voll im Gewimmel und das Kamera-Auge weit offen, um möglichst viel von dieser farbigen, dreckigen, wirren Wirklichkeit einzusaugen.
Dabei steckt in der Story, der sie folgt, doch ein romanhaft-melodramatisches Grundmuster. Die Geschichte des zehnjährigen Dorfjungen Krishna, der, von einem Wanderzirkus zurückgelassen, in Bombay unter Bettelkindern auf einem Müllplatz haust und sich als Teeverkäufer, Hühnerschlächter, Lumpensammler, Gelegenheitsdealer durchs Leben schlägt; seine Zuneigung zu einem stummen kleinen Mädchen aus Nepal, das in ein Bordell verkauft und dort zur hochbezahlten »Jungfrau« abgerichtet wird; seine Freundschaft mit einem zitternden, taumelnden jungen Junkie, der ihn bestiehlt, um sich die tödliche Überdosis leisten zu können; seine Flucht aus dem feuchten Gemäuer einer Erziehungsanstalt; sein Zusammenstoß mit dem Oberdealer und Zuhälter Baba, der das Revier beherrscht - dieses dichte Gewebe von Orten, Figuren, Ereignissen wird zu einem veritablen »Bildungsroman": Nichts bildet wie die Banalität und Brutalität des Überlebens. »Salaam Bombay!« ist ein Kinderfilm, aber nicht für Kinder.
Die Schar ihrer Kinderdarsteller hat sich Mira Nair auf den Straßen Bombays zusammengesucht und in Workshops auf die Arbeit vorbereitet. Nach Ende des Films sind sie - auch das gehört zur Schule des Überlebens - weitgehend dorthin entlassen worden, wo sie herkamen; Hauptdarsteller Shafiq Syed, inzwischen 13, sammelt nun wieder Lumpen. Immerhin, gemeinnützige Stiftungen hat Mira Nair in Bombay und Neu-Delhi hinterlassen: Sie sollen, mit den Profiten des Films finanziert, Straßenkindern die Möglichkeit geben, lesen und schreiben zu lernen.