KUNSTMARKT Schwermut stärkt Kauflust
SPIEGEL: Herr Berggruen, steht nun fest, dass Ihre seit 1996 in Berlin ausgestellte kostbare Sammlung klassisch-moderner Bilder in Ihrer Vaterstadt bleibt?
Berggruen: Ja, ich will meine Absicht mit einer Schenkung an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz wahr machen.
SPIEGEL: Aber es wird doch gemeldet, Bund und Land müssten sie für 400 Millionen Mark kaufen?
Berggruen: Das ist falsch. Die Sammlung hat einen geschätzten Wert von 600 bis 800 Millionen Dollar, nicht Mark. Wenn ich darauf verzichte, kann ich aber nicht zusätzlich die 200 Millionen Dollar aufbringen, die meinen vier Kindern in Amerika als Erb-Pflichtteil zustehen. Dafür müssen also die Träger der Preußen-Stiftung aufkommen.
SPIEGEL: Eine Ahnung von den Werten, um die es geht, vermittelt ein Auktionsergebnis aus New York: Bei Christie's hat gerade ein unbekannter Bieter 55 Millionen Dollar für Picassos »Frau mit verschränkten Armen« von 1902 bezahlt: ein neuer Weltrekordpreis für den Künstler. Finden Sie ihn angemessen?
Berggruen: Ja, denn es ist ein wirkliches Spitzenwerk seiner Epoche, anders als der bislang am höchsten bezahlte Picasso, die »Hochzeit der Pierrette« von 1905. Dieses Bild ist 1989 für 51 Millionen Dollar versteigert worden, obwohl es hart an die Grenze zum Kitsch kommt und auch in keinem guten Zustand ist.
SPIEGEL: Die teuersten Picassos stammen fast alle aus den Jahren bis 1905. Was macht gerade die Blaue Periode so attraktiv?
Berggruen: Bilder dieser Epoche sind selten, und es muss wohl so sein, dass die schwermütigen Motive die Leute besonders anrühren. Aber wenn natürlich ein späteres Meisterwerk wie die epochalen »Demoiselles d'Avignon« auf den Markt käme, könnte es glatt 100 Millionen Dollar bringen.
SPIEGEL: Auch in Ihrer Sammlung hängt ein typisches Werk der Blauen Periode, das Porträt von Picassos Sekretär Sabartés. Verraten Sie, was es gekostet hat?
Berggruen: Das ist ein vergleichsweise kleines und herbes Bild; es stellt ja einen Mann dar. Ich habe 1995 in Japan vier Millionen Dollar dafür bezahlt. Heute liegt sein Wert wohl bei zehn Millionen.
SPIEGEL: Hat der Kunstmarkt also seine Schwächephase der Jahre 1990 bis 1997 völlig überwunden?
Berggruen: So sieht es aus. In Amerika herrscht ein Geldrausch, der es vielen Leuten leicht macht, auf Bilderjagd zu gehen. Mir scheint, wir steuern auf neue Preisrekorde zu.
SPIEGEL: Umso besser, dass Ihre Sammlung für Berlin gesichert ist. Empfinden Sie den Verzicht als schmerzlich?
Berggruen: Nein, das ist eine gute Sache. Frankreich und die Vereinigten Staaten brauchen die Sammlung nicht, Deutschland braucht sie. Denn wo sonst sind denn hier die Picassos?