Sisyphos in Weimar - DER SPIEGEL
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KULTURPOLITIK Sisyphos in Weimar

In vielen deutschen Städten fehlt das Geld für die Theater. Während in Berlin wieder heftig über Schließungen gestritten wird, probt in Thüringen ein Intendant den Aufstand: Er will aus den unflexiblen Tarifverträgen mit den Gewerkschaften aussteigen.
Von Joachim Kronsbein
• aus DER SPIEGEL 10/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nicht ob es passiert, ist die Frage, sondern allenfalls wo und wann: Welcher Kulturpolitiker knipst als nächster einer Bühne das Licht aus? Mochte Claus Peymann, Chef des selbst von Kürzungsplänen bedrohten Berliner Ensembles, auch erst vergangene Woche im SPIEGEL-Gespräch zürnen: »Jede Theaterschließung ist ein Verbrechen.« Die nächste Schließung kommt bestimmt.

Fast zehn Jahre sind seit dem ersten großen Verrammelungsakt vergangen: 1993 hatte der damalige SPD/CDU-Senat in Berlin über Nacht beschlossen, das traditionsreiche, aber reputationsarme Schiller Theater dichtzumachen. Es gab wütende Protestaktionen, Solidaritätsgalas, Mahnwachen und flammende Artikel - aber nichts half. Das Theaterhaus, das über Jahrzehnte als Prestigebühne des Westens glänzte, wurde kurzfristig als Musicalbühne missbraucht - und ist heute ein oft leeres, verfallendes Gemäuer, für das die Berliner Behörden einen Käufer oder Pächter suchen.

Im Jahr 2002 droht nun - nicht nur, aber zuallererst in Berlin - weit größerer Kahlschlag. Die Kassen der Kommunen haben sich beängstigend geleert, die Konjunktur lahmt, die Steuereinnahmen sinken. Wen wundert's, dass Thomas Flierl (PDS), neuer Kultursenator der Pleite-Metropole Berlin (und der fünfte in diesem Amt innerhalb von zwei Jahren), bereits drastische Spar-Attacken ankündigt. Prompt nennen die Hauptstadtkünstler den Politiker wenigstens »intelligent« (Udo Zimmermann, Intendant der Deutschen Oper) oder einen Mann, der »keine Ahnung« habe (Peymann).

Zimmermann, Peymann und Co. wissen, dass der Senator kaum noch etwas zu verteilen hat - und kämpfen nach dem Motto: Jeder für sich, Flierl gegen alle.

Bei der Deutschen Oper geht es um das Ballett, das von einst 60 längst auf nur noch 30 Tutu- und Strumpfhosenträger reduziert wurde. Gegen den Verdacht, er selbst habe die Streichung der Schrumpfcompagnie als Sparbeitrag angeboten, wehrt sich Zimmermann nach Kräften: »Nie im Leben.« Vielmehr könne man fragen, ob denn die andere große Oper in Berlin, Daniel Barenboims Staatsoper Unter den Linden, für ihr kleinformatiges Haus eine üppig bestückte Tanztruppe brauche: Das ist die neue Berliner Künstlersolidarität.

In Peymanns BE, das bislang mit jährlich gut drei Millionen Euro aus Lottomitteln zusätzlich zu seinen elf Millionen Euro Subventionen gepampert wird - für den Intendanten »das Minimum« -, könnten die Glücksspielgelder von 2004 an wegfallen; dann nämlich läuft Peymanns Vertrag aus. Über dessen Verlängerung wolle der Senator, so ein Flierl-Sprecher, mit Peymann »bis zum Sommer« reden.

Ganz schlimm schien es am vorvergangenen Wochenende Volker Hesse, den Intendanten des Maxim Gorki Theaters, erwischt zu haben: Er erfuhr aus der Presse, dass seinem gerade für fünf Millionen Euro renovierten Haus das Aus drohe. Flierl sei zum Todesstoß entschlossen. »Absurd«, ließ der Senator nach vielen aufgeregten Telefonaten verlauten.

Wen wird es nun treffen im russischen Theaterroulette der Hauptstadt? Doch die junge Mannschaft der Schaubühne am Lehniner Platz? Hausintern balgen sich die beiden Führungsfiguren Sasha Waltz (Tanz) und Thomas Ostermeier (Schauspiel) angeblich schon um die Finanzierung ihrer Sparten. Und weil die Schaubühne wie das BE als privatrechtliche GmbH geführt wird, entstünden für den Senat im Kürzungsfall keine Folgekosten. Geldhahn zu, Theater tot.

Das erste Berliner Theater-Notopfer ist so gut wie schon gebracht: das laut einem Gutachten nicht mehr förderungswürdige Steglitzer Schlosspark-Theater. Es gilt als sicher, dass der Senator der Empfehlung folgt und die gut 1,6 Millionen Euro für das Haus sperrt. Dann, so Hausherr Heribert Sasse, sei er gezwungen, den Laden dichtzumachen.

