Schweine vorm Kamin - DER SPIEGEL
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KUNST Schweine vorm Kamin

Der britische Sammler Charles Saatchi eröffnet im Herzen Londons ein eigenes Museum für seine Schock-Kunst. Gefeiert wird in dem kuriosen Privat-Pantheon vor allem er selbst.
• aus DER SPIEGEL 16/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann möchte eine britische Ikone werden, und um das zu schaffen, hat er noch nie gekleckert. Klar also, dass Charles Saatchi die Eröffnung seines Privatmuseums in London diese Woche mit einer Giga-Party feiert. Etwa 800 Personen sind am Dienstag geladen - zwei prominente Namen fehlen allerdings auf der Gästeliste. »Tony und Cherie wären wahnsinnig gern gekommen, aber in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen ist das wohl nicht angemessen«, bedauert ein Sprecher Saatchis und fügt hinzu: »Vielleicht lässt sich kurzfristig noch was machen.«

Well. Die eventuelle Abwesenheit des Ehepaars Blair fiele allerdings kaum auf. Society-Größen wie David Bowie, Jade Jagger und Jeremy Irons haben zugesagt, Starglanz für eines der spektakulärsten Museumsprojekte im bisherigen Jahrtausend ist garantiert.

Mit dem hat Saatchi, 59, Spross jüdisch-irakischer Einwanderer und Ex-Werbemogul, einen beeindruckenden Triumphzug hingelegt. Seit Jahren ist er als Großeinkäufer in Sachen Schock- und Trash-Kunst unterwegs. Nun zieht er mit einer Auswahl seiner Kollektion ans Südufer der Themse und ins Herz Londons: In der County Hall, dem ehemaligen Sitz des Stadtparlaments, hat er für seine Saatchi Gallery 4000 Quadratmeter angemietet. Gleich visà-vis, auf der anderen Flussseite, liegt das Parlamentsgebäude.

Das Vorhaben wirkt zwar größenwahnsinnig, könnte sich aber als cleverer Coup herausstellen: Die Gegend südlich der Themse - die so genannte South Bank - mag früher mal als unfein gegolten haben, heute promenieren hier täglich Touristenscharen entlang. Allein das Millenniumsprojekt »London Eye«, ein futuristisch drolliges Riesenrad, zieht jedes Jahr Millionen von Menschen an. Schön, dass es quasi direkt vor Saatchis Haustür steht.

Die County Hall selbst stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, einer Zeit, als sich London noch als Hauptstadt eines ganzen Empires fühlte. Weshalb im Gebäude architektonische Statussymbole grüßen: wuchtige Säulen, hohe Kuppeln, edle Kamine - und hölzerne Wandverkleidungen in langen Korridoren und ehemaligen Amtsstuben, die einen leicht ranzigen Geruch verströmen.

Macht nichts. Saatchis Kunstarrangements vertreiben den Muff: Einen Großteil seiner Wunderkammer hat er fürs Erste dem bizarren Kunst-Zoo des Künstlers Damien Hirst gewidmet. Mitten im Museum (gleich neben zwölf Behältern mit zersägten und in Formaldehyd eingelegten Kühen) steht ein Glaskäfig, in dem fröhlich Fliegen umhersausen und schließlich hinwegsterben. Vorher setzen sie möglichst viele Nachkommen in die Welt. Das wird noch eine Weile so gehen, schließlich nannte Hirst das Kunstwerk »A Thousand Years«. Weitere Klassiker des Oberrebellen wurden in lockerer Folge auf Hallen und Räume verteilt: etwa solche Tierkonserven wie der in einer grünlichen Suppe erstarrte Tigerhai, ein wolliges Schaf und ein aufgeschnittenes Schwein.

Den Höhepunkt seiner Inszenierung sparte sich Saatchi für den prunkvollsten Saal, eine imposante Rotunde, auf. Dort feiert er außer Hirst weitere Protagonisten britischer Ekel-Kunst. Intern firmiert die Zusammenstellung als »Greatest Hits«. Anders gesagt: Gezeigt wird hier nur, was als Kunstwerk einmal einen Skandal auslöste.

