Seehund mit Hyperion - DER SPIEGEL
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THEATER Seehund mit Hyperion

Das Stuttgarter Staatstheater hat sich für ein surreales Hölderlin-Spektakel eine neue Spielstätte erschlossen: den Zoo bei Nacht.
• aus DER SPIEGEL 20/1981
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Von außen besehen, im Nachmittagslicht, zeigt der klassizistische Bau auf dem Gelände des Stuttgarter zoologischen und botanischen Gartens »Wilhelma« eine durchaus modische Surrealität: Alle Fenster und Türen sind zugemauert. Keine Bresche für Instandbesetzer.

Doch einen Durchbruch nach innen haben nun, nach langwieriger Rangelei mit Behörden, Theaterleute geschafft -- schließlich war das vor bald 150 Jahren für den württembergischen König Wilhelm errichtete Haus einst ein Theater.

Seit letzten Donnerstag dient es wieder als solches, nicht renoviert freilich; es wird als ausgeweideter Kunst-Kadaver zur Schau gestellt, als baufällige Katakombe der Poesie, deren Trostlosigkeit, leise von Hölderlin-Versen und Schubert-Klängen durchhallt, auch dem abgestumpftesten Kulturkonsumenten Bedeutsames eingeben soll -wenn nicht zum Zustand der Welt, so doch zu dem des deutschen Theaters.

In der Stuttgarter »Wilhelma« beuyst und grübert es schwer. Urheber des Theaterabends, der hölderlinisch »Wem sonst als Dir« gewidmet ist, sind der junge Regisseur Johannes Klett (der vor einem Jahr schon den Straßburger Münsterturm mit einem Lenz-Goethe-Spektakel »theatralisiert« hat), die Dichterin Friederike Roth ("Klavierspiele") und als Ausstatter der Maler Hans Laun.

Laun hat in den kahlen Gemäuern zu Environments versammelt, was die Spurensicherer, die Neo-Mythomanen und Meister der »inszenierten Räume« auf der gegenwärtigen Kunst-Szene schätzen: den aparten Sperrmüll von vorgestern, Aushub und Bauschutt, Neonzeichen in raschelndem Herbstlaub, Windlichter an einem Rinnsal, Berge von alten Schuhen, Papierschiffchen, ausgestopfte Vögel und überall düster vermummte Schaufensterpuppen -- alles sehr irgendwie.

Es fehlt nicht das Terroristen-Fahndungsplakat, längst vertraute Ikonenwand einer Hoffnung, die den heiligen Wahnsinn, die hirnsprengende Urkraft der Poesie als letzte sakrosankte Form des Anarchismus begreift. Fern und einsam vor ihrem Spiegelbild exerziert eine Ballerina, und aus Nebeln erklingt Schubertscher Wohllaut, doch in einer blutbefleckten Kellergruft ist mit Poe-Zitaten leise von Kerker und Folter die Rede. Und wenn dort unten vor einer Art Mahnmal ein Mädchen andächtig vier Kerzen entzündet, mag man an die Toten von Stammheim denken, muß aber nicht.

Während das Publikum durch diese Räume schlendert (wie es damals, bei Klaus Michael Grübers Berliner »Rudi«-Spektakel, durch die Hallen des abgetakelten Hotels Esplanade flanierte), tauchen zwischen ihm oder fern wie in Vitrinen Akteure auf:

Morgenländisch gewandete Damen, die singen oder Platon rezitieren, Herren mit Hüten und schweren Mänteln, Rucksack und Wanderschuhen, wie ewig auf »Winterreise«, die wohl, eine S.230 Weltkarte unter dem Arm, das Land der Griechen mit der Seele suchen.

Denn das Stichwort des Abends heißt »Reise« -- nicht charterflugmäßig natürlich, sondern als große Metapher des Aufbruchs, des Durchbruchs in die Traumräume der Utopie oder sonstsowohin. Und der Durchbruch gelingt -hinaus in die Abenddämmerung des »Wilhelma«-Parks, wo Kastanien und Flieder blühen und weitere Laun-Arrangements auf ihr Publikum warten: ein weitläufig mit Blindenstöcken besteckter Rasen, dümpelnde Wasserleichen im Entenbassin, ein geborstenes Boot im Gehege der afrikanischen Zwergziegen, das mal wieder »gescheiterte Hoffnung« signalisieren mag.

Spielszenen, Lichtergirlanden (gut 2000 Glühbirnen), ferne Flötenmusik oder »Winterreise«-Gesänge ziehen das Publikum tiefer und tiefer in die grüne Nacht hinein, deren Tierstimmen sich der Kunst entgegensetzen.

Lenins revolutionäres Bergsteiger-Gleichnis, deklamiert, wo tags die Kamele grasen; Diotimas Liebesverzweiflung zwischen Tulpenbeeten und Magnolien; Hyperions Sehnsucht kontrapunktiert mit dem Prusten und Husten eines Seehunds -- leicht erliegt da die Poesie des Worts der des Orts, doch auch die ist Theater.

Die zart illuminierte »maurische« Architektur der Zoo-Bauten, das Spiel eines Riesenscheinwerfers, der blendende Lichtschneisen durch die exotische Parknacht legt, die magisch aufleuchtenden Glaskuppeln der alten Gewächshaus-Pavillons, sogar der Mond und die Blinklichter letzter einfliegender Flugzeuge: Das alles macht, daß spät in der Nacht -- wenn die letzte »Mnemosyne«-Zeile verhallt ist und die Tiere längst schlafen -- Johannes Kletts prätentiöse Collage von der gescheiterten Hoffnung des »pauvre Holterling« doch zu einer poetischen Reise geraten ist, zu einer Reise aus dem Theater, die keine Sehnsucht nach ihm zurück weckt.

Was irgendwie seltsam und irgendwie schön ist, jedenfalls irgendwie, ist ja allemal ein Erlebnis und kann also seinen tieferen Sinn unfaßbar in sich bergen -- kann, aber muß nicht.

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