SEELENGEWITTER
Zwei Seelen wohnen in seiner Brust: Der britische Offizier Billy Prior stammt aus der Arbeiterklasse und verkehrt in der Mittelschicht, er haßt den Krieg und verachtet die Kriegsdienstverweigerer, er fühlt sich mal zu Männern hingezogen und mal zu Frauen. Kein Wunder, daß der Arzt ihm eine Persönlichkeitsspaltung bescheinigt - Prior, vom Krieg traumatisiert, führt Krieg mit sich selbst.
In Seelengewittern: Auch im zweiten Band ihrer Romantrilogie über den Ersten Weltkrieg stehen bei Pat Barker, 55, der Psychiater Dr. W. H. R. Rivers (den es wirklich gab) und einer seiner Patienten im Mittelpunkt. In diese Geschichte hat die britische Autorin, die 1995 für den dritten Teil ("The Ghost Road") den Booker Prize erhielt, wieder eine Menge Zeitgeschehen eingeflochten: die Klassenkonflikte im Großbritannien von 1917/18, die gesellschaftliche Ächtung von Homosexuellen und Pazifisten und den Kampf der Psychoanalytiker um die Anerkennung ihrer Wissenschaft.
All das ist sorgfältig recherchiert und um die Hauptfiguren herumkonstruiert - und genau das ist die Schwäche des Romans: Immer bleibt spürbar, wieviel die Autorin gleichzeitig wollte. Die unprätentiöse, oft etwas altbacken wirkende Sprache und die meist sehr mechanistischen psychologischen Erklärungsmuster mögen an den Anfang des Jahrhunderts gehören - der Leser ist nun mal 80 Jahre weiter, und so bleibt eine merkwürdige Distanz zum Geschehen. Dennoch ist Barkers Roman das eindringliche, ungewöhnliche Porträt einer Epoche und dabei oft spannend wie ein Krimi. Anke Dürr