Schutzengel, Klotz am Bein - DER SPIEGEL
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Filme Schutzengel, Klotz am Bein

»Black Hill«. Spielfilm von Andrew Grieve. Großbritannien 1988. Farbe; 116 Minuten.
• aus DER SPIEGEL 2/1990
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Lewis und Benjamin Jones, so steht es geschrieben, »schliefen 42 Jahre lang Seite an Seite im Bett ihrer Eltern, auf ihrem Bauernhof, der ,The Vision' genannt wurde«. Sie waren 80, als der Tod sie schied: Lewis, durch einen tieffliegenden Düsenjäger in Panik versetzt, fuhr mit seinem geliebten Traktor in einen Graben und brach sich den Hals.

Er hatte schon als Kind, seit der ersten Kanalüberquerung Bleriots, ein eigensinniges Interesse für Flugmaschinen entwickelt und hatte, natürlich zusammen mit Ben, an ihrem 80. Geburtstag den ersten und einzigen Flug gemacht: mit einer Sportmaschine um den schwarzen Berg und tief über den Einödhof »The Vision«, der dort genau auf der Grenze zwischen England und Wales lag. Ihr Vater war ein walisischer Bauer gewesen, gewaltig jähzornig und gottesfürchtig, ihre Mutter eine englische Missionarstochter, die ihre Kindheit in Indien verbracht hatte, blaß, spitz und gottergeben. Lewis und Ben hatten einander und brauchten deshalb keinen Gott.

Zwillinge sind Menschen, die niemals mit sich allein waren, nicht einmal vor ihrer Geburt; deshalb geht ihre Sozialisation besondere Wege, deshalb ist ihre Beziehung zum eigenen Spiegelbild paradox, und deshalb ist für sie - zumal für die eineiigen, die man auch identische nennt - Identität ein Zweierproblem. Wird der eine von einer Wespe gestochen, schreit der andere vor Schmerz, erhält Ben einen Schlag ins Gesicht, schießt Lewis das Blut aus der Nase; lebenslang ist jeder des anderen Schutzengel, jeder des anderen Klotz am Bein. Die Psychoanalytikerin und Zwillingsforscherin Lotte Zons, eine Emigrantin aus Österreich, von der sie das seltsame Wort »monozygotisch« erfuhren, hatte ihnen gesagt, Zwillinge seien auch im Tod unzertrennlich. Aber das, so mußte Benjamin, 80, als letztes in seinem Leben begreifen, stimmte nicht.

Bruce Chatwins Roman »Auf dem schwarzen Berg« ist ein filigranes Erzählwerk, das die Geschichte dieses Jahrhunderts, von 1900 bis 1980, in der Geschichte der Zwillings-Symbiose zwischen Lewis und Benjamin Jones spiegelt; und der Film, den der walisische Regisseur Andrew Grieve, 50, daraus gewonnen hat, bringt trotz aller Verkürzung zart und detailreich den brüderlichen Mikrokosmos in Bilder. Auch der Film umspannt acht Jahrzehnte, und nach mehreren Kinder-Paaren tragen ihn die Schauspieler-Brüder Mike und Robert Gwilym mit bedächtigem Ernst durch die Zeit. Geredet wird wenig, das brauchen die beiden nicht; das Pathos der Dauer ist in den Bildern, in Englands Grün und im Schwarz der Waliser Berge.

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