Dazu gehören - unter anderem - das mit Elefantendung dekorierte Mariengemälde von Chris Ofili, Tracey Emins fies verdrecktes, mit Wodkaflaschen und Kondomen aufgemotztes Bett sowie Marcus Harveys Porträt der Kindsmörderin Myra Hindley. Marc Quinn ließ 1991 mehrere Liter seines Blutes zu einem Selbstbildnis namens »Self« gefrieren. Und auf einem flachen Podest liegt die Miniaturausgabe einer nackten Leiche: Ron Muecks porengetreu naturalistischer »Dead Dad« .

Das alles mag gruselig sein, erscheint aber nicht gerade überraschend. Viele der jetzt so weihevoll präsentierten Künstler und Objekte waren bei der legendären Wanderschau »Sensation« vertreten. Mit ihr hatte der Kunst-Quereinsteiger Saatchi zwischen 1997 und 2000 die Kunstgemeinden von London, Berlin und New York aufgebracht. Der damalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani wetterte über das »kranke Zeug« aus Saatchis Sammlung.

Solches Protestgeschrei machte die Künstler und ihre Werke weltbekannt - und deren Entdecker nicht ärmer. Vieles, was der Stratege einst en gros und zum Vorzugspreis eingekauft hatte, war plötzlich Millionen wert.

London aber gilt dank PR-Profi Saatchi als Zentrum für aufregende Gegenwartskunst. Längst hießen die neunziger Jahre in der Kunstwelt Großbritanniens »Die Saatchi-Dekade«, behauptete die Tageszeitung »Independent«.

Nun will er diese Erfolgsgeschichte offenbar in seinem Privat-Pantheon musealisieren. Von den Horror-Spezialisten Jake und Dinos Chapman zeigt er deshalb auch ein fast schon historisches Gruselstück aus dem vergangenen Jahrzehnt - und nicht die neueste Werkgruppe der Brüder, die er gerade erst für eine Million Pfund kaufte.

Egal, im Londoner Staunen über die »Sensation an der South Bank« gehen ketzerische Fragen wie die des »Guardian«, ob Saatchi eher ein »Heiliger oder ein Halunke« sei, beinahe unter. Niemand weiß, wie groß seine Macht im Kunstbetrieb inzwischen genau ist. Er, der Herr über 2500 Kunstwerke, überlässt kaum etwas dem Zufall - und schon gar nicht seinen wenigen Mitarbeitern: Im Museumsshop rückt er sogar eigenhändig die Kataloge zurecht.

Selbst Tracey Emin, größte Skandalnudel des Kunstbetriebs und früher ausgemachte Saatchi-Feindin, hat sich längst auf seine Seite geschlagen. Wenige Tage vor der Eröffnung zog sie ihrem pressescheuen Großabnehmer zuliebe mit einem Fernsehteam durchs neue Museum.

Ausgerechnet aber Hirst, der durch Saatchi zum teuersten Künstler des Königreichs wurde, lästert seit einiger Zeit über seinen Förderer: Der nämlich sei »arrogant«, außerdem süchtig, und zwar leider nicht nach Kunst, sondern nur danach, sie zu kaufen. Er selbst fühle sich als Monster des »Shopaholics« und Frankensteins Saatchi nicht gerade wohl. Handelt es sich um ernst gemeinte Vorwürfe - oder um werbewirksames Gezeter im Sinne seines langjährigen Patrons?

Der Meister selbst jedenfalls scheint zu Späßen aufgelegt. Im Eingangsbereich seines Museums hat er ein riesiges, auf schnöde Pappe gemaltes und dekorativ zerschlitztes Porträt von Prinz Charles aufgehängt.

Eine kleine Rachegeste dafür, dass sich auch die Royals angeblich nicht bei der Einweihungssause blicken lassen wollen? ULRIKE KNÖFEL

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