Schwarzer Mönch - DER SPIEGEL
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KUNST Schwarzer Mönch

Vierzehn Jahre lang malte der US-Künstler Ad Reinhardt nur schwarze Bilder und wurde so zum »Propheten der Minimal Art«. Sein Werk wird jetzt erstmals in Europa -- in Düsseldorf -- gezeigt.
• aus DER SPIEGEL 40/1972
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»Farben«, fand der amerikanische Maler Adolph (»Ad«) Reinhardt (1913 bis 1967), »stechen in die Augen« und seien »wie etwas, das einem im Hals steckenbleibt«. Ihr Gebrauch offenbare einen »unbesonnenen Charakter«.

Besonnen zog der Künstler, zu Hals- und Augenschonung, die Konsequenz: Mitte der fünfziger Jahre stellte er die Farbtöpfe weg und ging dazu über, statt roter, blauer oder bunter Bilder nur noch schwarz in schwarz zu malen.

Die Resultate solcher Askese genießen, von Eingeweihten umraunt und bewundert, seit Jahren ein exklusives Ansehen. Reinhardt gilt unter anderem als »Prophet der Minimal Art« (»Time«).

Erst jetzt jedoch kommt seine Schwarzmalerei in größerem Umfang europäischem Publikum zu Gesicht: Die Düsseldorfer Kunsthalle zeigt eine große Reinhardt-Retrospektive.

Geduldige Betrachter brauchen dabei nicht einfach schwarz zu sehen: denn intensives Hinschauen offenbart feinste Farbabstufungen innerhalb der Black-Power-Leinwände, die auf den ersten Blick ganz einheitlich getüncht wirken. Nach längerer Zeit nimmt das Auge auch einfache Flächen-Strukturen wahr -- meist sind die quadratischen Bilder in der Form eines schlichten Kreuzes unterteilt.

Reinhardt, selbst als »schwarzer Mönch« bespöttelt, amüsierte sich freilich nur, als er einmal »ein paar Nonnen in Ekstase kommen sah, weil sie in einem schwarzen Bild das Kruzifix erkannt zu haben glaubten«.

Mystische Verinnerlichung war von dem Schwarzkünstler sowenig beabsichtigt wie bloße Netzhaut-Reizung. Reinhardt, stets unter dem Dogma eines esoterischen Kunstbegriffs (»Kunst ist Kunst als Kunst, alles andere ist alles andere«), suchte das »absolute« Bild und definierte es vor allem negativ: »nicht-darstellend, nicht-figurativ, nicht expressionistisch, nicht-subjektiv«.

Der Weg des 1913 in Buffalo geborenen Malers, dessen Vater noch in der Zaren-Armee gekämpft hatte, in seinen »Kloster-Elfenbeinturm« führte über wenige, überschaubare Etappen: Die (farbfrohen) nachkubistischen Anfänge machten Reinhardt zu einem der wichtigen Abstrakten seiner Generation -- eine Reputation, die sich auch bestätigte, als er zu eher verschwimmenden, vortachistischen Formen und dann zu kalligraphischen Pinselübungen (»Farbziegel-Impressionismus«) fand.

Doch dem Künstler selbst waren seine Werke »zu schön, zu unrein«. Unter dem Einfluß fernöstlicher Philosophien machte er sich ans »Eliminieren« und entwickelte so seine karg-elementaren und zugleich dunkel prunkenden »Black Paintings«. Und jedes Werk dieser 14 Jahre langen Phase erschien ihm als das »letzte Bild, das jemand malen kann«.

Der letzte Schrei war das, im Zeichen der aufkommenden Pop Art, erklärlicherweise nicht. Reinhardt fand immer weniger Verständnis beim breiteren Publikum. Als er 1965 in drei New Yorker Galerien jeweils nur (ältere) rote, blaue und (aktuelle) schwarze Arbeiten ausstellte, fragten die Besucher fassungslos: »Wo hängen denn die Bilder?«

Daß freilich bei Reinhardts Lebzeiten nur sechs Bilder, und die zu bemessenen Summen, verkauft wurden, war ein durch restriktiven Ausstoß vom Künstler mitgesteuerter Mißerfolg. »Keine Kunst als Ware!« postulierte Reinhardt. »Die Kunst ist nicht die geistige Seite des Geschäfts.« Heute werden Geschäfte mit Reinhardt-Bildern bei Preisen um 300.000 Mark abgeschlossen.

Unerbittlich ernst war der Einfach-Maler, der programmatisch auf die »Trennung von Kunst und Leben« hielt, freilich nur vor der Staffelei. Nebenbei strichelte der ehemalige Chefredakteur eines Studenten-Witzblattes gern satirische Zeichnungen zur Lage von Kunst und Künstlern.

So zeichnete er beispielsweise unter dem Titel »Wie man in Amerika moderne Kunst betrachten soll« einen weitverzweigten Stammbaum der Kunst, der im Humus von »Griechischer Kunst«, »Negerskulptur« oder »Primitiven« wurzelt und in dessen Ästen sich Künstler als Vögel tummeln oder als welke Blätter zu Boden fallen. Die Baumkrone mit den von Reinhardt favorisierten »Abstrakten« steht in voller Blüte, während die verachteten »Gegenständlichen« an einem morschen Ast absterben.

Ein andermal gab er in einer skurrilen Formenlehre Anleitungen zum rechten Verständnis der Spirale und ihrer Bedeutung für die Kunst oder zog über New Yorker Kunstkritiker her (»Spießiger Haufen«). Fast immer umrahmte er seine Blätter mit Sentenzen wie »Die Zeit ist aus den Fugen« oder »Der wahre Künstler ist entweder Plagiator oder Revolutionär.«

Der satirische Erfolg seiner Blätter schien dem Cartoonisten jedoch zweifelhaft: »Ich machte mich lustig über Kunst-Erklärungen -- aber die Leute bedankten sich hinterher, weil ich ihnen die Kunst endlich klargemacht hätte.«

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