Doch müssen Theaterschließungen wirklich sein - oder könnten die Bühnen aus eigener Kraft noch mehr sparen? Im künstlerischen Bereich »geht nicht viel mehr«, sagt der Regisseur Jürgen Flimm (siehe Seite 188) wie viele seiner Kollegen. Genauso einig aber sind sich Deutschlands Intendanten in ihrem Lamento über ein Grundübel: das starre Tarifsystem, das für die Entlohnung vor allem der nicht-künstlerischen Theaterbeschäftigten immer neue Kostensteigerungen erzwinge.

Für die meisten Bühnen gelten dort wie für den übrigen Öffentlichen Dienst so genannte Flächentarife. Doch anders als die Friedhofsämter und die Müllabfuhr müssen viele Intendanten die Mehrausgaben fürs Personal selbst einsparen. Die Subventionen werden in der Regel nicht erhöht. So fressen die Lohnkosten mehr und mehr den letzten Rest fürs Künstlerische auf.

Da wirkt es wie ein kühner Befreiungsschlag, »geboren aus Not« ("Frankfurter Allgemeine"), wenn nun ein Theaterleiter im Alleingang - halb Sisyphos, halb Herkules - das System aushebeln will. Stephan Märki, Generalintendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar, spricht denn auch nicht von einem Plan, sondern gleich von einer »Vision«.

Gelingen kann der Ausbruch aus der Tarif-Falle allerdings nur, wenn die Angestellten seines Hauses aus der Gewerkschaft austreten und sich von Betriebs- oder Personalrat vertreten lassen. Lohnverzicht in Krisenzeiten nicht ausgeschlossen.

Märki zürnt über Verordnungen, die ganz genau regeln, welche Angestelltengruppe welche Tätigkeit in welchem Zeitraum wie lange ausüben darf - etwa über die starren Schicht-Regelungen für Bühnenarbeiter, die vorsehen, dass unter Umständen vier Männer für vier Stunden anrücken müssen, um die Arbeit zu tun, die einer in einer halben Stunde erledigen könnte.

Durch Betriebsvereinbarungen will er seinen Apparat verschlanken und erreichen, dass nicht mehr wie bisher »der Schreiner, der einen Stuhl gebaut hat, ihn nicht auch auf die Bühne tragen darf«, weil Tarifverträge dies verhindern.

Sein erträumtes »modernes Arbeitszeitmodell«, das laut »FAZ« ein »Modell für die Republik werden könnte«, ließ sich Märki von einer Berliner Anwaltskanzlei erarbeiten. »Zehn Prozent« seiner Mitarbeiter, vor allem bei der Technik, will er einsparen und so finanziell wieder Luft fürs (in Weimar bislang nicht allzu berauschende) Künstlerische gewinnen.

Auch in anderer Hinsicht ist der Fall Weimar durchaus symptomatisch. Denn eigentlich sollten die Bühnen der Klassikerstadt nach einem Beschluss der Erfurter

Landesregierung mit denen der 22 Kilometer entfernten Landeshauptstadt fusionieren. Nur: Die Weimarer spielten einfach nicht mit.

Für 60 Millionen Euro entsteht in Erfurt zurzeit ein Opernhaus, das könne doch, so der Plan von Kulturministerin Dagmar Schipanski (CDU), von Weimar mitbespielt werden. Doch damit löste sie eine gewaltige Protestwelle aus: Mit Lichterketten und Demonstrationen kämpften die wackeren Weimarer um die Eigenständigkeit ihres Theaters. Schließlich zeigte sich auch der Stadtrat bockig und versagte die Zustimmung zur Fusion. Nun sind die Erfurter eingeschnappt. Eine ungute Situation, denn das Land steuert 15,5 Millionen Euro zum Bühnenetat der Weimarer bei, die Stadt bringt dagegen nur 3,2 Millionen Euro auf.

Kultur ist ein Bürgerrecht - nur wer soll dafür bezahlen? Wolfgang Paul, beim Gewerkschaftsriesen Ver.di für die Theater zuständig, droht dem Weimarer Intendanten schon mal mit Streik ("Die Tarifbindung und die Friedenspflicht gehören zusammen"). Aber wen soll er dazu auffordern, wenn die Kollegen ihre Mitgliedsbücher zurückgeben?

Letztlich jedenfalls, so sagt auch der Gewerkschafter Paul, müsse sich die ganze Gesellschaft darüber klar werden, »ob sie sich noch qualitätsvolles Theater leisten« wolle oder nicht.

So soll es am Ende auch in der nationalen Kulturprunkstadt Weimar am liebsten der Bund richten - wie in Berlin: Ein neuer Hauptstadtvertrag müsse endlich her, verlangen dort fast alle Metropolen-Politiker. Denn, so meinte der Weimarer Ex-Intendant Johann Wolfgang Goethe 1823 altersweise: »Am Ende ist doch das schlechteste Theater besser als die beste Langweil.« JOACHIM KRONSBEIN

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