»Sie wurde leider zu Recht erschossen«
Jahr um Jahr tanzte sie sich in bundesdeutsche TV-Heime, und nun ist sie wieder da: Mata Hari, Spionin, erste Striptease-Tänzerin und Sex-Göttin der Belle Epoque.
Das Melodram der niederländischen Hutmacher-Tochter Margaretha Geertruida Zelle, die sich als angeblich aus Java stammende Tempeltänzerin Mata Hari ("Auge der Morgenröte") nannte und 1917 als deutsche Spionin von den Franzosen erschossen wurde, scheint das Publikum zu faszinieren wie zu Großvaters Zeiten. Der »Sieg der nackten Unbedenklichkeit über die Prüderie des Salons« ("Die Zeit") bleibt ein beliebter Topos -- auch in der Ära der Frauenemanzipation.
Kein Wunder, daß die Fernseh-Oberen ihre Archive und Produktionsstudios dazu antreiben, mit immer weiterem Mata-Hari-Stoff die Zuschauer zu befriedigen. Und die Studios und Archive, sie liefern munter:
Im vergangenen Jahr zeigten sie den Greta-Garbo-Klassiker von 1931, davor produzierte das ZDF ein Dokumentarspiel mit der Wienerin Louise Martini in der Hauptrolle, 1977 wartete der Schweizer Choreograph Jürg Burth mit einer recht operettenhaften »Tanzlegende« auf.
Diesmal ist ein TV-Team aus Holland an der Reihe, seine Mata Hari vorzuführen. Am Montag dieser Woche startet im ARD-Programm zur gewohnten Serienzeit (20.15 Uhr) John van de Rests aufwendiger Vierteiler, der als die teuerste Produktion in der Geschichte des niederländischen Fernsehens gilt und auch familiäre Bedeutung hat: Autor-Regisseur van de Rest hat die Titelrolle mit seiner Frau, der Schauspielerin Josine van Dalsum, besetzt.
Doch Frau van Dalsum ist keine Mata Hari. Ihr fehlt das Lulu-hafte der historischen Figur, sie bleibt farblos; an kaum einer Stelle läßt sie die psychopathische Hemmungslosigkeit ahnen, mit der einst Mata Hari -- ihre lasziven Tanzkünste ausnutzend --Gönner und Liebhaber aus den höchsten Kreisen von Politik und Militär ("Ich liebe Offiziere") gewann.
Das ist nicht nur schuld der Schauspielerin, es ist auch von Ehemann John so gewollt: Er hat sich in den Kopf gesetzt, den Spionage-Vamp zu einer leichtsinnigen, törichten Närrin zusammenschrumpfen zu lassen, für die »das Leben ein Spaß ist« (Josine van Dalsum) und die nie ernsthaft Spionage getrieben hat.
Folgerichtig säubert der Film seine Heldin von jeglichem Spionageverdacht. Mata Hari läßt sich zwar nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs vom deutschen Geheimdienst anheuern, doch die Geheimtinte, mit der sie ihre Meldungen schreiben soll, wirft sie ins Wasser, und ähnlich spielt sie mit Frankreichs Geheimdienst: Um einen Liebhaber in einem Sperrgebiet besuchen zu können, bietet sie sich als Agentin an, ohne wirklich spionieren zu wollen.
Erst die Rachsucht eines von ihr düpierten Geheimdienstlers und Frankreichs militärische Schlappen setzen Mata Haris Spiel ein brutales Ende. Frankreichs gedemütigte Armee benötigt ein Opfer, auf dem Schießplatz von Vincennes stirbt am 15. Oktober 1917 eine Unschuldige.
Das wird in diesem Film so blauäugig abgespult, daß seine sachkundigeren Bearbeiter beim NDR ihn nicht ohne eine warnende Fußnote auf die deutschen Bildschirme lassen möchten. So wird denn am Ende der Serie ein betont cool auftretender Sprecher das Publikum darüber belehren, daß Mata Hari sehr wohl eine Spionin war, und nicht einmal eine schlechte.
Regisseur und Hauptdarstellerin wollen davon freilich nichts hören. »In all dem Material, was wir durchgearbeitet haben«, sagt Josine van Dalsum, »haben wir nie Informationen gefunden, die für Mata Haris Schuld sprächen.« Bei ihren »zeitraubenden und gründlichen Recherchen«, so wußte die TV-Zeitschrift »Gong«, hätten sie nicht einmal »klären können, ob Mata Hari wirklich Spionage getrieben hat«.
Was mögen da nur die beiden Filmer recherchiert haben? Schon ein Besuch im Freiburger Militärarchiv hätte genügt, sie aufzuklären. Dort liegen nämlich die erhaltenen Berichte und Aufzeichnungen der IIIb, des deutschen Weltkrieg-I-Geheimdienstes, darunter auch ein paar Notizen ehemaliger IIIb-Offiziere über die Agentin H 21 -- Mata Hari.
