Schwamm drüber - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 43 / 65

YVES KLEIN Schwamm drüber

• aus DER SPIEGEL 11/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vierhundert kleine Naturschwämme hatte der Künstler eigenhändig blau gefärbt. Zum Preis von drei Mark das Stück konnten die Ausstellungsbesucher sie als Katalogbeigabe erwerben.

Der Katalog - Preis: sieben Mark - enthielt unter anderem einen blauen und einen rosa Pappdeckel und einen goldenen. Von diesem rieselte den scheu zugreifenden Kunstfreunden einiges Blattgold auf' den Anzug. Dem Katalogtext zufolge sollten die Besucher diesen Zerfall aber nicht etwa als Malheur, sondern vielmehr als »das Rauschen des Goldes an sich« oder gar als ein Symbol für »den Alten Bund ..., das Gesetz und Gottvater« auffassen.

Die derart kostbar garnierte Kunstschau hieß »Monochrome und Feuer« und würde im Museum »Haus Lange« der Samt- und Seidenstadt Krefeld veranstaltet. Der Schwamm- und Blattgold-Verarbeiter ist ein 32jähriger, aus Nizza gebürtiger Franzose namens Yves Klein, der sich schön mehrfach als geschicktet Schau-Künstler ausgewiesen hat.

So führte er zum Beispiel 1957 in einer Pariser Straße eine Anzahl gebündelter blauer Luftballons als »erste Luftplastik« vor und demonstrierte 1960 in einer Pariser Galerie seine »anthropometrische« Maltechnik: Klein ließ vor privilegiertem Publikum nackte Mädchen ihre mit blauer Farbe beschmierten Leiber gegen Leinwände und Bahrtücher pressen.

Über diese ungewöhnliche Methode der Bildherstellung schreibt »Haus Lange«-Direktor Paul Wember im Katalog: »Dahinter (steckt) ein tiefer theologischer Sinn über die Notwendigkeit der Fleischwerdung des Geistes.«

In ähnlich tiefsinnigem wie mangelhaftem Deutsch schildert Klein-Förderer Wember auch, wie der Künstler darauf verfiel, statt des herkömmlichen Malgeräts »diese lebendigen Pinsel« zu benutzen: »Beim Judospiel, wo er (Klein) aufs stärkste beeindruckt ist vom fairen, mutigen Kampf und vom Körperfall in den Raum, wird er von anderen Zeichen sehr beeindruckt. Schweiß und Staub hinterlassen bei den Kämpfen auf einem frischen weißen Teppich Zeichen und Abdrücke, die in seiner Seele fest haften bleiben. Die Ausnutzung, beziehungsweise die Rückkehr zu diesen Erlebnissen, erfolgt jedoch erst einige Jahre später.«

Katalogvermerk: »Yves Klein hat einen hohen Judograd erreicht: Schwarzer Gürtel, 4. Dan.«

In Krefeld wartete nun Mal-Judoka Klein nicht mit den weiblichen Pinseln, sondern nur mit ihren haut nahen Abdrücken auf. Der größte zeigt sogar Wälzspuren zweier Damen, heißt »Große blaue Menschenfresserei« und kostet 33 000 Mark.

Andere Attraktionen der Klein »Gesamtausstellung« waren: Sogenannte Monochrome, einheitlich blau, rosa oder golden angestrichene Bildtafeln kleineren und größeren Formats, teilweise auch mit gleichfarbigen Schwämmen behaftet oder sanft eingebeult; blaue, rosa gefärbte dünne Holzstäbe, von der Decke herabhängend; ein von Yves Klein eigenhändig weiß gestrichener, sonst aber völlig leerer Raum; eine Anlage zum Abbrennen kleiner und großer Gasflammen im Freien, nach Plänen des Künstlers von den Stadtwerken Krefeld sowie den Firmen Küppersbusch, Gelsenkirchen, und Propan-Butan GmbH, Krefeld, erstellt und allabendlich vom Museumspersonal in Betrieb gesetzt ("Werktags ab Dämmerung nach Bedarf").

Mit diesem Feuerzauber wollte der Meister vom Schwarzen Gürtel die Idee seiner »Luftarchitektur« propagieren. Dazu Katalog-Autor Wember: »Hauptkonstruktionselement ist die Luft. Sekundäre Mittel sind: Wasser-, Licht- und Feuerspiele ... Yves entwickelt die Idee, ganze geographische Gebiete zu klimatisieren. Er erinnert dabei an den Ausspruch Ben-Gurions: 'Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.'«

Zusammen mit dem deutschen Architekten Werner Ruhnau hat der französische Wundermann Klein schon einen derartigen Entwurf für den Theatervorplatz in Gelsenkirchen ausgearbeitet; Küppersbusch errechnete die Kosten.

