Kunst Seufzer eines Wirts
Wer nichts wird, wird Wirt, heißt es; das will aber nicht heißen, daß einer, der schon Wirt ist, nicht noch etwas werden kann. Der österreichische Gastwirt Michel Würthle, in den Siebzigern Inhaber des Berliner Künstlerlokals »Exil«, gibt sein Debüt als Zeichner. Auf 80 Tuschzeichnungen hat er die große Zeit des berüchtigten Lokals am Paul-Lincke-Ufer festgehalten. Die Werke sind noch bis zum 4. Juni in der Berliner Galerie Bruno Brunnet zu sehen. Die mit üppigen Kommentaren versehenen »Aufzeichnungen eines bewaffneten Schankprinzen« - im Schaffensrausch zwischen den Jahren 1993 und 1994 aus der Erinnerung getuscht - erzählen von Gästen, die die Konsistenz der Strapaziknödel zwischen zwei Fingern prüfen, von der Liebesaffären stiftenden Qualität der lebensgefährlich schmalen Restauranttreppe und von montäglichen Rohrbrüchen im Keller. In Würthles Wirtschafts-Kunst kriegt jeder sein Fett weg: Die deutschen Jungfilmer, die bei ihren Premierenfeiern vorm Bezahlen durch die Hintertür verschwinden, ebenso wie die Berliner Großkünstler, die Ende der Siebziger »mit jeder Menge Zaster« in den Taschen ihr neues Outfit ausführten. Hin und wieder spickt Würthle seine Werke mit Stoßseufzern, die dem erfahrenen Szenekneipengänger aus dem Herzen sprechen: »Nüchtern betrachtet, sind auch unbekannte Künstler unerträglich.«