Singen verlernt - DER SPIEGEL
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MASSON Singen verlernt

• aus DER SPIEGEL 20/1964
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Vor mehr als vierzig Jahren besuchte

Picassos Kunsthändler und Financier, der in Mannheim geborene Daniel -Henry Kahnweiler, in einem verschmutzten Hinterhof des Pariser Montmartre-Viertels einen seiner Pfleglinge, den Maler Elie Lascaux, und entdeckte in dessen Atelier zwei Bilder, deren »unheimliches Leben« (Kahnweiler) ihn interessierte.

Lascaux hatte sie in der Absicht aufgestellt, den finanzkräftigen Kahnweiler beiläufig auf die Arbeiten eines unbekannten Kollegen aufmerksam zu machen, und der Plan gelang vollkommen. Kahnweiler erkundigte sich prompt nach dem Urheber der Bilder, suchte ihn, auf und schloß mit ihm sofort einen Vertrag; es war der damals, 26jährige Maler André Masson.

Zweiundvierzig Jahre später, am ersten Maisonntag dieses Jahres, eröffnete der Pariser Kunsthändler in der Berliner »Akademie der Künste« die erste umfassende Masson-Ausstellung in Deutschland. Kahnweiler, in fast verlerntem Deutsch: »Von allen Malern, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, ist Masson der gebildetste.« Der Star unter den Malern der amerikanischen Moderne Jackson Pollock, hat sich ausdrücklich zu Masson als seinem Vorbild bekannt, neue und neueste Bewegungen der Malerei - zum Beispiel das »action painting« - basieren auf Massons Malwerken.

Zweifellos ist der Einfluß, den Masson, der Intellektuelle unter den Pariser Künstlern, auf die Malerei der Moderne ausgeübt hat, größer als die Popularität seines Namens beim deutschen Publikum. Masson, häufig als Illustrator - (Novalis, Mallarmé, Rimbaud), gelegentlich als Bühnenbildner. (Hamsun, Shakespeare, Tschaikowski) tätig, hat sich weder mit dem Programm der Kubisten zufriedengegeben, denen es um eine geometrische Ordnung der Bildoberflächen ging, noch hat er sich lange bei den Surrealisten aufgehalten, die real abgebildete Objekte alptraumhaft mischten oder verzerrten (etwa: in der Sonnenhitze schmelzende Uhren bei Dali, antike Helden mit Punchingball-Köpfen bei Chirico). Nach einem Grundsatzstreit mit dem Theoretiker der Surrealisten, Andre Breton, wurde Masson 1929 aus dieser Gruppe formell ausgestoßen.

Freud-Leser Masson - ("Ein Schlachtfeld sollte man sein") entwarf sich eine eigene Theorie. Er war auf eine Malweise aus, die zwanzig Jahre der modernen Malerei vorwegnahm und die er »automatisch« nannte.

Masson wünscht sich den Maler vor der Leinwand in einem Zustand, der einer »Trance nahekommt« und der es ermöglicht, das Unbewußte darzustellen: »Man muß ganz leer werden. Die automatische Zeichnung, die ihre Quelle im Unbewußten hat, muß wie eine unvorhergesehene Geburt erscheinen.« Allerdings: »Ich kenne kein sicheres Mittel, diesen Zustand hervorzurufen.«

Die in Berlin ausgestellten »unvorhergesehenen Geburten« Massons haben im wesentlichen zwei Themen: den weiblichen Körper und Grausamkeiten aus Natur und Politik. Was der Masson -Interpret Dr. Werner Haftmann als »zeitgenössische Geschichte« definiert, nämlich die Arbeit »gigantischer politischer Halunken«, hat Masson bitter erlebt. Aus seiner spanischen Wahlheimat wurde er durch den Bürgerkrieg, aus seiner französischen Heimat durch die deutsche Besatzung vertrieben; nach der Rückkehr aus amerikanischem Exil mußte er zusehen, wie sein Sohn, der gegen den »schmutzigen Krieg« in Algerien protestiert hatte, zu einer hohen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Massaker, Morde, Grausamkeit hat Masson seit etwa 1929 gezeichnet und gemalt, auch in Naturszenen, auf denen sterbende Fische, kämpfende Tiere, verwundete Menschen dargestellt, Vögel von Pfeilen zerfetzt, Frauen mißbraucht und geköpft werden.

»Wo ein Mensch aus Ekel das Singen läßt, verlegt er sich aufs Fluchen«, notiert Haftmann in seinem Buch »Malerei im 20. Jahrhundert« über Masson. Der Maler sieht seine Bilder als »Provokation« an oder als Fang, sobald ihm die Natur »in die Falle« geht: »Wenn ich male, bin ich immer im Zustand äußerster Nervenüberreizung«, schreibt Masson. »Aber wenn dann am Ende die Bilder erschienen, konnte ich mich einer Anwandlung von Scham - eines unbeschreiblichen Unbehagens -, verbunden mit Frohlocken und Rache, nicht erwehren.«

Erst in den letzten Jahren - Masson arbeitet sommers in seinem schloßartigen Landhaus in Aix-en-Provence, winters in seinem Pariser Atelier - haben sich die Farben, Themen, Striche des Malers etwas beruhigt und gemildert. Vor seinen Berliner Zuhörern interpretiert der inzwischen 68jährige Masson seine Malweise als eine »recherche de la natur« - als Suche nach der Natur.

Maler Masson, Entdecker Kahnweiler

Nachhilfe für den Mäzen

Masson-Zeichnung »Massaker« (1933) Trance für den Maler

Masson-Gemälde »Sommerspiele« (1934)

Falle für die Natur

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