Sieht mir ähnlich - DER SPIEGEL
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KUNST / DINE Sieht mir ähnlich

• aus DER SPIEGEL 15/1970
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Die Pop-Welle der sechziger Jahre hat ihn zu frühem Ruhm getragen. Doch Pop Art, weiß der Künstler Jim Dine, 34, »ist nur eine Facette meines Werks« -- stärker als der Motivschatz der Allerwelts-Moderne regt ihn seine »persönliche Bildwelt« an.

Aus diesem exklusiven Fundus holt der untersetzte, kahlköpfige Amerikaner zum Beispiel Handwerkszeug, Kleidungsstücke, Paletten, Genitalien beiderlei Geschlechts sowie stilisierte Herzformen hervor. Und nicht in der perfekten Manier von Warhol, Lichtenstein oder Wesselmann schildert der Meisterzeichner und Kolorist von Rang derlei Privatdinge, sondern mit spontaner, sensibler Randschrift. Im Kreis der anerkannten Pop-Prominenz spielt Dine die Rolle des Romantikers.

Das offenbart -- womöglich noch deutlicher als Dines Gemälde und Objekt-Montagen -- seine Druckgraphik, die nun, zum erstenmal komplett, von der hannoverschen Kestner-Gesellschaft und anschließend von der Berliner Galerie Mikro gezeigt wird. Die rund 120, seit 1960 gedruckten Blätter, »hingeworfene Bemerkungen, unmittelbare Bruchstücke einer Betätigung zwischen »Kunst und »Leben"« (so der britische Katalogautor John Russell) summieren sich zu einem stimmungsvollen Tage- und Erinnerungsbuch.

Kindheitserinnerungen hat Dine etwa in seine Mappe mit dem Titel »Werkzeugkiste« verpackt: Die Bohrer, Schraubstöcke und Baumscheren, denen er, auf rollagehaften Siebdrucken, nun eine »fast animalische persönliche Note« (Russell) erteilt, waren ihm schon daheim in Cincinnati« im Eisenwarengeschäft seines Großvaters begegnet. Weitere Leitmotive hat er aus seines Vaters Laden für Klempnereibedarf und Farben bezogen, wo er als Knabe folgenreichen »Tagträumen« (Dine) nachhing.

Den wachen Umgang mit Pinsel und Palette begann Jim Dine um 1954; fünf Jahre später, nach Kunststudien in der Provinz, zog er dann nach New York, machte Kunst aus Mülleimer-Fundstücken und wurde ein Vorkämpfer der damals revolutionären Happening-Bewegung -- so mit einer »Car Crash« (Auto-Unfall) genannten Darbietung von 1960.

»Car Crash« heißt auch Dines erste, im selben Jahr gedruckte Lithographienfolge: Kompositionen aus Liniengestrüpp, dem Wort »Crash« und düsteren Kreuzen. Ihr Krakel-Stil ist dem Abstrakten Expressionismus nah verwandt, dem Dine sich heute noch »wie ein Sohn dem Vater« verbunden fühlt.

Nach soviel dramatischem Aufwand zog sich der Künstler zunächst in einer Art »Askese« (Dine) auf farbarme Riesentafeln, dann auf Idyllik und Prägnanz der autobiographisch deutbaren kleinen Dinge zurück. Und was er malte oder aus dreidimensionalen Gegenständen montierte, kehrte auch in der Graphik Wieder.

1964 zum Beispiel erblickte Dine in einer »New York Times« -Anzeige das Bildnis eines -- leeren -- Bademantels und empfand: »Er sieht mir ähnlich.« Nach diesem Vorbild fertigte er später nicht nur ein »Doppeltes Isometrisches Selbstporträt« an -- gemalte Schnittmuster mit davor aufgespannten Drähten -, sondern auch graphische Bademantel-Versionen wie die Radierung »Selbstporträt in Zink und Säure« oder die Lithographie »Selbstporträt: Die Landschaft« -- im Kolorit von Gras und Sommerhimmel.

Gemalt wie gedruckt dokumentierte Dine seine Vorliebe für bunte Schlipse« für das Künstler-Werkzeug der Palette und für -- bisweilen gebrochene, auch blutende -- Herzen.

Ein blutendes, rotes Herz teilt Dine etwa Oscar Wildes Romanhelden Dorian Gray zu. Dine, der seit 1968 mit seiner Frau und seinen drei Söhnen in London wohnt ("Hier lassen mich die Leute in Ruhe"), hatte an einer Bühnenfassung des Wilde-Textes mitgearbeitet und, wie früher schon für einen erotischen und aggressiven »Sommernachtstraum« in San Francisco, die Kostüme für Aufführungen in Dublin und London entworfen. Als dann die Inszenierung doch nicht zustande kam, faßte er Figurinen und bizarre Symbolmotive ("Abdruck von Dorian Grays Magen") für eine Buchausgabe zusammen.

Auch in London, wo Dine wenig malt, dafür aber viele Gedichte schreibt, hält er engen Kontakt zu seiner Heimat. So zog er den Photographen Lee Friedlander, der mit einer Aufnahme aus Cincinnati seine Freundschaft gewonnen hatte, zu einer Mappe »Photos und Radierungen« heran, und ihm bekannte Cincinnati-Bewohner bannte er aufs Schrift-Bild. Auf drei mehr als meterbreiten Lithographien, halb Ehrentafeln, halb Toilettenwänden, hat der Künstler kunterbunt die Namen der Leute aufgezeichnet -- eine subjektive Auswahl mit subjektivem Kommentar:

Ein einstiger Dine-Mitbürger ist mittels Beischrift als ein »verfluchter Hurensohn« gekennzeichnet.

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