BÜCHER Schwarzes Samtkleid
Der Klappentext verheißt Außergewöhnliches und schwelgt in Superlativen: Die Memoiren der Witwe des Schriftstellers Lion Feuchtwanger seien »ein unschätzbares menschliches, zeit- und kulturgeschichtliches Dokument«, »ein literaturpolitisches Fundstück von singulärer Bedeutung«. Da Lion Feuchtwanger selbst Autobiographisches nur mit Vorsicht von sich gegeben hat ("Im Friedhof meiner Vergangenheit herumzugraben macht mir keinen Spaß"), wurde das Erinnerungswerk seiner inzwischen 92jährigen Frau, die er 1912 geheiratet hatte, mit Spannung erwartet.
Leider aber entpuppt sich das »Dokument« als eine Ansammlung von Klatsch und Stilblüten, deren unfreiwillige Komik vom Tiefschlaf des verantwortlichen Lektorats zeugt. Neue Aufschlüsse über Leben und Werk des zu seiner Zeit sehr einflußreichen Feuchtwanger aber bietet es kaum. Dafür erfährt der Leser, wie gern das ungleiche Paar ("Schon am frühen Morgen sah ich aus wie Salome«, wogegen »Lion nur ein anständiges Inneres aufzuweisen hatte") zum Baden ging. Denn »es war recht traurig, sich immer nur in der Waschschüssel zu waschen. Auch waren wir ja leidenschaftliche Schwimmer«.
Munter plaudert Frau Marta aus, daß Lion sich einmal den Fuß verstauchte und ihm ein anderes Mal der Hut ins Meer geweht wurde, daß Leni Riefenstahl »keine sehr gute Skiläuferin« war und Lions Pyjamas häufig kaputtgingen, wie man diverse Gerichte zubereitet, wie man beim Turnen mit dem Atem haushält und schließlich: wie ein typischer Dichter aussieht, nämlich »groß, mit blassem, gutgeschnittenem Gesicht, glattem, schwarzem Haar und dunkelgerahmter Brille«.
Im Hause Feuchtwanger ging es zuweilen bunt zu. Eines Abends glaubte beispielsweise Caspar Neher zu hören, daß Bronnen »eine abfällige Bemerkung über Brecht machte, und stürzte sich mit der Weinflasche auf ihn, um ihm den Schädel einzuschlagen. Ich warf mich dazwischen und drehte dem Hünen Neher die Nase um, wobei der Inhalt der Weinflasche sich in meinen Ausschnitt ergoß. Ich hatte ein schwarzes Samtkleid an. Im Nebenzimmer zog sich eine hübsche blonde Frau aus und wurde von Caspar Neher rüde abgewiesen. Als endlich alle gegangen waren, kehrte ich die Böden sauber und entdeckte in einer Ecke zusammengerollt Joachim Ringelnatz«.
Die schöne, sportliche und praktisch veranlagte Marta Feuchtwanger war für ihren stets kränkelnden, linkischen Mann Lion zweifellos überlebensnotwendig: Am Brenner »mußte ich während eines Schneegestöbers in der Nacht einen Reifen wechseln. Lion hielt die Taschenlampe«. Rüstig bis ins hohe Alter, war sie vor einiger Zeit in der ZDF-Sendung »Zeugen des Jahrhunderts« zu sehen: eine würdevolle, überaus beeindruckende Greisin. Aber mit der Veröffentlichung ihrer Memoiren hat der Verlag aus der würdigen Frau ein unwürdiges Spekulationsobjekt gemacht: Im kommenden Jahr nämlich gibt es Lion Feuchtwangers 100. Geburtstag.