Schweigen gebrochen - DER SPIEGEL
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Forschung Schweigen gebrochen

Amerikanische Forscher lehrten Affen sprechen, wenn auch nur in simplen Symbolen. Nun wird das Trainingsprogramm auch bei Hirnschlag-Patienten erprobt -- mit Erfolg.
• aus DER SPIEGEL 25/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sarah und Washoe lernen, jede auf ihre Weise, sich Menschen mitzuteilen. Sarah versteht es, mit Plastiksymbolen Gegenstände kenntlich zu machen. Washoe zeigt in der Zeichensprache Taubstummer, was sie gerade will.

Die beiden Schimpansen-Weibchen, deren antrainierte Sprachfertigkeit Ende der sechziger Jahre erstmals Aufsehen erregte (SPIEGEI. 38/1969). haben seither einen beachtlichen Wortschatz angehäuft. Beide, so wurde Anfang letzten Monats mitgeteilt, beherrschen inzwischen über 100 Wörter.

Nun will der New Yorker Gehirnforscher Dr. Michael Gazzaniga die Methode, die Sarah und Washoe über den Affen-Status erhoben hat, auch für Menschen nutzbar machen: für Kranke, die einen schweren Gehirnschlag erlitten haben.

In vielen Fällen scheint die Situation solcher Patienten hoffnungslos. wenn die linke Hälfte des Organs vom Schlaganfall betroffen ist -- Blutpfropfen legen dabei die Versorgung der wichtigsten Nervenzentren lahm -- vor allem jener Areale des Gehirns, in denen die Sprachzentrale angesiedelt ist.

Zudem sind die Patienten halbseitig gelähmt. Denn jede Hälfte des Gehirns steuert jeweils die gegenüberliegende Körperseite -- die linke Hirn-Hemisphäre etwa befehligt die Bewegungen des rechten Armes und des rechten Beines sowie, bei Rechtshändern, die Sprache. Die Kranken sitzen im Rollstuhl und mustern, unfähig zu sprechen. scheinbar verständnislos die Außenwelt. Die Chance, auch solche Patienten, bei denen keine spontane Rückbildung der Störung erfolgt, wenigstens wieder so weit zu bringen, daß sie ihre Wünsche und Bedürfnisse mitteilen können, eröffnet nun Gehirn -Spezialist Gazzaniga. Einer seiner Patienten im Institut für Rehabilitative Medizin der New York University kann seinen Betreuern bereits einfachste Mitteilungen machen ohne Worte.

Obwohl der Kranke auch in Zukunft Gesprochenes und Geschriebenes nur in begrenztem Umfang wird begreifen, jedoch kaum jemals in Wort oder Schrift wird antworten können, hofft Gazzaniga auf eine dauernde Verständigung mit dem Gehirnschlag-Opfer -- mit Hilfe der simpel anmutenden Zeichensprache, wie sie die Schimpansin Sarah schon erfassen konnte.

Seine hoffnungsvolle Prognose. veröffentlicht in der jüngsten Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift »American Scientist«, leitet Gazzaniga von Psycho-Versuchen ab, die er seit Anfang der sechziger Jahre mit Primaten und Epileptikern erprobt. Damals schon bezweifelte der Forscher die lange vorherrschende Meinung, nach der die rechte Hirnhälfte hinsichtlich der Sprachfähigkeit nur eine Art stumme Ersatzfunktion ausübe.

Tatsächlich fand Gazzaniga bei Versuchen mit Epileptikern (denen die Nervenbrücke zwischen linker und rechter Hälfte durchtrennt worden war, um ein Obergreifen des Leidens auf das gesamte Gehirn zu verhindern), daß auch die rechte Hemisphäre des Organs in der Lage sei, einkommende Informationen zu verwerten.

Als Gazzaniga beispielsweise Lichtsignale so auf eine Platte projizierte, daß sie nur von der rechten Hirnhälfte aufgefaßt werden konnten, wußten die Kranken zwar -- erwartungsgemäß -- nicht zu sagen, was sie gesehen hatten: Die visuellen Eindrücke waren in das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte nicht weitergeleitet worden.

Doch als der Forscher dann seine Schützlinge aufforderte, mit den Fingern auf die Leuchtzeichen zu zeigen, deuteten sie stets richtig,

Zu der Erkenntnis, daß die Kapazität der rechten Hirn-Hemisphäre auch nach einer totalen Abtrennung von der

* Testanordnung für Tiere, bei denen die Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften durchtrennt wurde: Titelzeichnung des »Scientific American«.

linken Seite »nicht völlig erlahmt« sei, kam Gazzaniga auch noch bei anderen Tests. Nur von der rechten Hirnseite gesteuert, ertasteten seine Patienten mit der Linken Gegenstände. die denen auf der Leuchtplatte ähnlich waren oder in Beziehung zu ihnen standen. Als etwa eine Zigarette gezeigt wurde, ergriffen die Probanden unter zehn verschiedenen Objekten das dazu Passende -- einen Aschenbecher.

Freilich, auch diesmal waren die Patienten nicht in der Lage, das Gesehene oder Ergriffene mit Worten zu benennen. Offenkundig aber, so erklärte Gazzaniga das immer noch vorhandene Wahrnehmungsvermögen, spiele die rechte Hirnregion doch eine wichtige Rolle beim Zusammenfügen bruchstückhafter Informationen. Solche Bewußtseinsreste, schloß Gazzaniga folgerichtig, müßten demnach auch bei Gehirnschlag-Patienten noch zu aktivieren sein.

Ähnlich wie die Schimpansinnen Sarah und Washoe sollten auch sie die Anfänge logischen Denkens von neuem erfassen können, durch intensives Primitiv-Training.

Sarah etwa signalisiert mit einem grünen Plastik-Dreieck, daß zwei Äpfel gleich sind. Mit einem Viereck hingegen zeigt sie an, wenn die vorgezeigten Gegenstände zum Beispiel ein Apfel und ein Hufeisen -- nicht zusammen passen --

Gemeinsam mit dem kalifornischen Psychologen Dr. David Premack, der Sarah ausgebildet hat, begann nun Gazzaniga. sieben Gehirnschlag-Patienten mit der simplen Symbolsprache vertraut zu machen.

Ermutigt durch intensive psychische Betreuung, lernte bereits der erste Patient, gleiche Gegenstände zu erkennen. Zwei Spielzeugautos. die vor ihm auf dem Tisch standen, identifizierte er mit einem grünen Plastik-Kreis, dem Zeichen für zwei identische Objekte. Nach dreiwöchigem Training konnte er auch unterschiedliche Gebilde auseinanderhalten. Schließlich gelang es dem Patienten sogar, einfache Drei-Worte-Sätze zu kombinieren.

»Die Ergebnisse«, konstatiert Gazzaniga, »waren überraschend und vielversprechend zugleich.« Die verbliebene Wahrnehmungsfähigkeit solcher schwer hirngeschädigten Menschen reiche immerhin noch aus, »um eine Form dauernder Kommunikation darauf aufzubauen«.

Während auf diese Weise auch die übrigen sechs Kranken schon mit den Wissenschaftlern erste Kontakte aufgenommen haben, kündigte Psychologe Premack neue Fortschritte bei seiner sprachbegabten Sarah an.

Womöglich soll die Äffin nun bald literarischen Lorbeer ernten: Premack ließ für sie eine -- mit den Symboltypen versehene -- Schreibmaschine konstruieren.

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