Sechs Brüste - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 60 / 70

THEATER / BOND Sechs Brüste

• aus DER SPIEGEL 37/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fünf Kinder werden geschlachtet, ein Diktator wird gevierteilt, dem Polizeichef reißt ein Speer die Gedärme aus dem Leib, ein Priester macht Harakiri, und das alles kann nur eines bedeuten: Hier war wieder einmal Bond am Werk.

Edward Bond, 35, talentiertester englischer Dramatiker der Gegenwart, hat schon immer Blut und Tränen auf die Bühne gebracht. In seinem Halbstarken-Stück »Gerettet«, das 1965 in London Premiere hatte, ließ er einen Säugling steinigen, im »Frühen Morgen« von 1968 vergiftete Königin Viktoria ihren Prinz Albert und erdrosselte ihn anschließend mit der Schärpe vom Hosenbandorden.

Und mit ähnlichen krud-kuriosen Terror-Akten traktierte er letzten Dienstag auch das Publikum in den Münchner Kammerspielen, wo sein neuestes Stück erstaufgeführt wurde: Bonds Chinoiserie »Schmaler Weg in den tiefen Norden«, als »Komödie« deklariert, handelt wieder einmal von der Dummheit, Feigheit und Trägheit des Menschen, von seiner Grausamkeit, Hörigkeit und Servilität.

Das klingt nach Brecht, nach »Sezuan« und »Turandot«. Nur: Bonds fernöstlicher Bilderbogen will nicht mehr belehren, er zeigt lediglich auf; er weist auf die Bösartigkeiten dieser Welt und weiß doch keine Lösung.

Da ist der ehrwürdige Dichter Bascho, der ein ausgesetztes Kleinkind ohne Hilfe läßt, denn er hat keine Zeit: Bascho wandelt gerade auf dem Pfad der Erleuchtung. Da ist der Diktator Schogo, der willkürlich seine Untertanen dezimiert, da die britische Betschwester Georgina« die dem Eingeborenen-Volk das Christentum und den Imperialismus bringt. Sie alle folgen dem gleichen Dschungel-Gesetz, das auch, einem Kriminalroman-Titel zufolge, für Edward Bonds Namensvetter James ("007") Bond absolute Gültigkeit hat: »Leben und sterben lassen.

»Die Menschen«, sagt der Tyrann Schogo, »kommen in einem Tigerrachen zur Welt. Ich reiße sie heraus, und manche bleiben an den Zähnen hängen.«

Es hängen und bluten und verenden viele in dieser grimmigen Szenenfolge, die der entschiedene Atheist Bond im Auftrag des Kanonikus Stephen Verney, Domherrn zu Coventry, verfaßt und mit mancherlei hämischen Anspielungen auf britannische Bigotterie und Albions sendungsbewußtes Kolonialherrentum versehen hat.

Und dennoch verläuft der »Schmale Weg« in der Münchner Inszenierung von Peter Zadek wie eine knallig bunte, unterhaltsame Show« in der kindergroße Puppen als Leichname über die Bühne wirbeln und quellendes Gedärm sich als popig-purpurnes Pappmaché erweist.

Denn Zadek, das ist hinlänglich bekannt, schätzt nun einmal den Gag über alles. Und wo Bonds Phantasie aufhört« da hat Zadek immer noch einen Einfall, und sei er auch schlicht. Seine asiatischen Bauern, als Trolle verkleidet, babbeln wie die Familie Hesselbach, und wenn er eine rechte Urmutter vorzeigt. dann hat sie gleich sechs Brüste.

Nach der englischen Uraufführung des »Schmalen Weges« 1968 in Coventry schrieb Harold Hobson, Kritiker der »Sunday Times": »Man verläßt das Theater als ein besserer Mensch.« Erich Kästner hingegen versprach sich offenbar von der Münchner Premiere wenig Läuterung. Er verließ das Theater in der Pause.

Zurück blieb ein unschlüssiges Publikum, das bei allem Buh und Applaus eine Frage offenließ: Ist Edward Bond mit seiner Reise »in den tiefen Norden« auf dem Holzweg oder noch immer auf der guten alten Bond Street?

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 70