»Ich persönlich glaube«, schrieb ihr letzter Führungsoffizier, Major Roepell, nach dem Krieg, »daß sie bestimmt sehr gut beobachtet und gemeldet S.264 hat; denn sie war eine der klügsten Frauen, die ich je kennengelernt habe. Spionage zugunsten Deutschlands hat sie bestimmt getrieben, und ich bin der Meinung, daß sie von den Franzosen -- leider -- zu Recht erschossen wurde.«
Die IIIb-Papiere belegen, daß Mata Hari im Spätherbst 1915 in den Dienst des deutschen Geheimdienstes getreten war. Angeregt hatte ihre Anwerbung der Amtsgerichtsrat Werner Freiherr von Mirbach, ein jahrelanger Bewunderer der Tänzerin und Beobachter ihres Siegeszuges durch Europas Theater, Opernhäuser und Herrensalons. Er war dem Stab der in der Champagne kämpfenden 3. Armee zugeteilt und assistierte dem Nachrichtenoffizier, Hauptmann Hoffmann, bei Gefangenenvernehmungen.
Über Querverbindungen in Holland erfuhr Mirbach, daß die damals 39jährige Mata Hari, seit Kriegsausbruch ohne Engagement, unter kümmerlichen Verhältnissen in Den Haag lebe und nicht abgeneigt sei, für einen gut zahlenden Geheimdienst zu arbeiten. Für Mirbach war es eine verlockende, phantastische Idee: Die ehemalige Kurtisane von Paris, Ex-Geliebte hoher französischer Militärs und Diplomaten -- eine Agentin von IIIb!
Mirbach schlug Hoffmann vor, Mata Hari anzuwerben, worauf der Hauptmann den Vorschlag an den IIIb-Chef Walter Nicolai weitergab. Der griff sofort zu -- aus gutem Grund:
Eben erst hatte die französisch-britische Doppeloffensive im Artois und in der Champagne enthüllt, wie schlecht die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) über den Gegner informiert war. Den Briten und Franzosen waren Ende September schwere Einbrüche in die deutsche Front gelungen, weil die OHL die Schlagkraft des Gegners unterschätzt hatte. Die OHL brauchte also dringend Agenten in der Feind-Zentrale, zumal der Gegner jeden Augenblick seine inzwischen abgebrochene Offensive fortsetzen konnte.
Nicolai ließ Mata Hari nach Köln bitten, wo sie den stocksteifen IIIb-Chef so für sich einnahm, daß er auf der Stelle beschloß, sie als Agentin ausbilden zu lassen.
Roepell fuhr mit Mata Hari nach Frankfurt und brachte ihr dort auf langen Spaziergängen am Rande der Stadt das Agenten-Einmaleins bei, während ein Geheimschriften-Experte mit ihr »chemisches Schreiben« übte und eine Beauftragte Nicolais mit der neuen Agentin Aufträge und Reiserouten festlegte.
Mata Haris Mission: von Paris aus Aufklärung über die nächsten Offensivpläne des Gegners, Reisen durch militärisch interessante Gebiete Frankreichs, ständige Verbindung zu den beiden wichtigsten Leitstellen der deutschen Frankreich-Spionage, der Kriegsnachrichtenstelle West in Düsseldorf S.265 (Leiter: Roepell) und der Agentenzentrale in der Deutschen Botschaft in Madrid (Leiter: Major Arnold Kalle).
Schließlich wurde Mata Hari dem Hauptmann Hoffmann unterstellt, der ihr einen Decknamen gab: H 21.
Sie fuhr nach Den Haag zurück, kurz darauf ließ ihr der in Amsterdam sitzende Konfident der III b, Generalkonsul Cremer, 20 000 Franc zukommen -- Startkapital für den Vorstoß nach Paris. Mitte Dezember 1915 erfuhr Hoffmann, daß H 21 im Pariser »Grand Hotel« Quartier bezogen habe und alles glatt laufe.
Unter dem Vorwand eingereist, ihre bei Kriegsausbruch in Paris zurückgelassenen Möbel abholen zu wollen, fand Mata Hari die alten Freunde wie stets hilfsbereit. Jean Hallaure saß jetzt als Leutnant im Kriegsministerium, die Zuneigung des Ex-Kriegsministers Adolphe Messimy zur Ex-Tänzerin war stärker denn je, der Freund Jules Cambon hatte inzwischen als Generalsekretär die Spitze des Außenministeriums erklommen.
