Singender Baggerfahrer - DER SPIEGEL
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Liedermacher Singender Baggerfahrer

Sie nennen ihn den »Boss« von Hoyerswerda: Der klampfende Tagebau-Kumpel Gerhard Gundermann hat mit spröden Heimatliedern Erfolg.
• aus DER SPIEGEL 12/1996
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Gerhard Gundermann, 41, mit seiner Band Seilschaft in der Berliner Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg aufspielt, mischt sich auch Volksbühnen-Intendant Frank Castorf gern unters Publikum.

Der Theaterchef schätzt an dem ostdeutschen Liedermacher seit DDR-Zeiten die »Mixtur aus Sprödigkeit und Dilettantismus«. Der blasse Blonde mit der Gitarre, findet Gundermann-Fan Castorf, biete etwas »ganz eigen ostdeutsch-russisch Volkstümlerhaftes«.

Das sieht das junge Volk, das in die Konzerte des Barden mit der großen Kassenbrille strömt, offenbar ähnlich. Ob in der Metropole oder in der Provinz: Wo immer der Deutsch-Rocker aus dem Dörfchen Spreetal bei Hoyerswerda auftritt, spielt er vor vollem Haus. Andächtig lauschen die Zuhörer in Berlin, Cottbus und Sangerhausen seinem Vortrag - hier sind sie Ostler, hier dürfen sie's sein.

Der Liedermacher, der stets im proletarischen Fleischerhemd mit roten Hosenträgern auftritt, ist seit der Wende zu einer Symbolfigur der Ostkultur geworden. Gundermanns mal subtile, mal eher grob-spöttische Texte über abgestürzte Minister, niedergehende Industriereviere und den deutschen Vereinigungsschock treffen vor allem den Nerv der Generation der 30- bis 40jährigen.

Obwohl Gundermann beim kleinen Ost-Berliner Label Buschfunk unter Vertrag ist, das über keinen flächendeckenden Vertrieb verfügt, hat er seine vier CDs insgesamt mehr als 40 000mal verkauft. Der Erfolg verhalf ihm sogar zu Auftritten im Vorprogramm von Bob Dylan und Joan Baez bei deren Gastspielen im deutschen Osten.

Gundermanns Lieder, die manchmal an den frühen Ton-Steine-Scherben-Sound erinnern, sind ohnehin von einem West-Vorbild inspiriert. Seit ihm vor zehn Jahren ein Kollege Platten von Bruce Springsteen (siehe auch Seite 243) empfahl, hat er eifrig dessen Stil studiert.

Die Lieder des Bergarbeiters aus der Lausitz erinnern so stark an die Musik des US-Stars, daß Ost-Blätter Gundermann zum »Springsteen des Ostens« (Mitteldeutsche Zeitung) kürten. Seine Ballade »Hoy Woy« über das Leben in Hoyerswerda beispielsweise ähnelt melodisch Springsteens »My Hometown«. Textzeile: »Hoy Woy, dir sind wir treu, du blasse Blume auf Sand.«

Seit 20 Jahren arbeitet der Künstler vollberuflich als Baggerfahrer im Braunkohletagebau bei Hoyerswerda. Von einer Zukunft als Berufsmusiker hält er nichts: »Ich habe keine Lust, Kunst für Brot zu machen.«

Solche Eigenwilligkeit kommt im Osten an. Gerade seine widersprüchliche Vita läßt Gundermann zur Identifikationsfigur für Tausende in den neuen Ländern werden.

Mit 18 ging der gläubige Jung-Sozialist, der »Soldat der Revolution« sein wollte, zunächst auf eine Offiziersschule. Die Karriere in der Nationalen Volksarmee fand ein jähes Ende, als er sich zwei Jahre später weigerte, bei einem Besuch des DDR-Verteidigungsministers Heinz Hoffmann ein Loblied auf »unseren General« anzustimmen.

Im Tagebau, wo er als Hilfsmaschinist anheuerte, trat er der SED bei. Die schloß ihn 1984 aus ihren Reihen wegen »prinzipieller Eigenwilligkeit« und Kritik an Parteifunktionären aus. Acht Jahre lang diente er auch dem Ministerium für Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter.

IM »Grigori« berichtete über unfähige Parteisekretäre und Schiebung im Betrieb, dazu über »Spannungen« in der Ehe von Kollegen und sogar über eine Frau, die »mit einem Staatsbürger Frankreichs ein Verhältnis hat«. Die Zusammenarbeit endete ebenfalls 1984, die Stasi wertete die wachsende Systemkritik des Kohlearbeiters als »parteifeindlich«.

Was er über korrupte Kader notierte, hält Gundermann störrisch noch immer für richtig. Seine »ekligen Petzberichte« aber bezeichnet er jetzt als »beschämend« und »einfach Scheiße«. Sein Publikum hat ihm längst verziehen.

Mit seinen Anhängern verbindet ihn die Sehnsucht nach einer anderen, besseren Gesellschaft. Wie viele hegte Gundermann bis zur Wende die Hoffnung, vom DDR-Sozialismus ließe sich was retten, und noch immer versteht er sich als Sozialist.

Der singende Baggerfahrer zählt sich zu einer »übersprungenen Generation, die nicht zum Zuge kam«. Die größte Enttäuschung des immer wieder gutgläubigen Genossen kam aus der Einsicht, »daß die obersten Chefs in der DDR so wenig auf dem Kasten hatten«.

Nun träumt der Vater dreier Kinder von einer radikalökologischen Gesellschaft, »in der nicht die Wahlberechtigten, sondern die Betroffenen, die morgen Lebenden, Tiere und Pflanzen Stimmrecht haben«.

Er ist überzeugter Vegetarier, in seinen Texten beschwört er die Sehnsucht nach Langsamkeit ("Komm, wir schlachten die Uhr"), er versichert, »überhaupt kein Feindbild« zu haben.

Gundermann lebt in einer Gegend, wo rechte und linke Energie oft ineinander übergeht, wo der PDS-Oberbürgermeister von Hoyerswerda wie ein Unionspolitiker redet und junge Skins vom Sozialismus schwärmen. Immer wieder findet sich in seinen Texten die Ambivalenz zwischen Rebellion und Harmoniebedürfnis.

Diese musikalisch unterlegte Melange erreicht mit Liedern wie »Hier bin ich geboren« ein Publikum von der Arzthelferin bis zum Ost-Intellektuellen. Allen gefällt »diese Mischung aus Heimatgefühl und Trotz«, wie der Student und Gundi-Fan Henry Liebisch aus Hoyerswerda gesteht, »das können viele Wessis einfach nicht verstehen«.

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