Der Ruhrgebietsstadt verdankt »Yves le Monochrome«, wie er in Paris genannt wird, auch seinen bisher größten Erfolg: 1959 durfte er das Foyer des von Werner Ruhnau erbauten Gelsenkirchener Stadttheaters mit vier wandgroßen Blau- und Schwamm -Monochromen zieren, deren dekorativer Wert unbestritten ist.

Mit der Monochromie, der schieren Einfarbigkeit, will der smarte Klein Frieden und Freiheit ausdrücken. Noch friedlicher und freier erscheint ihm das reine Pigment, ungebundenes Farbpulver, wie es in jedem Malerbedarfsgeschäft zu kaufen ist. Folgerichtig durften denn auch die Besucher der Krefelder Ausstellung unter den Katalognummern 51 und 52, säuberlich in zwei Glasbehältern verstreut, nichts Geringeres als »Reines Pigment Blau« und »Reines Pigment Rosa« bestaunen.

Was den einfarbigen Yves dennoch von einem simplen Anstreicher unterscheidet, ist laut Museumsdirektor Wember sein ganz besonderes Bindemittel, dessen Geheimnis der junge Avantgardist eifersüchtig bewahrt. Überdies wollen die geheimnisvoll verrührten und schlicht verpinselten Klein-Farben als hohe Symbole verstanden sein. So wie das Klein-Gold Gottvater symbolisiere, bedeute Rosa »das Christentum ..., die Liebe und das Fleisch, deswegen Gottsohn«, Blau »das Immaterielle ..., Gott Heiliger Geist« und alles zusammen »eine Dreiheit im Sinne theologisch-spekulativer Dreifaltigkeit«.

Nicht alle Betrachter der Krefelder Klein-Kunst mochten freilich den Darbietungen des spekulativen Pinselquälers so fromme Andacht weihen wie der Museumshüter und Katalog-Schreiber Paul Wember. Die Lokalpresse kommentierte: »Pestbeulen« und »Intellektueller Brechreiz«. Die »Rheinische Post« sprach von der obligaten »Hutschnur«, über die den »Steuerzahlern« eine so geartete Kunstpflege gehen könnte. Sogar ein anonymes Anti-Wember -Pamphlet fand in Krefeld Verbreitung.

Wohlwollender, aber vorsichtig genug taxierte der Kritiker Albert Schulze Vellinghausen in der »Frankfurter Allgemeinen« die umstrittenen Klein -Werte: »Gewiß, da drängt sich manches ,Getue', noch kaum legitim, in den Vordergrund. Aber man sollte sich davon nicht beirren und erst recht nicht davon verärgern lassen. Denn immerhin ist da ein Feld beschritten, das - im Kontakt mit künftiger Architektur - sich vermutlich als Kraftfeld erweisen wird.«

Noch sibyllinischer formulierte der »Welt«-Referent Helmuth de Haas: »Viel Wirbel? Ja, ohne Zweifel. Aber auch frischer Wind.« Und: »Was also ist mit Yves Klein? Er ist, so scheint es, ein aktiver Träumer. Einer, der etwas macht. Ein Experimentator.« So viel verbindliche Unverbindlichkeit wollte der »Welt« wiederum Paul Wilhelm Wenger im »Rheinischen Merkur« nicht durchgehen lassen: »Noch progressiver wäre es, wenn Yves Klein seine monochromen Modelle statt auf die Leinwand gleich an die Wand springen ließe. Man hätte dann den Zwischengang des Aufhängens gespart und hätte das Monochrom als 'aktiven Traum' direkt auf der Tapete.«

Eindeutig positiv aber schloß die Krefelder Ausstellung für den rührigen Yves in geschäftlicher Hinsicht ab. 15 von insgesamt 54 Exponaten konnten abgesetzt werden. Die Käufer zahlten drei- bis fünfstellige Preise.

Eines der kleinsten Klein-Stücke, ein blau gestrichenes Täfelchen im Format 40 mal 57 Zentimeter mit dem Titel »Ho, Ho!« kostete 600 Mark. Wember: »Ein Schnäppchen.« Auch der Gasbrenner fand einen Liebhaber. Prominentester Käufer war der amerikanische Stahlindustrielle und renommierte Kunstsammler G. David Thompson (SPIEGEL 52/1960), der unter anderem das große goldene Beulen-Bild »Widerhall« erstand.

»Seine blauen, rosa und goldenen Flächen sind ihm nicht das Eigentliche«, hatte Museumsdirektor Wember über Yves Klein orakelt. »Es sind nur Vorstufen für etwas, was er dadurch erreichen will ... Eine Gegebenheit möchte er in Gold verwandeln.«

Monochromist Klein

Träumerische Experimente ...

... mit lebendigen Pinseln: Klein-Modelle

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 65

Mehr lesen über