ROCKSTARS Seltsamer Prediger
Mit Jesus zu wandeln ist kein leichter Trip. Aber es ist der einzige Trip, und ich habe keine Angst, das zu sagen. Wir leben, wie ihr wißt, in gefährlichen Zeiten. Jesus war für sie gerüstet. Er wußte genau Bescheid. Wenn ihr denkt, jetzt sieht es böse aus -dann wartet nur ab]«
2500 Leute im Alter von Mitte 20 bis Mitte 30 hören in der Bushnell-Memorial-Halle der Provinzstadt Hartford im US-Staat Connecticut die Worte eines seltsamen Predigers, der sie zur Umkehr auffordert.
Zwei junge Frauen auf dem Rang halten ein handgemaltes Poster hoch: Christus mit der Dornenkrone ist abgebildet, darunter steht die Inschrift »Jesus erlöst«. Mit den Flämmchen ihrer Feuerzeuge versuchen sie, die Aufmerksamkeit des bleichen und ernsten Mannes auf der Bühne auf sich zu lenken; er wirkt steif und unbehaglich.
Mit holzgeschnitzten Erbauungs-Sprüchen müht sich der Redner, die fassungslosen Zuhörer auf den Jesus-Trip zu bringen. Es ist Bob Dylan.
Der Rock-Superstar jüdischer Abstammung, 39, ist im letzten Jahr zum Christentum konvertiert (SPIEGEL 38/1979). Er hat eine LP mit frömmelnd-reaktionären Stücken herausgebracht ("Slow Train Coming") und für die schlichte Bibelstunden-Einfalt seiner neuen Song-Schöpfungen herbe Verrisse kassiert. Ein neues Album (Titel: »Saved") hat er im Februar eingespielt.
Als sich Dylan zum erklärten Jesus-Fan wandelte, war dies als Publicity-Coup des Show-Chamäleons belächelt worden, als eines von vielen spektakulären Image-Verwirrspielen des zum Mythos entrückten Rocksängers.
Als der frisch bekehrte Dylan sich im letzten November in San Francisco dem Konzertpublikum vorstellte und mit einer Band aus Glaubensbrüdern und einem Gospel-Chor die Botschaft des Herrn ans agnostische Rock-Volk bringen wollte, erntete er rüden Pharisäer-Spott (Zuschauer-Zuruf: »Wie wär''s mit einer kleinen Sünde?"). Wieder einmal, wie schon oft in der Karriere des Stars, wurde dessen Ende prophezeit.
Aber wie 1965 beim Newport-Folk-Festival, als Dylan die Klampfe gegen die elektrische Rock-Gitarre vertauschte und dafür als Verräter geschmäht wurde, zeigt sich der geheimnisumwitterte Gigant des Rockgeschäfts auch diesmal wieder unbeirrt und läßt starrköpfig jeden Hohn an sich abprallen.
So tingelt er jetzt als bekennender Gottesmann mit einer bescheidenen Show durch die amerikanische Provinz und meidet die großen Städte. Die S.193 Tournee ist unauffällig und unaufwendig, und nicht einmal Dylans Plattenfirma CBS in New York weiß genau, wo ihr Star jeweils steckt.
Mundpropaganda, Kleinanzeigen in der Lokalpresse und Ankündigungen der örtlichen Rundfunksender weisen auf Dylans Auftritte hin, mit denen er, sozusagen Off Broadway, seine Jesus-Konzerte für die später geplante Rückkehr als Rock-Messias in die großen Show-Arenen testet.
Bei diesen Auftritten wird deutlich, daß ihm der missionarische Eifer die Zunge gelöst hat. Zwischen dem Vortrag neuer Christen-Lieder, die seit »Slow Train Coming« sein Repertoire bestimmen, schwadroniert er von seinen Eingebungen und Erweckungs-Erlebnissen.
Wenn er früher, in vorchristlicher Zeit, einmal einen besonders redseligen Abend hatte, reagierte er höchstens mit einem lakonischen »Dankeschön« auf den Beifall oder leitete Songs mit Bemerkungen ein wie »Dieses Lied ist über die Ehe« oder »dieses Lied ist Marlene Dietrich gewidmet«.
Jetzt hämmert er auf sein Publikum ein wie ein professioneller Wanderprediger: »Ihr hört nicht viel über Gott in diesen Tagen. Wir werden den ganzen Abend über ihn reden. Wir werden nicht über Mystizismus reden oder über fernöstliche Religionen oder über Meditation. Wir reden nur über Jesus. Böse Geister hören den Namen nicht gern. Ich sage euch gleich, wenn ihr böse Geister in euch habt, werdet ihr das gar nicht mögen.«
Die Zuhörer von Hartford reagieren matt auf das Evangelisten-Spektakel. Und wenn Dylan die Bühne seinen Gospel-Damen überläßt, wandern viele ab aus dem Publikum und kommen erst wieder, wenn der mythische Meister wieder leibhaftig auf der Szene erscheint: Sie sind seinetwegen da, und es stört sie nicht, wenn er von Jesus redet.
Dylan ist selbstsicher wie eh und je und scheint auch diesmal wieder unerschütterlich darauf zu setzen, daß das Massenpublikum ihm, nach skeptischem Zögern, auch auf diesen neuen Trip folgen wird.
So war es, als er vom Folk- ins Rock-Lager überwechselte, auch als er 1968 in Nashville seinen Stil mit Country-Music verwässerte und damit die Rock-Freaks schockierte. Dylan glaubt, daß er schließlich auch mit seinen musikalischen Gottesdiensten die Fans wieder um sich scharen wird.
Die australische Reporterin Karen Hughes hat Dylan auf seiner Jesus-Tournee in Hartford aufgespürt und über den Auftritt für die New Yorker »Village Voice« berichtet. Sie traf einen »bescheidenen, aufrichtigen, höflichen, geduldigen und weniger zornigen« Showstar als gewohnt.
Er hat sich das Trinken abgewöhnt und will so weitermachen wie jetzt. Dylan: »Bis das Feuer ausgebrannt ist.«
S.191Am 7. Mai in Hartford (USA).*