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Kunstmarkt So ernst

Die Deutschen kommen auf den New Yorker Kunstmarkt. Besonders dringend erwartet: »Weltmeister« Beuys.
• aus DER SPIEGEL 34/1972
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Leo Castelli, Galerist in New York, wartet »auf die Erscheinung des Messias« -- und kennt auch, seit Jahren schon, dessen Namen: Joseph Beuys, Bildhauer aus Düsseldorf.

Der Kunstprofessor vom Rhein soll, so will es Castelli, die New Yorker Kunst-Szene der siebziger Jahre »spirituell und organisch befruchten«.

Seit Pop Art Museumskunst geworden ist und Andy Warhol, seiner Macher-Mühen müde, sich nostalgisch auf das Sammeln von Kunst-Stücken aus der Vorkriegs-Ära verlegt hat, hoffen viele New Yorker Künstler, Händler und Kunstbetrachter gemeinsam auf einen Beweger. der ein neues Leitmotiv für die Kunst dieses Jahrzehnts anschlägt. Und mehr und mehr richten sie ihre Hoffnungen dabei ostwärts: nach Europa.

Zumindest Castelli weiß, daß sein Erlöser kommt. Freilich noch nicht zur Ein-Mann-Gala in seiner Galerie, doch immerhin auf Stippvisite im Kollektiv:

Gemeinsam mit zehn rheinischen Kollegen soll Bildner Beuys als Star einer Ausstellung des New Yorker Guggenheim-Museums ("Amsterdam, Paris, Düsseldorf -- Jüngere europäische Künstler") das westdeutsche Kunst-Zentrum vertreten.

Noch nie zuvor hatten Werke deutscher Künstler im Kunstbetrieb und auf dem Kunstmarkt der USA so gute Chancen. Wenn die Guggenheim-Schau (im September) beginnt, geht im New Yorker Museum of Modern Art (MO-MA) eine andere Ausstellung deutscher Kunst gerade zu Ende -- die erste umfassende US-Retrospektive des Hannoverschen Dadaisten Kurt Schwitters.

Zaghaft beginnt die bisher »absolut chauvinistische« Kunst-Landschaft Amerika (so Guggenheim-Direktor Thomas M. Messer) sich zu öffnen. Und dank der »konsequenten Internationalisierung« (Galerist Dieter Brusberg) der deutschen Szene, die Händler aus Übersee mit dem »Kölner Kunstmarkt« und vielen Renommier-Ausstellungen lockte. profitieren davon vor allem deutsche Künstler: Sie empfangen nun endlich jene höchsten Kunstmarkt-Weihen« die -- trotz einer gewissen Finanz-Flaute -- New York noch immer zu vergeben hat.

Bis vor kurzem hatten sich die Deutschen in Manhattan viel schwerer getan. Als beispielsweise 1964 die »Zero«-Künstler Mack, Piene und Uecker ihre in Europa als Luxus-Avantgarde gerühmten Werke in der Galerie Howard Wise vorführten, konnten ortsansässige Kenner diesen Licht-Spielen nur wenig abgewinnen. Sie hatten, wie Castelli gesteht, genug mit ihrer eigenen. amerikanischen Kunst zu tun und »für so etwas überhaupt kein Auge«.

Heute werden die »Zero«-Leute von großen New Yorker Gaterien, vor allem von der eleganten Pariserin Denise René, vertreten, die durch eine Düsseldorfer Dependance zwanglos Kontakt zu den Künstlern von Rhein und Ruhr hält.

Konrad Klapheck, der (jetzt zur Guggenheim-Equipe zählende) Düsseldorfer Maschinen-Metaphysiker, hatte schon 1969 Glück. Einer der wichtigsten Galeristen und Trendmacher, Sidney Janis, interessierte sich für seine magischen Bilder und verhalf ihm prompt zu internationalem Ruf.

Einen soliden New Yorker Marktanteil indes haben bislang nur zwei jüngere deutsche Künstler -- und nicht eben die aktuellsten -- erringen können: die Maler Horst Antes und Paul Wunderlich.

Antes. der neoexpressionistische Gnomen-Maler aus Karlsruhe, ist schon seit Jahren in amerikanischen Privatsammlungen gut vertreten, und der »New York Times«-Kritiker John Canaday verdankt ihm »neue Freuden der Farbe«.

Antes-Händler John Lefebre ("Ich will sein Mohammed sein") glaubt das Geheimnis des Erfolges zu kennen: »Antes ist so ernst.« Lefebre hingegen kann heiter sein -- er hat seit 1967 schon mehr als hundert Zwerg-Bilder zu Preisen um 12 000 Mark verkauft.

Der Galerist, 1933 aus Berlin emigriert, ist für den Aufschwung der deutschen Kunst in New York eine Art Schlüsselfigur. Er lancierte etwa -- Beispiele schon abgehangener Gediegenheit -- den Freiburger Innerlichkeits-Maler Julius Bissier und den Parisdeutschen Kalligraphen Hans Hartung. Beide. Bissier und Hartung, wurden von der Kritik als »wahre Entdeckungen« gefeiert. und zumal die Bissier-Ausstellung war rasch ausverkauft.

Ein zweiter Protagonist des auslandsdeutschen Kunstmarkts ist George W. Staempfli, der 1935 in Erlangen über Rilke promovierte, in der Nachkriegszeit nach New York kam und dort an der Madison Avenue Tür an Tür mit Lefebre residiert. Wie Lefebre schätzt er die gemäßigte Moderne und deutsche Wertarbeit: Paul Wunderlich aus Hamburg kam durch ihn zu Ansehen in der Neuen Welt.

Aus Anlaß seiner Premiere bei Staempfli (im April 1970) nannte »Time« den Lithographen »eleganter als Beardsley, graphischer als Grünewald«, und eine MOMA-Mitarbeiterin findet ihn »so wunderbar perfekt -- wie kaum einen Amerikaner«.

Die rege Nachfrage nach Produkten des virtuosen Erotikers kann Staempfli (der auch den Bildhauer Bernhard Heiliger und den in New York mit monumentalen Freiskulptur-Aufträgen geehrten Landshuter Plastiker Fritz König vertritt) befriedigen, weil er mit dem Pariser Wunderlich-Promoter Heinz Berggruen und, vor allem, mit dem deutschen Galeristen Dieter Brusberg vorteilhaft zusammenarbeitet. Brusberg wiederum nutzt die Verbindung gern, um auch andere Künstler seiner Galerie in New York durch Staempfli anbieten zu lassen -- etwa den Wunderlich-Schüler Peter Paul.

Bald wird auch der junge Kölner Exakt-Maler Jorge Stever sein New Yorker Galerie-Debüt haben, und als Vorhut der entschiedeneren Neuerer kam jüngst der Wasser-Schöpfer Klaus Rinke.

Mit der Rheinländer-Riege wird Rinke nun im Guggenheim-Museum erwartet. Unbestrittener Mannschaftsführer jedoch ist Joseph Beuys, den Castelli zum »Weltmeister der Kunst« erklärt.

Als Weltmeister freilich ist Beuys an der Guggenheim-Ausstellung »eigentlich gar nicht mehr interessiert«. Und der Künstler, der statt Fettecken und Filzanzügen nur noch, agitierend, eine »direkte Demokratie« hervorbringen möchte, kann sich auch »einfach nicht vorstellen«, daß das politisch keusche Museum diesen »neuen Kunstbegriff akzeptiert«.

Dem in New York ansässigen Deutschen Hans Haacke jedenfalls hatte Guggenheim-Chef Messer im Frühjahr 1971 eine geplante Show wegen politischer Tendenzen abgesetzt.

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