So fiel es H 21 nicht schwer zu erkunden, was die Alliierten an der deutschen Front planten. Ende Dezember war sich Mata Hari ganz sicher, »daß vorläufig, namentlich jetzt, in Frankreich nicht an eine französische Offensive gedacht wird«, wie sie Hoffmann meldete -- eine von mehreren Nachrichten, die die OHL bestimmten, den nächsten großen Schlag für das Frühjahr vorzubereiten: den Angriff gegen Verdun.
H 21 aber saß schon wieder im Zug, um die zweite Etappe der in Frankfurt festgelegten Erkundungsreise hinter sich zu bringen. »Mit zehn Packkisten«, wie die Agentin später erzählte, fuhr sie in kriegsbedingter Gemächlichkeit durch Südfrankreich, an Militärtransporten und Truppenansammlungen vorbei, Spanien entgegen.
Am 11. Januar 1916 passierte Mata Hari die französisch-spanische Grenzstation Hendaye, einen Tag später war sie in Madrid. Sie hatte auch dort einen Auftrag: dem für die Ausforschung Südfrankreichs zuständigen Agentenführer Kalle zu berichten, was sie auf ihrer Fahrt beobachtet und gehört hatte.
Kalle muß von diesem Bericht so beeindruckt gewesen sein, daß er ihn sofort in einem Telegramm -- verschlüsselt mit dem Code des Auswärtigen Amtes -- an Cremer in Amsterdam weitergab, dem der Major alle für IIIb bestimmten Meldungen zuzuleiten hatte. Es war der Fehler, der Mata Haris Agentenkarriere ramponierte.
Denn: Der britische Geheimdienst, der den Telegrammverkehr Madrid --Amsterdam genau überwachte, fing Kalles Kabel auf und entschlüsselte es -- anhand der Kopie, die sich ein in der deutschen Kommandantur von Brüssel arbeitender V-Mann im November S.267 1914 von dem AA-Satzbuch angefertigt hatte. Für den Secret Intelligence Service war es dann nur noch Routinearbeit, festzustellen, wer die Person gewesen war, die Mitte Januar Hendaye passiert und kurz darauf Madrid besucht hatte.
Noch ehe Mata Hari nach Den Haag zurückgekehrt war, stand für Englands Spionejäger fest, daß sie eine deutsche Agentin sei, zumal ein britischer V-Mann in Holland Cremer und die Frau einmal zusammen gesehen hatte. Prompt warnte London die französische Spionageabwehr.
Auch H 21 merkte bald, daß sich etwas gegen sie zusammenbraute. Als die IIIb sie im Mai auf eine neue Erkundungstour schicken wollte, zu der auch ein Abstecher nach England gehören sollte, verweigerten die Briten ihr die Einreise. Sie fuhr dennoch -- nach Spanien und Frankreich.
Bei ihrer Ankunft in Hendaye am 16. Juni mochten nun aber auch die französischen Grenzbehörden sie nicht mehr ins Land lassen. Mata Hari wollte schon ihren Freund Cambon zu Hilfe rufen, da erhielten die Behörden Gegenorder: Die Frau durfte einreisen.
Doch Mata Hari war intelligent genug, um zu erkennen, daß sie in Frankreich kaum noch unbeobachtet operieren könne. Da hatte sie, mit oder ohne IIIb, einen fatalen Einfall: Sie diente sich der französischen Gegenspionage als Agentin an -- Beginn des zwielichtigen Spiels, das auf dem Schießplatz von Vincennes endete.
Gleichwohl hätte das französische Kriegsgericht Mata Hari schwerlich der Spionage überführen können, wäre nicht Kalle erneut ein schwerer Patzer unterlaufen. Das war im Dezember 1916, als Mata Hari bei einem Sonderauftrag in Madrid -- sie war auf hohe französische Offiziere angesetzt -- in finanzielle Schwierigkeiten geriet, aus denen ihr Kalle nicht mit eigenen Mitteln heraushelfen wollte.
So wies er Cremer telegraphisch an, 20 000 holländische Gulden an H 21 auszuzahlen, sobald sie von ihrer Spanien-Reise nach Amsterdam zurückgekehrt sei. »Als Cremer dieses Telegramm erhielt«, erinnerte sich später Roepell, »war er entsetzt und überzeugt, daß die Sache schiefgehen würde.«
Cremer behielt recht: Die französische Abhörstation im Pariser Eiffelturm hatte das Kalle-Telegramm aufgefangen und es entschlüsselt -- in der Optik der französischen Abwehr letzter Beweis für die Agententätigkeit der ehemaligen Tänzerin.
Mata Hari keine Spionin? Die beiden TV-Rechercheure aus Holland werden wohl noch ein bißchen forschen müssen, um der Wahrheit über H 21 auf die Spur zu kommen. So aber bleibt ihr Film ein Rührstück, fern historischer Realität.