Schwarzer Prinz - DER SPIEGEL
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POPMUSIK Schwarzer Prinz

Der US-Star Stevie Wonder beginnt am Freitag eine Deutschland-Tournee.
• aus DER SPIEGEL 20/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Krieg'' ich ein Auto, das Blinde ohne fremde Hilfe fahren können?« scherzte der blinde Stevie Wonder zu einem Public-Relations-Mann der US-Plattenfirma »Motown«, der dem amerikanischen Sänger, Komponisten und Multi-Instrumentalisten ein paar Geschenke versprach.

Ein Wunderauto für Blinde gibt es bislang noch nicht, auch nicht für das schwarze Popmusik-Genie Stevie Wonder. Deshalb mußte er sich, auf einer Pressekonferenz am vergangenen Dienstag in Amsterdam, mit Routine-Präsenten begnügen, unter anderem mit einer goldenen Schallplatte, einer jener Trophäen, mit denen die Musikindustrie sich selbst und auch ihre auflagenstarken Umsatz-Matadoren beglückt.

Gold- und Platinplatten pflastern seinen Weg, seit 1963 »Little Stevie Wonder« zum erstenmal den Hitparaden-Gipfel stürmte. In Saginaw, im US-Staat Michigan, war Wonder am 13. Mai 1950 blind in ärmliche Verhältnisse hineingeboren worden.

Ein Auto für nicht sehende Selbstfahrer braucht Wonder nicht so dringend. Denn sein unerschöpfliches Talent, wunderschöne Melodien zu erfinden und damit sein Millionenpublikum in der ganzen Welt zu betören, hat ihn reich gemacht.

Inzwischen stehen überall, wo er hinkommt, Luxuslimousinen mit Chauffeur für den Superstar bereit, die ihn in die Arenen kutschieren, wo er seine rauschhaften Musik-Feiern zelebriert.

»I love you« rief er am vergangenen Mittwoch in Rotterdam rund 8000 begeisterten Zuhörern zu, dem Premierenpublikum seiner neuen Europa-Tournee, die ihn ab kommendem Freitag auch zu vier Auftritten in die Bundesrepublik bringen wird.

( Dortmund (15. 5.), München (18. 5.), ) ( Frankfurt (21. 5.), Ludwigshafen (22. ) ( 5.). )

Und dann intonierte er mit seiner weichen Tenorstimme einen seiner vielen Weltschlager, die nie in Schnulzen-Seichtheit plätschern: »You Are The Sunshine Of My Life«.

Dieser Hit ist inzwischen die Stütze im Repertoire Frank Sinatras und anderer Interpreten, aber niemand singt ihn mit ähnlichem Schmelz, mit so sicherem Halt über dem Abgrund zum Kitsch wie Stevie Wonder.

Die rund 30 feingeschliffenen Popjuwelen, die er jetzt in seinen Konzerten dem Publikum als Jubelfutter offeriert, bilden dabei nur einen kleinen Ausschnitt seiner überquellenden, nun fast 20 Jahre dauernden Musikerkarriere.

Eine dumpfe Hit-Konsumschau sind Wonder-Abende trotzdem nicht. Zusammen mit seinem »Wonderlove«-Ensemble aus 4 Sängerinnen und 10 Instrumentalisten führt Wonder wieder einmal vor, was schwarze Musik, was Soul, Blues, Jazz und Rhythm & Blues auch bedeuten: ein überlebensnotwendiges Seelenheilmittel für eine geschundene, diskriminierte Minderheit, die sich mit Spaß, religiöser Inbrunst, rhythmischer Ekstase und euphorischen Ruf- und Antwortgesängen ihr Gemeinschaftsgefühl verschafft und über das soziale Elend erhebt.

Und so gibt es in der dreistündigen ausgelassenen Soulshow nahezu andächtige Stille nur, wenn Wonder in seinen Liebesballaden schwelgt und sich dabei am Flügel begleitet oder mit unwiderstehlichen Mundharmonika-Improvisationen glänzt.

Musik, das spürt man, und er betont es bei jeder Gelegenheit, ist mehr als pures Entertainment für Stevie Wonder. Sie bedeutet »Celebration": eine Feier, die Kommunikation stiftet und Verbrüderung schafft. Liebe, Frieden und ein profunder Gottesglaube sind S.231 die Eckpfeiler in Wonders offenbar sehr glücklicher Existenz, und manchmal wirkt er sentimental und pathetisch wie ein seliger Hippie aus längst vergangenen Blumenkinder-Zeiten.

Wie ein schwarzer Spät-Hippie sitzt er auch mit seinen folklorebunten Afro-Zöpfchen im Geviert von Flügel, Synthesizern und elektrischem Piano im Bühnen-Mittelpunkt und strahlt vor Ausgeglichenheit. Er thront da wie ein seltsamer Phantasie-Prinz.

Das Handikap der Blindheit empfindet der in der Automobilstadt Detroit Aufgewachsene als eine »Gottesgabe«, die ihm die Türen ins Innere, in ein schillerndes Reich phantastischer Klänge, geöffnet hat.

Schlimmer als blind zu sein, findet Wonder, sind »soziale Behinderungen«. »Die Unfähigkeit zu kommunizieren ist schlimmer, als verkrüppelt oder taub zu sein. Denn wenn du nicht kommunizieren kannst, bist du verloren, dann bist du wirklich behindert, weil du dich nirgendwo mehr hinbewegst.«

Ein glückliches Naturell und energisches Durchsetzungsvermögen gegenüber der Plattenindustrie haben aus dem Wunderkind, das mit elf Jahren Piano, Mundharmonika und Schlagzeug spielte und von »Motown« als »The 12 Year Old Genius« ins Geschäft gebracht wurde, einen Giganten der Show-Industrie gemacht.

Mit 21 Jahren erstaunte der Ray-Charles-Nachfolger mit einem Schritt, den ihm niemand zugetraut hätte. Er trotzte der Hitfabrik »Motown« die totale Kontrolle über seine Plattenproduktionen ab und ließ sich seinen musikalischen Weg nicht länger von Song-Zuschneidern vorschreiben.

Und 1975, als sein zweiter Fünf-Jahres-Vertrag mit »Motown« auslief und nachdem er mit den Alben »Talking Book«, »Innervisions« und »The Fulfillingness'' First Finale« überaus erfolgreich gewesen war, landete er seinen größten Business-Coup. Er unterzeichnete für weitere sieben Jahre bei »Motown« -- für eine Garantiesumme von 13 Millionen Dollar.

Daß er sich in seinen Ruhmeshöhen die Sensibilität für Rassendiskriminierung bewahrte, bewies er in diesem Jahr, als er am 15. Januar, dem Geburtstag Martin Luther Kings, einen Trauermarsch in Washington organisierte, an dem 15 000 Menschen teilnahmen.

Stevie Wonder träumt davon, daß Kings Geburtstag in den USA zum nationalen Feiertag erhoben wird.

Und so beschloß er auch sein Premierenkonzert in Rotterdam mit dem Song »Happy Birthday«. Das überschäumend fröhliche Lied ist King gewidmet. Und wie meist, wenn Schwarze trauern, entlädt sich der Schmerz in hinreißender Musik, zu der man tanzen muß.

S.230Dortmund (15. 5.), München (18. 5.), Frankfurt (21. 5.),Ludwigshafen (22. 5.).*

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