Selbstvertalkung - DER SPIEGEL
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AM RANDE Selbstvertalkung

Von Nikolaus von Festenberg
• aus DER SPIEGEL 20/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die gute Nachricht zuerst. Der Talkmeister Hans Meiser wird in der RTL-Talkshow »Hans Meiser« nicht als Gast Hans Meiser zum Thema »Die bittere Scheidung des Hans Meiser« zu sehen sein. Was BILD so superspannend zelebriert ("Er wohnt schon im Hotel") und Birgit Schrowange so überraschend kommentiert: »Ich bin völlig überrascht«, soll unvertalkt bleiben - Meister Meiser will es so.

Von Harald Schmidt stammt das Axiom: »Es gibt nichts, was nicht meiserisiert werden könnte.« Der Late-night-Schalk meint damit die Fähigkeit Meisers, die Höhen und Tiefen der Welt auf das Wandergruppen-Niveau des Teutoburger Waldes zu bringen.

Warum verweigert Hans im Unglück seinen schaulustigen TV-Marschierern die Tour durch sein eigenes Privatleben, wo er doch sonst mit einem fröhlichen »Ich kann Sie gut verstehen« durch das Leid der anderen wandelt?

Weil es, wie der Fall Schreinemakers lehrt, Grenzen der Selbstvertalkung gibt. Als die total besteuerte Margarethe S. ihre bitteren Tränen in der eigenen Sendung weinen wollte, begann Heul-Suses Sturz in die Quotenschlucht. Das hat weniger mit Scham als mit der Struktur des Mediums zu tun.

Die echte Wohlfühl-Stimmung beim Konsum der Quasselrunden kommt nur auf, wenn der Zuschauer sich sicher weiß vor der Zumutung, die dargebotenen Selbstentblößungen der Gäste mit ihrer vollen Wucht auf sich beziehen zu müssen. Garant für die voyeuristische Distanz ist der Moderator. Er darf zwar Verständnis haben, Betroffenheit und Mitgefühl äußern, sich aber nicht bekennend auf die Seite der Bekenner schlagen.

Den Talkrundenmoderator trifft das Gemeinwerden mit seinen Klienten besonders brutal: Während Psychologen und Ärzten immer noch die Berufung auf eine wissenschaftliche Ausbildung bleibt, offenbart sich die Überlegenheit der Talkleiter, die sich selbst zum Fall machen, als das Nichts, das sie ist. Wenn aber Gäste und Gastgeber gleichermaßen unbeleckt vor sich hin jammern, wird der ganze tumbe Jammer der Talkerei für den Zuschauer erkennbar. Der Zauber der TV-Quasselei lebt von der Einbildung, zwischen Moderatoren und ihren Gästen läge eine Welt. Meiser schweigt zu Recht.

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