Rundfunk Sein oder Nichtsein
Im Sitzungszimmer 3 des Hessischen Rundfunks zu Frankfurt sahen sich die westdeutschen Rundfunkintendanten unversehens in einem Dilemma: Im Saal wurde es zu heiß, aber die Ventilatoren an den Fenstern waren zu laut. Die Funkherren lösten das Problem -- die Lüfter wurden ausgeknipst, die Fenster weit geöffnet.
So einfach wurden die Intendanten mit der Problematik ihrer Sondersitzung am Donnerstag letzter Woche nicht fertig. Was ihnen die Finanzdirektoren ihrer Häuser in einem 60-Seiten-Papier auf den Tisch legten. ließ ihnen schier Hören und Sehen vergehen: Alle Sender der Bundesrepublik sind tief verschuldet, können ihre Finanzmisere »aus eigenen Kräften nicht mehr beheben« und sehen sich »vor der Frage von Sein oder Nichtsein« (so Teilnehmer der Frankfurter Sitzung).
Nahezu ein halbes Jahrhundert lang lieferten die deutschen Sender ihre Hörfunkprogramme für zwei Mark im Monat, und fast ein Vierteljahrhundert waren die Fernsehteilnehmer für fünf Mark dabei.
Dann, in den hektischen siebziger Jahren, entwickelten die Rundfunkanstalten einen schier unstillbaren finanziellen Nachholbedarf. Schon zweimal in diesem Jahrzehnt haben die Funkhäuser ihre Gebühren geliftet (um insgesamt 50 Prozent).
Diesmal aber, davon mußten die Funk-Chefs in Frankfurt ausgehen, wird sich die Aufstockung nicht wiederholen: Vor der Bundestagswahl 1976 will kein Politiker die Wähler vergrätzen. Zum erstenmal sind daher die Sender gezwungen, ihre Defizite durch Sparmaßnahmen zu verringern. Die Programmdirektoren, die sich schon kommende Woche in Hamburg versammeln, sollen ihre Hörfunk- und TV-Programme lichten.
Konkrete Absichten der Intendanten: mehr Wiederholungen im Fernsehen, Verzicht auf kostspielige Auslandsbüros, Durchforstung der Hörfunk-Vielfalt und früherer Feierabend bei der
* V. R.: Bausch (Stuttgart), von Bismark (Köln), Vöth (München), Hammerschmidt (Baden-Baden).
Television -- Freitag und Sonnabend ausgenommen. Die Wochenendkrimis (Branchenjargon: »Mord zum Sonntag") werden nicht gekillt. Was sterben soll, wird erst noch entschieden.
Als jüngste Hochrechnung ihres Gesamtdefizits bis 1977 präsentierten die Intendanten in Frankfurt -- eher vorsichtig veranschlagte -- 850 Millionen Mark. Noch vor zwei Jahren prognostizierten sie das Defizit bis 1975 auf über eine Milliarde und trieben, offenbar um den Politikern eine Gebührenerhöhung abzunötigen, mittels einer waghalsigen Trendrechnung die Minus-Ziffer bis 1979 sogar auf rund vier Milliarden Mark.
Die eigentliche Tragödie der Sender besteht freilich in dem finanziellen Paradoxon, daß ihre Verluste durch Gebührenerhöhung zur Zeit sogar größer werden:
* Das den Gebührenerhöhungen vorausgehende Lamentieren über die Funkfinanzen scheuchte die freien Mitarbeiter auf -- allein in München klagen zur Zeit über 200 Funkschaffende auf feste Anstellung. Folge: Durch Koppelung an das Tarifsystem (Rate 1974: 13,1 Prozent) wuchern die Personalkosten (derzeit 43 Prozent der Funk-Etats).
* Die Gebührenanhebung selbst veranlaßte zahlreiche Hörer und Seher, die großzügigen Befreiungsmöglichkeiten wahrzunehmen: Seit Januar sind die Anträge auf Befreiung sprunghaft angestiegen und nähern sich mancherorts bereits zehn Prozent. Geschätzter Anteil dieser Sozialleistung am mutmaßlichen 850-Millionen-Defizit: rund 80 Prozent.
Ein »Zahlenwerk« der Intendanten folgerte, daß »ohne die seinerzeitige Gebührenerhöhung ... der jährliche Ertragszuwachs durch neue Teilnehmer höher wäre als bei der gegenwärtigen Entwicklung«.
Doch ähnlich wie beim Kassieren geht es auch beim Sparen nicht ohne Reibereien ab. Denn die gleichen Politiker. die über Gebührenhöhe und -befreiung entscheiden, beschließen in den Aufsichtsgremien auch über Programmumfänge, technischen Aufwand, Studiobauten und einen oft kleinlichen Personalproporz.
Ungeachtet der prekären Finanzlage haben Partei- und Interessenvertreter auch in jüngster Zeit die Anstalten mit kostspieligen Projekten bedrängt: TV-Programme für Gastarbeiter (Arbeitsministerium), Fernsehdarbietungen für Taubstumme (Familienministerium), Berufsbildungs-Programme (Wissenschaftsministerium) »Jeder erwartet von uns«, so Arthur Bader, Sprecher des Bayerischen Rundfunks, »einen 150prozentigen Service.«
Zu den -- schwer zu tilgenden -- Sünden der Vergangenheit zählen Prestige-Studios etwa in West-Berlin, Bremen und Hannover, aber auch ein halbes Dutzend verbeamtete Orchester samt Chor (jährlicher Personaletat: 15 Millionen Mark) allein beim Norddeutschen Rundfunk.
Nicht minder folgenschwer wirkt sich offizielle Unschlüssigkeit in rundfunkpolitischen Grundsatzfragen aus. Entscheidungen über Anspruch oder Verzicht auf Körperschaftsteuern (ARD-Prognose bis 1977: 475 Millionen Mark), über ausufernde Postrechnungen (letztes Jahr: 400 Millionen Mark) und nicht zuletzt die Zubilligung kostendeckender Monatsgebühren -- dies alles steht seit Jahren unerledigt auf der Tagesordnung. Ganz abgesehen von der offenbar schier undenkbaren Flurbereinigung, der Kleinanstatten (Radio Bremen und Saarländischer Rundfunk) wie Doppelsender (Süddeutscher und Südwestfunk) bislang entgangen sind.
Komplettiert wird das Debakel durch hauseigenes Missmanagement. So beschäftigt der Südwestfunk für einen Programmanteil von acht Prozent am Fernsehgemeinschaftsprogramm 2000 Leute, der benachbarte Süddeutsche Rundfunk für den gleichen Anteil aber nur 1600. So sperrte sich der Bayerische Rundfunk letztes Jahr gegen das aus den USA importierte und von allen übrigen Sendern übernommene Kinderprogramm »Sesamstraße«, das er sehr billig hätte haben können, und produzierte lieber »Das feuerrote Spielmobil«. Kosten 1973: 2,4 Millionen Mark. Dafür hätte Bayern sein Magazin »Report« jahrelang finanzieren können.
Ob die Schirm-Herren auf ihrer nächsten Tagung, Mitte September in Bremen, einen Weg aus ihrem Dilemma finden werden, scheint manchem von ihnen zweifelhaft. Martin Neuffer, Intendant in Hamburg und Träger des größten Einzeldefizits (Prognose 1975: 80 Millionen Mark), kann mittlerweile »nachts nicht mehr schlafen, so drücken mich die Schulden«.